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Rochade im Revier: Warum Schalke "männlicher" ist als der BVB

Rochade im Revier: Warum Schalke "männlicher" ist als der BVB

30/09/2019 um 14:34

In seiner Bundesliga-Kolumne nimmt sich der LIGAstheniker diesmal die ungleichen Revierrivalen Borussia Dortmund und FC Schalke 04 vor. Nicht nur in der "Mentalitätstabelle" liegt für ihn S04 vor dem BVB, weil das königsblaue Team von Trainer David Wagner effektiver als die Borussen-Elf unter Coach Lucien Favre ist. Das Rennen um die Vormachtstellung im Revier ist in dieser Saison extrem offen.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

"Mit Mentalität schlägt man meistens Qualität."

Ausgerechnet Nübel, der sich den einzigen Gegentreffer quasi selbst reingekloppt und trotzdem nichts von seinem Vertrauen in sich und seine Mannschaft verloren hatte. Um den Unterschied zu Dortmund zu plakatieren reicht es, dem dortigen Torhüter nach erneuten Punktverlusten gegen Bremen zuzuhören. "Wir spielen nicht wie Männer", sagte Roman Bürki ganz gegen den gendergerechten Zeitgeist gewandt. Was ist da los im Revier?

Mentalitätstabelle: S04 vor BVB

Der Blick auf die aktuelle Mentalitätstabelle verdeutlicht noch einmal, was die Torhüterkollegen Nübel und Bürki im Grundsatz meinen: Die Klubs, die mit einem auffallend großen Ego ausgestattet sind, oder sich ihr Selbstvertrauen zuletzt hart erarbeitet haben, stehen oben: Die Mia San Mia-Bayern, die Nagelsmann-Bullen aus Leipzig, die Streiche spielenden Freiburger und eben die Schalker Anno 2019 des neuen Cheftrainers David Wagner.

David Wagner - Trainer des FC Schalke 04

David Wagner - Trainer des FC Schalke 04Imago

Und genau dahinter kommen die, deren Form- und Vertrauensschwankungen Ausschläge verzeichnen, wie die Richter-Skala bei einem heftigen Erdbeben. Auf Schalke ist und war man solche Schwankungen immer schon gewohnt. Die Untrainierbaren von Gelsenkirchen waren selten länger als ein, zwei Saisons sportlich so konstant und abseits des Platzes so skandalfrei, dass sie oben mitspielen konnten.

Die jüngste Vergangenheit bestätigt das nur: 2018 noch Vizemeister unter dem jungen Trainerstar Domenico Tedesco, folgte im Jahr darauf der Abstieg in den Tabellenkeller. Und jetzt darf sich also der Premier League-erfahrene Lehrer David Wagner beweisen. Wohin das führen wird, ist noch völlig unklar. Aber es gibt ein paar interessante Indizien, die zeigen, dass sein Weg ein Weg sein könnte, die "Untrainierbaren" erfolgreich zu trainieren - wenigstens für diese Saison.

Wagners "Laktat-Junkies"

Als David Wagner nach dem Coup in Leipzig nach seiner persönlichen Genugtuung und der Euphorie im Verein gefragt wurde, konterte der Hesse mit dem ihm innewohnenden leisen Spott: Man soll doch all denjenigen Beruhigungstabletten in den Tee geben, die schon nach sechs Spieltagen in Euphorie verfallen würden. Sein Counterpart in Dortmund, Lucien Favre wusste zu der neuerlichen Heimpleite gegen Bremen anzumerken: "Wir haben ziemlich gut gespielt". So sah das in Dortmund nach dem Spiel wohl nur er.

Ein schwaches Spiel schönzureden ist nicht Wagners Art. Er macht seinen Jungs Feuer, und so rennen sie auch über den Platz. Das neue Schalke 2019 ist Ligaspitze, was die gewonnen Zweikämpfe pro Spiel angeht, die Zahl der Sprints und intensiven Läufe. Bei der Laufdistanz pro Spiel gehören sie zu den besten fünf Klubs der Liga. Soweit die Statistiken. Wagner hat seine Spieler bei der Ehre gepackt und sie zu "Laktat-Junkies" erzogen, das ist seine eigene Wortschöpfung, die rennen bis der Arzt kommt. Das war nicht immer so auf Schalke.

BVB spielerischer, Schalke effektiver

Und trotzdem: Der BVB hat - nominell - den deutlich stärkeren Kader, aber Schalke hat mehr Punkte. Wie ist das erklärbar? Schalke ist spielerisch - anders als der BVB - immer noch keine Spitzenmannschaft, aber die Effektivität ist atemberaubend. Jeder vierte, spätestens jeder fünfte Torschuss landet im gegnerischen Netz. Davon kann der BVB nur träumen.

Jadon Sancho, Lucien Favre und Marco Reus

Jadon Sancho, Lucien Favre und Marco ReusGetty Images

Hat Wagner Schalke eine Siegermentalität eingeimpft, mit der noch mehr möglich ist in dieser Saison? Wenn es denn stimmt, was Nübel sagt, also dass Mentalität wichtiger sei als Qualität, dann ist das Rennen um die Vormachtstellung im Revier 2019/20 völlig offen. Und wer im Revier die Nummer eins ist, der spielt gewöhnlich auch in der Liga ganz oben mit. Dann am besten mit beidem: Mentalität und Qualität.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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