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Der LIGAstheniker: Willkommen zu Bashing Niko Kovac, Season two!

Der LIGAstheniker: Willkommen zu Bashing Niko Kovac, Season two!

19/08/2019 um 11:47Aktualisiert 19/08/2019 um 15:33

Der FC Bayern München holpert mit einer Supercup-Pleite und einem 2:2 gegen Hertha BSC in die Saison. Sofort dringen Kabinen-Interna nach außen und Trainer Niko Kovac werden massive Probleme unterstellt. Was ins Bild passt, hat sich um den Bayern-Coach doch längst der Volkssport der taktischen Nachrede etabliert. Was Karl-Heinz Rummenigge gern dadurch begünstig, dass er Kovac bewusst klein hält.

Liebe Fußballfreunde,

willkommen zurück in der Bundesliga-Saison 19/20, die als Season Two der recht erfolgreichen "Netflix"-Serie "Bashing Niko Kovac" ab sofort abrufbar ist.

Der FC Bayern ist derzeit kein großer Klub, das kann man an der naiven Transferpolitik erkennen, die genauso wenig eine Idee erkennen lässt, wie das Spielsystem von Niko Kovac.

Hinzu kommt eine zuweilen selbstzerstörerische Stimmungslage, in der offenbar jeder sich am Trainer als Hauptschuldigen schadlos halten darf, wie er gerade Lust dazu hat. Sanktionen gibt es keine.

Großer Trainer, großer Klub?

Jüngstes Beispiel diesmal, nicht der Vorstandsvorsitzende Rummenigge selbst, der zum turnusmäßigen Kovac-Bashing ausholte, sondern "Hinterbänkler" Joshua Kimmich, der nach dem müden Hertha-Kick die späten Wechsel monierte, ausgerechnet Kimmich also, der sportlich seit einem Jahr auf der Stelle tritt.

Prompt insinuierte "Bild" ein "Kabinen-Problem" für Kovac. Dabei hat Kovac ein ganz anderes Problem: Er ist ganz sicher nicht der größte Trainer der Welt. Kovac ist zu oft zu zögerlich, welche Art Fußball er spielen lassen will.

Auch nach über einem Jahr ist unklar, was er mit der Dominanz und den Spielanteilen anfangen will, wie er sie auf dem Feld fruchtbar machen will, das hat er immer noch nicht klargemacht und seine Spieler schon gar nicht – siehe das Spiel gegen Hertha -, fast scheint es so, als befände er sich noch in der Lernphase, in einer Art "Jupp Heynckes, Louis van Gaal, Pep Guardiola"-Gedächtnisakademie, um dann wirklich als ganz Großer zu reüssieren.

Doch dafür wird ihm bei diesem FC Bayern anno 2019/20, dem unter dem ausklingenden Vorsitz von Karl-Heinz Rummenigge eine konstruktive Betriebs- und Kritikkultur abhanden gekommen ist, die Zeit nicht mehr reichen. Man könnte auch sagen, "Killerkalle" hat seine empathiefreie Persönlichkeit zur Doktrin erhoben, schon allein dafür wird man Uli Hoeneß einmal sehr vermissen.

Bayerns Transferpolitik – naiv und panisch

Noch wichtiger, als die eigenen Defizite, wiegen für Kovac die Mittelmäßigkeiten, die ihn umringen und die auch ein sogenannter Weltstar wie Coutinho nicht ad hoc beheben kann. Die erst naive, dann panische Transferpolitik, die keinen roten Faden aufweist und keine innere Notwendigkeit beinhaltet, außer dass man halt die großen Namen im Markt, die man irgendwie noch kriegen kann, weil sie anderswo möglicherweise nicht mehr gewollt sind, kaufen will.

Ob sie wirklich in den Kader passen? Zweitrangig. Hauptsache Weltstar. Dabei stellen sich Salihamidzic und Kollegen offenbar derart unbeholfen an, dass sie einem gut vernetzten Stringer viel Geld bezahlen, dafür, dass die Bayern überhaupt an die wechselwilligen Spieler herankommen.

Mit Verlaub, aber was macht ein Salihamidzic den ganzen Tag an der Säbener Straße, wenn er die Transfers gar nicht selber hinkriegt? Und von welchen Transfers reden wir? Perisic? Dort, wo es heikel wurde – Sané, Coutinho – haben, wie man hört, die hauptamtlichen Bayern-Manager wenig auf die Kette bekommen.

Dass zur gleichen Zeit, während man sich auf dem Transfermarkt ein bisschen sehr lächerlich macht, in den heimischen Medien vorlaut herumgepoltert wird ("Wenn Sie wüssten, was wir schon alles sicher haben"), das klingt dann doch eher nach Möchtegern und weniger nach "Mia san Mia".

Niko Kovac - Ivan Perisic - FC Bayern München

Niko Kovac - Ivan Perisic - FC Bayern MünchenGetty Images

Kovac wird absichtlich klein gehalten

Und dabei sind wir schon wieder bei Trainer Niko Kovac, der aus einem unausgegorenen oder zu kleinen Kader eine Wundertüte basteln soll, was selbst Pep nicht hinbekommen hätte. Zumindest hatte man ihm seinerzeit alle Spieler gekauft, die er wollte. Was einfach war, weil Peps Bruder zufällig ein einflussreicher Agent ist.

Rummenigges Daumenschrauben für den ungeliebten, von Hoeneß inthronisierten Cheftrainer Kovac drehen sich mit Beginn der Vorbereitung immer weiter zu. Das erinnert dann stellenweise an eine Restaurantkritik bei Alfons Schuhbeck, dem man seine besten Gewürze wegnimmt und sich dann darüber beklagt, dass das Essen nicht schmeckt.

Die Bayern sind zu keiner rationalen Transferpolitik fähig und büßen muss es der Trainer, der dafür herzlich wenig kann. Das wird auch mit Coutinhos Hilfe keine Saison lang gut gehen, das kann man jetzt schon sehen.

Wie wenig Rummenigge von seinem Trainer hält, konnte man im Umfeld des Sané-Pokers erleben, als er Kovac öffentlich nötigte, sich für ziemlich harmlose Äußerungen bei dessen Trainer Pep Guardiola zu entschuldigen. Nur eines müsste doch klar sein: ein so klein gehaltener Trainer wird man niemals große Titel gewinnen.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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