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Nagelsmann macht's möglich: Warum Leipzig gegenüber BVB und Bayern im Vorteil ist

Nagelsmann macht's möglich: Warum Leipzig gegenüber BVB und Bayern im Vorteil ist

23/09/2019 um 14:00Aktualisiert 23/09/2019 um 16:46

Der LIGAstheniker kürt RB Leipzig nach den ersten fünf Spieltagen der neuen Bundesliga-Saison zum Team der Stunde. Einen entscheidenden Beitrag leistet dabei Trainer Julian Nagelsmann, der auf dem besten Weg ist, sein Team auf ein neues Level zu heben. "Dortmunder Mentalitätsprobleme" und Münchner "Sensibelchen" werden im Vergleich offensichtlich. Leipzig hat im Dreikampf verdient die Nase vorne.

Liebe Fußballfreunde,

also rein psychologisch war das mal ein richtig interessanter Spieltag an der Spitze. Da wird der Kapitän von RB Leipzig, Willi Orban, nach dem Auswärtssieg in Bremen interviewt und Orban spricht von der Art und Weise wie der superehrgeizige Neutrainer Julian Nagelsmann die Leipziger fordert - und oft auch überfordert. Orban sagt, das Training unter Nagelsmann sei "kognitiv sehr anspruchsvoll", er sagt tatsächlich kognitiv, das hat man von einem Profifußballer noch nicht gehört.

Es hörte sich so an, als hätte das Silicon Valley ein Template für die Zukunft des Fußballs erfunden, und der innovative Tüftler und Taktiker Nagelsmann wäre der erste, der die Zukunft auf dem Platz umsetzen darf - auch wenn die Spieler noch nicht ganz genau wüssten, was es bedeutete. Im Gegenschnitt dazu wirkte das, was die historischen Ligagrößen Bayern und Dortmund an diesem 5. Spieltag zu präsentieren wussten, wie eine innovationsfreie Durchschnittsperformance, die niemand an die Zukunft des Spiels denken ließ.

Der Nagelsmann-Faktor

Die Frage, was Nagelsmann da genau mit den Rasenballern in Leipzig veranstaltet, dürfte FCB und BVB kaum noch aus den Gehirnwindungen weichen. Nicht deshalb, weil das immer spektakulär ist, was die Leipziger da tun, sondern weil das offensichtlich erst der Anfang ist.

Ralf Rangnick, Vorgänger von Julian Nagelsmann, der immer gerne so tat, als hätte er den modernen Pressingfußball erfunden, wird in seinen Kabinenbesuchen feststellen, dass da einer noch besser ist als er selbst: Ein fast 30 Jahre jüngeres Update seiner Selbst. In den Taktikanalysen des Fernsehens zogen die TV-Erklärer eine künstliche Linie genau dort, wo die Leipziger die im Angriff befindlichen Bremer erwarteten. Das Ergebnis: 5,22 Meter hinter der Mittellinie.

So hoch steht kein anders Team in der Liga, das ist riskant für alle, die das nicht können. Mit dem Unterschied: Leipzig kann das! Der Beweis: Drei Gegentore sind die wenigsten der Liga (zusammen mit Wolfsburg). Und was sagt Marcel Sabitzer nach dem Spiel, der unter Nagelsmann eine Liga besser spielt als unter Rangnick: Das Gegenpressing, die Spieleröffnung, das Umschaltspiel, das gehe alles noch viel besser.

Da mag auch viel marktschreierisches Bla Bla dabei sein, aber allein, dass den Leipzigern ihr Ehrgeiz und ihr Selbstbewusstsein so aus Mund und Ohren quillt, konterkariert das Auftreten zu den beiden Klassenprimussen aus München und Dortmund.

BVB: Auf der Suche nach Mentalität

Nach dem in vorletzter Minute vergeigten Auswärtssieg in Frankfurt schnauzte Dortmunds Kapitän Marco Reus den Reportern entgegen, man solle ihm jetzt nicht schon wieder "mit eurem Mentalitätsscheiß" kommen.

Da wird schon in der Tonalität ein ganz anderer Aggregatszustand einer Mannschaft deutlich, der vor Ligabeginn ob ihres vorzüglich talentierten Kaders, einer stimmigen Transferpolitik und einer "Jetzt erst recht"-Stimmung zugetraut wurde, es diesmal besser zu machen als noch im letzten Jahr, als selbst ein großer Vorsprung auf malade Bayern nicht zum Meistertitel taugte.

Video - BVB stolpert in Frankfurt: Enttäuschter Favre hadert mit Chancenverwertung

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Mentalitätsproblem? Ach wo, säuselt der von mir so geschätzte BVB-Trainer Lucien Favre, der nach einem Spiel kaum einen zusammenhängenden Satz herausbekommt. Übrigens genau der Trainer, der in der Vorsaison die Meisterschaft zu einem Zeitpunkt aufgab, als noch alles möglich schien.

Leipzigs Counterpart Nagelsmann zog es vor in Bremen in ganzen Sätzen laut zu werden: In der Halbzeit, in der Kabine, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, RB führte da längst mit zwei Toren, was offenbar nicht genug war. Zufall?

Bayerische Sensibelchen

Und die Bayern? Klar, rein ergebnistechnisch könnte es gar nicht besser laufen. Köln, Belgrad, zwei Siege, sieben zu null Tore. Aber anschauen konnte man sich das inspirationslose Gekicke stellenweise nicht. Klar, es fallen Tore, weil vorne ein Robert Lewandowski steht. Aber wissen Thiago & Co. welches System sie spielen? Spielen sie überhaupt ein System? Und warum verlieren sie nach einem 1:0 so sichtbar die Lust, dass man vor Langeweile einnicken könnte.

Von "Sensibelchen" sprach Bayern-Trainer Niko Kovac vor dem Belgrad-Spiel, er meinte seinen neuen Weltstar Philippe Coutinho, aber es klang wie ein Kommentar zur gegenwärtigen Verfasstheit seines Klubs, dessen Aufgeregtheitsmodus durch die jüngsten Entgleisungen seines Noch-Präsidenten Uli Hoeneß noch einmal Nahrung bekam.

Rein kognitiv betrachtet halten wir an Spieltag 5 fest: Leipzig ist der derzeit sich selbst bewussteste Klub der Liga, der sensible Bayern und mentalitätsscheue Borussen ein wenig überfordert. Wie wohl "Mia San Mia" auf sächsisch klingt?

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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