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Bayern und BVB haben das Nervenflattern

Bayern und BVB haben das Nervenflattern

21/10/2019 um 13:25Aktualisiert 21/10/2019 um 19:35

Der LIGAstheniker nimmt sich in seinem Bundesliga-Blog den FC Bayern und Borussia Dortmund vor und stellt Nervenflattern bei den beiden Topteams fest. Es ist für ihn ein herausstechendes Motiv des bisherigen Saisonverlaufs sowohl beim BVB wie auch bei den Münchnern. Wird die Spitze in der Bundesliga tatsächlich breiter, wie die Tabelle zeigt, oder wackelt das Selbstverständnis von BVB & FCB?

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

zur Erinnerung an eine gefühlt schon etwas zurückliegende Erfolgsdekade des FC Bayern, die, mit "Mia San Mia" seinen präzisen Ausdruck fand, lohnt ein Blick hinein in die Wirklichkeit der Gegenwart: die Pressekonferenz nach dem Spiel in Augsburg am Wochenende. Da wird Martin Schmitt, Trainer des FCA, von Journalisten gefragt, ob am Ende die mutigere Mannschaft mit dem späten Ausgleich zum 2:2 belohnt worden sei, als Niko Kovac plötzlich dazwischen grätscht wie einst Katsche Schwarzenbeck.

"Martin, entschuldige bitte, aber das muss ich jetzt mal klären", sagt Kovac sichtlich angebohrt:

"Wir müssen schon bei der Wahrheit bleiben."

Wenn ein Trainer nach den 90 Minuten noch Klärungsbedarf in Bezug auf die Wahrheit hat, die im Fußball bekanntlich auf dem Platz liegt und nicht im Pressezentrum in den Stadionkatakomben, dann ist das eher keine gute Nachricht für einen Trainer. Wirklich bitter ist das für den Trainer des Rekordmeisters, der deutschen Nummer eins im Klubfußball, die von sich selbst in Anspruch nimmt, als europäische Größe über den Dingen im Bundesliga-Alltag zu stehen. Und dann muss man der wahlweisen ahnungslosen oder kritischen Öffentlichkeit hinterher erklären, dass das alles doch ganz, ganz anders war.

So weit ist es also gekommen. Das historisch verbürgte, von allen gemeinsam heruntergebetete Narrativ, dass die Bayern die Liga nach Belieben beherrschen, stimmt aktuell eben nicht mehr.

Liegen die Bayern-Nerven schon wieder blank?

Jetzt könnte man "Augsburg" sportlich analysieren, dass die Bayern wieder einmal aus ihrer Ballbesitz-, Überlegenheits- und Torchancenmaschinerie nichts, oder zumindest hanebüchen wenig gemacht haben. Wer in 90 Minuten 79% der Zeit den Ball hat und 24-mal aufs gegnerische Tor schießt und dann nicht gewinnt, bei dem liegt das Problem ganz offensichtlich woanders.

Sage nicht ich, sondern der Neuer Manuel. Er spricht von einem "Kopfproblem" und er muss es wissen, so nah wie er dran ist am Team. Kurios: Da verhaut man den Champions League-Finalisten Tottenham mit 7:2, aber in München liegen die Nerven schon wieder blank. Wieder einmal, und jedes Mal aufs Neue, wenn ein, zwei Ergebnisse nicht stimmen. Da lässt sich nach Augsburg der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge mit den Worten zitieren, er habe zwar Zeit, aber er werde dazu nichts sagen.

Spätestens da bekommt man ein Gefühl dafür, wie resilient man nervlich gebaut sein muss, um als Trainer in München erfolgreich arbeiten zu können.

Die halbe Tabelle auf Meisterkurs

Der Blick auf die Tabelle, die so ausgeglichen daher kommt wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr: die komplette obere Tabellenhälfte, von Gladbach ganz oben bis zum neunten Leverkusen liegen, nur zwei Punkte getrennt, nahezu gleich auf. Das ist großartig für die Fans. Ein Grund nervös zu werden müsste das für keinen sein, dafür ist die Saison nach Spieltag acht noch viel zu jung. Was soll jetzt schon entschieden sein, was man nicht noch korrigieren könnte?

Tatsächlich aber ist das Nervenflattern der beiden deutschen Spitzenklubs Bayern und Dortmund ein herausstechendes Motiv des bisherigen Saisonverlaufs.

Wird die Spitze tatsächlich breiter oder wackelt das Selbstverständnis von BVB & FCB?

Spitzenteam-Paradox: Zweifel & Überheblichkeit

In dieser Woche sollen unsere Vorzeige-Nervenbündel dann wieder in Europa den Hammer herausholen und zeigen, was Sache ist. Wie das gehen soll, mit "Nerven wie Spinnenfäden", wie die "Süddeutsche Zeitung" über die Bayern schrieb, in Piräus und bei Inter nicht nur zu bestehen, sondern paradoxerweise gleichzeitig den Zweifel im Kopf und die eigene Überheblichkeit (Neuer spricht von einer zu großen Lässigkeit) zu besiegen, das scheint mir dann doch ein bisschen viel verlangt.

Die Bayern haben immer wieder gezeigt, dass sie das können, in der entscheidenden Phase ab dem Halbfinale waren sie dann meist erschöpft. Wenn Sie es am Dienstag nicht auf den Platz bringen, muss der Trainer danach in den Katakomben wieder die Wahrheit auf den Platz erklären. Die Frage ist nur, ob Vorstandsspitze Rummenigge dann nicht nur Zeit, sondern auch den Zorn hat, wieder etwas sagen zu wollen.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

Video - Schreck im Bayern-Training: Kovac bricht Einheit ab

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