José Mourinho hatte mehrfach angerufen.

"The Special One" - damals Trainer von Real Madrid - wollte Tim Wiese zu einem Königlichen machen. Deshalb klingelte er im Frühsommer 2012 höchstpersönlich beim deutschen Torwart durch.

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"Er sagte mir, dass er mich haben will, ich mich beweisen kann und dass es einen fairen Zweikampf mit Iker Casillas geben soll", erzählte Wiese selbst Jahre später in einem Interview mit "Sport1".

Es sollte ein Torhüter-Duell mit Casillas um den Platz im Real-Tor geben. Beide Keeper mit gleichen Chancen. Das Angebot kam so unverhofft, es wirkte fast irreal. Offensichtlich auch auf Wiese. Denn der kam ins Nachdenken.

"Casillas war in Madrid ein heiliggesprochener Torwart. Ein Battle mit ihm wäre fast aussichtslos geworden. Und mein Berater Roger Witmann sagte mir nach dem Gespräch mit Mourinho, dass bei solchen Personal-Geschichten immer Reals Präsident entscheide", so der mittlerweile 38-Jährige.

Wittmann war ohnehin schon weit mit einem anderen Verein. Also sagte Wiese dem spanischen Weltklub ab. Und der TSG Hoffenheim zu.

Nach dem Pokalspiel mit Hoffenheim in der ersten Runde beim Berliner AK, als wir 0:4 untergegangen sind. Da habe ich nur gedacht: Scheiße!

"Das war im Nachhinein der größte Fehler in meiner Karriere", sagt Wiese heute. Die Entscheidung gegen Madrid habe er sehr schnell bitter bereut. "Spätestens nach dem Pokalspiel mit Hoffenheim in der ersten Runde beim Berliner AK, als wir 0:4 untergegangen sind. Da habe ich nur gedacht: Scheiße!"

Vermutlich trifft dieser kurze, prägnante Gedanke die Zeit des schillernden Torwarts in der badischen Provinz sehr genau. Denn obwohl Wiese noch vier Jahre bei der TSG unter Vertrag stand, kamen - nach dem Debakel in Berlin - nur noch zehn weitere Spiele hinzu.

Vermutlich der größte Absturz, den ein Bundesliga-Profi binnen einer Saison jemals hingelegt hat.

Tim Wiese bei der TSG Hoffenheim

Fotocredit: Imago

In Bremen keine Titel, in Hoffenheim mehr Geld

Dabei war der 30-jährige Tim Wiese eigentlich gut im Geschäft. Er war eine der schillerndsten Figuren der Bundesliga, lockte Fans allein durch seine Anwesenheit ins Stadion. Noch im Sommer 2012 fuhr er als Torwart Nummer zwei zur Europameisterschaft.

Im selben Sommer lief sein Vertrag in Bremen aus, wo er seit 2006 im Werder-Tor stand. Dort aber sah Wiese keine Zukunft mehr. Zu gering war die Chance auf Zählbares.

"Mit Werder hatte ich eine super Zeit, trotzdem gab es unter dem Strich nur den DFB-Pokal. Titel gewinnst du als Spieler bei Bayern", erläuterte er. Außerdem gab es im Kraichgau noch einen weiteren Vorteil.

"Geld zu verdienen war das, was mir am meisten Spaß gemacht hat. Das war mein Beruf und somit das Wichtigste."

In Hoffenheim konnte er diesem - im Umfeld von Mäzen Dietmar Hopp - perfekt nachgehen. Zudem wollte sein Berater dem Nationalspieler eine Wohlfühloase schaffen.

Berater Wittmann setzt Wiese ins gemachte Nest

Der mächtige Wittmann war zum Zeitpunkt des Wechsels seit mehr als 20 Jahren eng mit Hopp. Der TSG-Boss, so hieß es, vertraue Wittmann und dessen Agentur "Rogon" blind. Gemeinsam hatte man schon große Geschäfte eingetütet.

Luiz Gustavo brachte der Berater einst für kleines Geld zu den Kraichgauern und verkaufte ihn 2011 für 17 Millionen Euro weiter zum FC Bayern. Ähnliches gilt für Carlos Eduardo, der ein Jahr zuvor für 20 Millionen Euro zu Rubin Kazan ging.

Wieses neue Teamkollegen Tobias Weis, Roberto Firminho, Chris und Filip Malbasic waren ebenfalls bei "Rogon" unter Vertrag. Wiese fand also ganz automatisch einen Platz am oberen Ende der teaminternen Hierarchie. Er wurde umgehend zum Kapitän ernannt. Die TSG war nun Wieses Team.

So - berichten Beobachter aus dem Umfeld des Vereins noch heute - soll er auch aufgetreten sein.

Tim Wiese - TSG 1899 Hoffenheim, 2012

Fotocredit: dpa

Klub hilft Wiese mit einer Notlüge

Doch dann ging alles furchtbar schief.

Noch vor der Saison schickte Bundestrainer Joachim Löw im August seine Assistenten in den Kraichgau, um Wiese mitteilen zu lassen, dass er in der Nationalelf zukünftig keine Rolle mehr spielen werde.

Dann folgte das DFB-Pokal-Desaster in Berlin. Und auch in der Bundesliga legte die TSG einen Fehlstart hin: Drei Spiele, drei Niederlagen, 4:11 Tore. Beim 3:5 in Freiburg patzte der neue Torwart zwei Mal und wurde von den Fans verspottet.

Am Wochenende darauf stand er nicht mehr im Tor. Er soll Trainer Markus Babbel darum gebeten haben. Der Klub schützte seinen teuren Neuzugang mit einer Notlüge. Offiziell hatte der Torwart eine Leistenverletzung.

Zwar kehrte er noch einmal ins Tor zurück. Das Vertrauensverhältnis war aber längst nachhaltig beschädigt. Nach fünf Spielen zog sich Wiese einen Bänderanriss zu.

Tim Wiese in der Trainingsgruppe 2 bei der TSG Hoffenheim

Fotocredit: Imago

Wiese fliegt aus dem Kader

Kurz nach seiner erneuten Rückkehr ins Tor im Januar 2013 eskalierte die Situation dann komplett. Nach Vorfällen rund um eine Karnevalsparty und ein Handballspiel der Rhein-Neckar Löwen wendeten sich Sportdirektor Andreas Müller und Neu-Trainer Marco Kurz endgültig von Wiese ab.

Der Keeper wurde aus dem Kader gestrichen und musste fortan alleine trainieren. "Irgendwann ist es zu viel. Ich habe an Tim appelliert, sich professionell in der Öffentlichkeit zu verhalten. Das ist auch Bestandteil der Verträge der Spieler", polterte Müller und vermutete, das Einzeltraining könnte seinem teuersten Angestellten sogar guttun.

Ganz so falsch lag er damit nicht. Denn während die TSG bis zum Saisonende tief im Ligakeller gegen den Abstieg kämpfte, trainierte Wiese locker und ohne Aussicht auf Besserung vor sich hin.

Elf Spiele und drei Jahre bezahlter Urlaub. Wer wünscht sich so eine Zeit nicht?

Nach Saisonende schob man den Torwart zusammen mit dessen aussortierten Kollegen Tobias Weis, Matthias Jaissle, Matthieu Delpierre, Edson Braafheid und Eren Derdiyok in die legendäre Trainingsgruppe 2 ab. Drei Monate hielt dieser Zustand, dann musste Wiese gar nicht mehr kommen.

"Der Hoffenheim-Vertrag war der beste Deal meines Lebens. Elf Spiele und drei Jahre bezahlter Urlaub. Wer wünscht sich so eine Zeit nicht? Das ist wie ein Lotto-Jackpot", erklärte er später einmal. Das war, nachdem er seine einst so vielversprechende Karriere beim achtklassigen SSV Dillingen hatte ausklingen lassen.

Tim Wiese als Wrestler

Fotocredit: Getty Images

Wrestler und Bodybuilder statt Torwart

Ohnehin habe er in den letzten Hoffenheimer Jahren nur noch wenig mit Fußball am Hut gehabt. "Viel Bock auf Fußball hatte ich am Ende sowieso nicht mehr", sagte er in einem Gespräch mit der "Bild"-Zeitung. Und weiter:

"Als Jugendlicher hat es Spaß gemacht. Aber dann wurde aus dem Spaß ganz schnell ein Beruf, und damit ging der Spaß verloren. An dessen Stelle trat immer mehr der Aspekt des Geldverdienens."

Um wieder Lebensfreude zu gewinnen, wandte sich der ehemalige Nationaltorhüter anderen Dingen zu. Als Bodybuilder machte er Schlagzeilen und trat Ende 2016 sogar unter dem Kampfnamen "The Machine" als Wrestler bei einem WWE-Event in Erscheinung.

Auch wenn Wieses Wrestling-Karriere danach nicht wirklich Fahrt aufnahm, kann man doch festhalten: Im Ring hätte er Iker Casillas höchstwahrscheinlich besiegt ...

Der Top-Fußball wird von seinen Superstars geprägt. Besonders dann, wenn sie den Verein wechseln, wird der Einfluss der Ausnahmespieler sichtbar. Eurosport.de blickt auf die Transfers, die die Kräfteverhältnisse in den vergangenen 25 Jahren nachhaltig veränderten, oder eben nicht. Alle bisherigen Teile der Serie(n) kannst Du hier lesen:

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