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Wird der FC Bayern der große Gewinner der Krise?

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Hansi Flick, FC Bayern München - Ligastheniker

Fotocredit: Imago

VonThilo Komma-Pöllath
06/04/2020 Am 12:00 | Update 06/04/2020 Am 16:40

Der LIGAstheniker richtet seinen Blick in dieser Woche auf den FC Bayern München - und bescheinigt dem Rekordmeister, dass dieser zum großen Gewinner in der aktuellen Krisensituation werden dürfte. Wegweisende Personalentscheidungen und grundsolide Finanzen könnten sich als Trümpfe nicht nur in den nächsten Wochen und Monaten erweisen, gerade gegenüber mancher Konkurrenz in Europa.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

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es ist eine sehr angenehme Nebenerscheinung der Viruskrise, dass der Branchenführer im deutschen Fußball sich derzeit so stark zurücknimmt.

Kein Mia-San-Mia-Gebrüll, keine Affären wie üblich, dem unvermeidlichen Boateng zum Trotz. Fast hat es den Anschein, als genieße der FC Bayern diese außerordentliche Situation, um über sich und seinen weiteren Weg zu reflektieren, um endlich mal zur Ruhe zu kommen, die man an der Säbener Straße bekanntlich nie hat.

So angenehm heruntergekühlt, ja beinahe entspannt – zumindest von außen betrachtet – hat man die Bayern lange nicht gesehen.

Da haut der zweitwichtigste Fußballboss der Liga, Dortmunds Aki Watzke, einem ein ums andere Mal in polternden Interviews seine Verlustängste und die Panik seiner halbierten BVB-Aktie um die Ohren, aber Counterpart Karl-Heinz Rummenigge bleibt erstaunlich still in der Corona-Krise, initiiert beinahe selbstlos ein Ligahilfspaket in Höhe von 20 Millionen Euro, obwohl es gerade seine Bayern am härtesten treffen kann. Wer ganz oben steht, fällt immer tiefer.

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FC Bayern goes Nachhaltigkeit

Doch offenbar lassen die Münchner die spielfreie Zeit nicht ungenutzt und es sieht fast so aus, als hätte den ewig gierigen "Wir-wollen-drei-Titel-holen"-Bayern das Nachdenken gutgetan. Die Vertragsverlängerung mit Hansi Flick, der in weniger sensiblen Zeiten wohl nie Cheftrainer beim FC Bayern geworden wäre, ist so ein Hinweis, dass sich zumindest aktuell eine etwas andere Grundstimmung ausbreitet.

Runter von der Überhitzung, weg vom Alphatierchengehabe der Altvorderen (Rummenigge gegen Hoeneß geht zum Glück ja nicht mehr), hin zu mehr nachhaltigen, sinnstiftenden Entscheidungen, die dem Verein tatsächlich eine längerfristige Perspektive geben. Die Flick-Personalie ist so eine Entscheidung.

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Das Prinzip Flick

Der treue Hansi ist nur auf den ersten Blick so brav und harmlos, in Wirklichkeit könnte er den Verein in den kommenden drei Jahre mit modernem Spiel prägen. Das Prinzip Flick hat viele Rezeptoren, an denen Fans wie Experten andocken können:

Seine Auffassung von Fußball ist schön, schnell und offensiv; sein Faible für junge, hochtalentierte Spieler wie Serge Gnabry, Kingsley Coman, Davies oder Joshua Zirkzee ist ausgeprägt; unter Flick ist der einzige bayerische Identifikations- und Kristallisationspunkt Thomas Müller als verlängerter Arm und Spielertrainer wieder die Mitte des Spiels; und weil Flick sich Mitsprache bei Transfers ausbedungen hat, darf man hoffen, dass in Zukunft keine Unsinnstransfers wie Coutinho oder James mehr gemacht werden, sondern nur solche mit einer Perspektive.

Spielertypen wie Alphonso Davies, die deshalb idealtypische Flick-Spieler sind, weil sie sein 3-plus-1-Credo vereinen: Jung, talentiert, ehrgeizig und lernwillig.

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Vorteil für den Festgeldkontoverein?

Und das ist vielleicht die zweite große Krisenerkenntnis der Bayern, weshalb an der Säbener derzeit alles so harmonisch scheint. Wenn die Coronapause weiter anhält, wird sich der überhitzte Transfermarkt in einer Art und Weise abkühlen und bereinigen, die dem solide wirtschaftenden Festgeldkontenverein Bayern München zum Vorteil werden dürfte.

Ein Unternehmen, das immer schon seine Ausgabenseite im Blick hat, ist in jeder Krise besser aufgestellt. Das gilt auch für den Fußball. Fakt ist: Die apokalyptischen Transfersummen wird es nach Corona so erstmal nicht mehr geben. Sie werden tendenziell sinken, nicht steigen.

Krisengeplagt sind derzeit alle: Ob klubbesitzende Erdöl-Scheichs, deren wichtigstes Produkt in der Krise deutlich weniger nachgefragt ist, oder klubbesitzende Hedgefonds, Finanzinvestoren oder singuläre Milliardäre, deren Werte an den Börsen schmelzen wie Erdbeereis im Frühling. Und damit trifft es Vereine wie Paris, Chelsea, Liverpool deutlich härter als die Bayern. Auch die notorisch überschuldeten Real und Barcelona dürften sich deutlich schwerertun, in der Post-Corona-Phase weiter beliebig Geld aufzunehmen und Scheich- und Financial Fairplay-Geplagte wie Man City sind doppelt getroffen.

Gut möglich also, dass der FC Bayern in Zukunft wieder eine realistische Chance, selbst die Spieler zu bekommen, die er vor der Krise nicht bekommen hat, weil sie nicht zu bezahlen waren.

Derzeit besteht die bayerische Kaufoption aus Leroy Sané oder Timo Werner. Wie man hört, will Flick Werner, obwohl der – festgeschrieben - 60 Millionen Euro kosten soll. Wer in der größten Strukturkrise der Liga über ein so großes Investment nachdenken kann, der kann unmöglich selbst in der Krise sein.

Gut möglich, dass der FC Bayern selbst dann, wenn die Saison vorzeitig abgebrochen wird, mindestens einen Titel sicher hat: Den des großen Gewinners dieser Krisensituation.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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