Der Trainer ist einer der wichtigsten Angestellten eines Fußballvereins. Diese These ist nicht besonders kühn, wenn man ehrlich ist.
Schließlich ist er es, der im Zusammenspiel mit den Spielern für den Erfolg des Vereins verantwortlich ist. Es können neben dem Platz noch so herausragende Werbedeals, Kooperationen oder sonst was abgeschlossen werden, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt, ist alles andere meist schnell Schall und Rauch.
Klar ist da nur, dass der Coach Mitspracherecht dabei erhält, welche Akteure sich in seiner Mannschaft befinden. Wer kommt? Wer geht? Wer bleibt? All das sind Fragen, die das direkte Arbeitsumfeld des Trainers betreffen. Schließlich beeinflussen sie seine Hauptaufgabe: Die Aufstellung des Teams an Spieltagen.
Bundesliga
Flick lässt Bayern zappeln: Wohl keine zeitnahe Entscheidung
15/04/2021 AM 15:08
Umso verwunderlicher ist es deshalb, dass ausgerechnet beim erfolgreichsten deutschen Verein, dem FC Bayern, ein Machtkampf darüber entbrannt ist, wie groß der Einfluss von Coach Hans-Dieter Flick auf die Zusammenstellung des Kaders sein darf.
Sportvorstand Hasan Salihamidzic sieht genau das nämlich als Grundpfeiler seines Jobs an. In Folge dessen schwelt zwischen beiden ein Streit, der fast unvermeidlich im Abgang einer der Parteien enden muss.
"Es muss und wird einer gehen. Ich persönlich würde an Bayerns Stelle versuchen, Flick zu halten", schätzte jüngst Lothar Matthäus ein. Der 56-Jährige sei "für den Gesamterfolg dieses Klubs wichtiger als Brazzo".

Bayerntrainer hatten meist Mitspracherecht bei Transfers

Wahrscheinlicher ist aber, dass Flick das Weite sucht und dem Konflikt durch einen Wechsel auf den Posten des Bundestrainers ausweicht. Für die Bayern würde dies den Verlust eines bei Spielern und Fans gleichermaßen beliebten Fachmannes bedeuten.
Es wäre eine Eskalation mit weitreichenden Folgen - und obendrein irgendwie überflüssig.
Denn beim deutschen Rekordmeister konnten sich Trainer bei der Kaderplanung bislang eigentlich immer gut miteinbezogen fühlen.
Pep Guardiola forderte ganz offensiv "Thiago oder nix" - und bekam seinen Wunschspieler. Carlo Ancelotti durfte mit James Rodriguez einen seiner erklärten Lieblinge begrüßen, obwohl es auch andere Überlegungen gab.
Jupp Heynckes ließ bei der Verpflichtung von Javi Martinez seine exzellenten Verbindungen nach Bilbao spielen, Jürgen Klinsmann bekam Landon Donovan, van Gaal holte Danijel Pranjic und Edson Braafheid, Giovanni Trappatoni einst Ruggiero Rizzitelli. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Jürgen Klinsmann und Landon Donovan beim FC Bayern

Fotocredit: Allsport

Kovac mit klarer Kante gegen Salihamidzic

Warum also ändert Salihamidzic dieses Vorgehen und bietet auch für die Zukunft eine offene Flanke? Es dürfte nach dem Hickhack mit Flick vollkommen klar sein, dass kommende Bayern-Trainer ihre eventuelle Unterschrift auch von einer ihnen zugestandenen Entscheidungsgewalt in Transfersachen abhängig machen werden.
Auch Flicks unmittelbarer Vorgänger Niko Kovac meldete sich vor wenigen Tagen zu Wort und kritisierte die Strukturen bei den Bayern. "Wir wissen alle, wie es in München abläuft", sagte der heutige Coach der AS Monaco der "Sport Bild".
"Die Situation, welche ich in Monaco vorfinde, ist die gleiche wie damals in Frankfurt - und genau das möchte man als Trainer. Man will bei der Kaderplanung mitgenommen und eingebunden werden", konnte sich Kovac eine Spitze in Richtung seines damaligen Arbeitgebers und Sportvorstand Salihamidzic nicht verkneifen.

Hansi Flick, Niko Kovac - FC Bayern München

Fotocredit: Getty Images

Beckenbauer fordert Mitspracherecht für Flick ein

Und auch Vereinslegende Franz Beckenbauer kann für die Entwicklung wenig Verständnis aufbringen.
"Der Trainer gehört mit dazu. Das ist doch die wichtigste Person, der muss doch wissen, auf welcher Position er welchen Spieler braucht", sagte der 75-Jährige bei "Sport1". Der "Kaiser" selbst habe dies in seiner Zeit beim Verein auch immer beherzigt - sowohl als Trainer als auch als Präsident.
"Natürlich haben wir das immer gemeinsam gemacht. Das muss eine Einheit sein, da müssen alle an den Tisch. Es kann nicht sein, dass nur Einzelgespräche stattfinden. Da muss eine klare Linie her, da muss auch das Präsidium einbezogen werden."
Beckenbauer könne sich einfach "nicht vorstellen, dass jemand bei solchen Entscheidungen einen Alleingang macht". Doch genau danach scheint es auszusehen - dafür gibt es Beispiele.
Jerome Boateng und David Alaba werden den FC Bayern am Saisonende ablösefrei verlassen. Beide sind erklärte Lieblingsspieler und Leistungsträger unter Flick, der sich öffentlich stets um deren Verbleib bemühte. Zudem kamen kurz vor Ende der Sommertransferphase einige Spieler, mit denen der Trainer ganz offensichtlich nicht plante.
Marc Roca, Bouna Sarr und Douglas Costa konnten sich nicht mal im Ansatz in die Nähe der Stammmannschaft spielen. Auch Lucas Hernández ist ein klarer Salihamidzic-Transfer. Er kostete zwar 80 Millionen Euro, ist aber auch nach mehr als eineinhalb Jahren an der Isar noch nicht unumstritten.

Ändert sich die Vorgehensweise des FC Bayern?

Sollte die Ära Flick im Sommer also zu Ende gehen, wird sich besonders Salihamidzic überlegen müssen, wie dieses Thema in Zukunft gehandhabt werden soll.
Fragen darüber wird er aber so oder so beantworten müssen. Das Thema ist auf dem Tisch.
Ändert man nichts, dürfte es früher oder später Streit geben, gewährt man dem Neuen aber Mitspracherecht, wird sich der Sportvorstand fragen lassen müssen, ob die Sache mit Flick nur ein gezieltes Störfeuer war, um einen internen Konkurrenten um einen Teil des entstehenden Machtvakuums beim FCB loszuwerden.

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