Liebe Fußballfreunde, am Ende reichte eine dürre Pressemitteilung aus, um das Ende mit einem Trainer zu besiegeln, der in der Historie des Vereins bestenfalls als Fußnote Berücksichtigung finden wird.

Stilistisch war das konsequent, so farb- und emotionslos war das Wirken von Lucien Favre in Dortmund, dass es nach 29 Monaten und null Titelgewinnen keine großen Entzugserscheinungen geben dürfte. Favre war der falsche Mann, das wussten Vorstand und Mannschaft seit langem, zumindest dann, wenn man eine echte Ambition hatte, den Bayern gefährlich zu werden, und nicht nur davon herumfaselte.

Bundesliga
Favre-Nachfolger beim BVB ab Sommer schon klar?
14/12/2020 AM 06:44

Dass sie ihn dennoch so lange mitgezogen haben, dass müssen sich Aki Watzke und Michael Zorc vorwerfen lassen. Wie sie sich überhaupt infrage stellen lassen müssen, dass sie seit dem Weggang von Jürgen Klopp keinen Trainer mehr finden können, der ihre formidable Scouting- und Transferkunst in sportlich Zählbares umzusetzen vermag.

Thomas Tuchel war Ihnen – trotz Pokalsieg - zu mächtig, Favre war das genaue Gegenteil, ein Mann ohne Einfluss und Standing, und es passt zu diesem katastrophalen 11. Spieltag für die Dortmunder, dass mit Leverkusens Peter Bosz ein Trainer erstmals die Tabellenspitze erobert hat, der beim BVB auch nur ein kurzes Gastspiel geben durfte. Für die nominale Nummer zwei im deutschen Klubfußball war es ein Wochenende mit Totalschaden.

Das Prinzip Favre ein Auslaufmodell

Das Prinzip Favre ist typisch für den BVB, aber das Prinzip funktioniert schon lange nicht mehr. Ein Trainer, der von Anfang an darauf verzichtet, in den internen Abläufen ein einflussreicher Trainer zu sein, der kann niemals ein erfolgreicher Teammanager im europäischen Spitzenfußball sein.

Favre mag methodisch erste Wahl sein, er wäre ganz sicher ein sehr guter Ausbilder in der Verbandsarbeit oder ein veritabler Co-Trainer im Verein mit Blick auf die Alphatiere der Branche - Mourinho, Guardiola, Klopp, Tuchel - muss man sagen: Das kann Favre nicht.

Dass der BVB solange an ihm festhielt, sagt auch viel aus über die innere Befindlichkeit des Klubs.

Wo sind die Spielertrainer des BVB?

Schon die Analyse unmittelbar nach der Stuttgart-Pleite übernahmen andere. Während Favre nicht mehr dazu einfiel, dass man nach dieser "Katastrophe" im nächsten Spiel sofort eine Reaktion zeige müsse - dazu kommt es ja nun nicht mehr - zeigten sich wenigstens zwei aus seiner Mannschaft, Mats Hummels ("Zu viel Geschnicke") und Marco Reus ("Wir sind keine Mannschaft, die verteidigen kann") in ihrer Krisenkommunikation als Führungsspieler.

Der Dortmunder Mats Hummels (r.) im Duell mit Wataru Endo vom VfB Stuttgart

Fotocredit: Getty Images

Das ist in Dortmund an sich schon etwas Besonderes, wenn man sich die allwöchentlichen Pressekonferenzen des BVB anschaut, die in Sachen Kommunikation ein Nicht-Event sind und im Erkenntnisgewinn an das russische Staatsfernsehen erinnern.

Der BVB braucht stante pede mehr denn je "Spielertrainer" wie einen Thomas Müller, Joshua Kimmich oder David Alaba, die nicht nur nach dem Spiel, sondern mitten im Spiel, also auf dem Feld die Verantwortung übernehmen. Dass alle drei der Genannten beim FC Bayern unter Vertrag stehen, erklärt zum einen die in Stein gemeißelte Hierarchie im deutschen Klubfußball und zum anderen das tatsächliche Problem des BVB.

Was nun, Aki Watzke?

Der sensible, ja fast schon unterwürfige Favre war der nur perfekte Sündenbock für Strukturen, die schon lange vor ihm gelegt wurden. Ihm konnte man leicht all das ankreiden, was man letztlich Aki Watzke kritisch fragen sollte. Thomas Tuchel war der Letzte, der den BVB aus seinem Schneckenhaus heraustreiben wollte, der eine klare Zielvorgabe und eine Kampfansage an die Bayern formulierte.

Immer nur Platz vier, also die direkte Champions League-Qualifikation, so die offizielle Mindestvorgabe der Dortmunder Vorstandsetage, ist lachhaft für die Nummer zwei im Land, wenn die Nummer eins als Saisonziel das Triple ausgibt.

Ob es denn auch daran liege, dass der BVB nicht die gleiche Siegermentalität wie der FC Bayern habe, wurde Mats Hummels nach dem 1:5-Stuttgart-Debakel von einem TV-Reporter gefragt. Und was sagte der Ex-Bayer, der es schließlich wissen muss, kleinlaut: "Es ist auf jeden Fall ein Teil des Ganzen".

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke (r.) im Gespräch mit Jungstar Youssoufa Moukoko

Fotocredit: Getty Images

Beim BVB gesucht: Ein Selbstbewusstseinstier

Egal wer nun langfristig als Chefcoach nach Dortmund kommt: Es ist dem BVB zu wünschen, dass Aki Watzke endlich über seinen Schatten springt und auf Augenhöhe einen Trainer akzeptiert, der charakterlich und fachlich ein Selbstbewusstseinstier ist, der sich diesen sowohl orthografisch wie syntaktisch einfachen deutschen Satz unfallfrei und mit Verve auszusprechen traut:

Ich will Deutscher Meister werden!

Die Zeit der Ausreden ist vorbei.

BVB FEUERT FAVRE: RICHTIGE ENTSCHEIDUNG?

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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