Marc Roca die Schuld zu geben, war Hansi Flick dann doch zu einfach.
"Elfmeterschießen werden nunmal durch verschossene Elfmeter entschieden und es hat leider den Marc getroffen", sagte der Bayern-Coach nach der Pokal-Schmach bei Holstein Kiel (2:2, 5:6 i.E.).
Nachsatz: "Wir stehen da zusammen und werden ihn auch unterstützen. Kein Vorwurf an ihn." Einer musste schließlich am Ende der Loser sein.
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Delle oder Schwelle: Bayerns wahre Stärke zeigt sich erst jetzt
14/01/2021 AM 12:59
Dass es Roca traf, war jedoch auch ein passendes Sinnbild. Ein Neuzugang mit wenig Spielpraxis musste am Ende für die Rolle des Unglücksraben auf Bayern-Seite herhalten.
Und damit die Blicke bei Bayern einmal mehr auf einen sehr unausgewogenen Kader richten lassen.
Wenn man so will, gibt es nämlich auch im Januar 2021 noch eine Zweiklassengesellschaft in Flicks Umkleide.
Auf der einen Seite stehen die Triplesieger vom Sommer, die Allesgewinner, denen der Coach beinahe blind vertraut und auf die er am liebsten zurückgreift.
Auf der anderen Seite stehen die acht Neuzugänge, die den Kader in erster Linie breiter machen, aber durchaus auch verstärken sollten. Und genau darin liegt die Crux.
So richtig durchgestartet ist nämlich keiner.

Das sagt Flick über den verschossenen Elfmeter von Roca

Bayerns Neuzugänge: Nur Sané in der "heavy rotation"

Blickt man auf die Einsatzzeiten aller Bayern diese Saison, kommt Leroy Sané, der Königstransfer des letzten Sommers, als erster Neuzugang gerade mal an Position 13 - dicht gefolgt von Kingsley Coman und Alphonso Davies, zwei weiteren "alten Hasen".
Bouna Sarr, im Flick'schen Einsatzranking auf Platz 16 folgend, hat als zweitbester Neuzugang nur 630 Pflichtspielminuten vorzuweisen - das sind gerade mal 28 Prozent der maximal möglichen Einsatzzeit.
Außer Sané, der Ende des Jahres durchaus deutlich von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge für seine Einstellung kritisiert wurde, hat es also kein Neuzugang in die "heavy rotation" des Triple-Trainers geschafft.
Das liegt zu einem gewissen Teil bestimmt an Flick, der seine Triple-Helden deutlich bevorzugt. Seine Startelf-Auswahl zeigt Sportvorstand Hasan Salihamidzic Woche für Woche recht deutlich: Deine Jungs, die du da im Sommer geholt hast, sind mir (noch?) nicht gut genug.
Zu einem beträchtlichen anderen Teil liegt es aber auch daran, dass die Neuen die wenigen Chancen, die ihnen von Flick zugebilligt wurden, nicht wirklich genutzt haben.

Leroy Sané - FC Bayern München

Fotocredit: Getty Images

Roca kann Chance erneut nicht nutzen

Womit man wieder bei Roca wäre. Flick scheint sich insgeheim zu fragen, warum ihm Salihamidzic ausgerechnet diesen 24 Jahre alten Spanier als Thiago-Ersatz ins Nest gesetzt hat.
Für neun Millionen Euro vom La-Liga-Absteiger Espanyol nach München gewechselt, brachte es der U21-Europameister von 2019 bisher nur auf sechs Einsätze.
Bei seinem Champions-League-Debüt gegen den FC Salzburg (3:1) flog er übermotiviert mit Gelb-Rot vom Platz, jetzt der verschossene Elfmeter in Kiel. So macht man sich beim Bayern-Trainer sicher nicht beliebt.
Zumal sich der Trainer auf Rocas Position wohl langfristig eher den von Benfica ausgeliehenen Tiago Dantas, 20, als geeigneter vorstellt. Doch Salihamidzic will den Youngster, der bislang nur in der 3. Liga zum Einsatz kam und dort keine großen Sprünge machte, angeblich nicht für 7,5 Millionen Euro fix verpflichten. Ein weiterer kleiner Reibungspunkt zwischen Trainer und Sportvorstand.
Von allen Neuzugängen in den meisten Spielen eingesetzt wurde derweil Douglas Costa (17-mal). Der von Juventus Turin ausgeliehene Flügelstürmer enttäuschte bislang jedoch auf der ganzen Linie und war erst an vier Treffern beteiligt (ein Tor, drei Assists). Auch in Kiel fiel der 30-Jährige, trotz verwandeltem Elfmeter, durch.
Dass Bayern seine zweite Dienstzeit in München im Sommer nochmal verlängert, ist mangels Kaufoption sowieso ausgeschlossen.

Sarr noch keine Alternative rechts hinten

Eric Maxim Choupo-Moting hat sich im Bayern-Trikot bislang nur partiell beweisen können. Als Lewandowski-Backup einsatztechnisch per se am Hungertuch nagend, kommt der Angreifer in 384 Minuten auf drei Tore und eine Vorlage.
Drei der vier Scorerpunkte lieferte er jedoch in einer Partie, beim Pokal-Auftakt gegen den unterklassigen 1. FC Düren (3:0) ab. Seinen dritten Treffer steuerte er im sportlich belanglosen Champions-League-Heimspiel gegen Lok Moskau (2:0) bei. In Kiel hätte er wohl gespielt, musste aber angeschlagen passen.
Seine Chancen bislang nicht nutzen konnte auch Bouna Sarr. Der Rechtsverteidiger, im Oktober für acht Millionen von Olympique Marseille verpflichtet, scheint aktuell weiter von der Stammelf weg als noch im Herbst - und das ist kein gutes Zeichen für den 28-Jährigen.
Obwohl Benjamin Pavard rechts hinten außer Form ist und komplett überspielt wirkt, schenkte Flick Sarr nach dessen gezeigten Leistungen zuletzt immer seltener das Vertrauen. Als beim Franzosen dann auch noch körperliche Probleme auftraten, war Flick gegen Ende des Jahres 2020 sogar gezwungen, Abwehrkante Niklas Süle zweimal als Rechtsverteidiger aufzustellen.
Dass Sarr, wie Salihamidzic im Oktober sagte, "die Offensive im Blut" hat, merkte man angesichts von bisher nur drei Torvorlagen nicht unbedingt.

Bouna Sarr - FC Bayern München

Fotocredit: Getty Images

Nübel und Nianzou bislang außen vor

Und so wird man das Gefühl nicht los, dass der kurz vor Torschluss des Sommertransferfensters verpflichtete Fünferpack - Roca, Costa, Choupo-Moting, Sarr, Dantas - nur Versäumnisse in der Kaderplanung kaschiert und die Bayern nicht wirklich weiterbringt.
Wie hatte Salihamidzic gesagt? "Der Kader, den wir zusammenstellen, soll es ermöglichen, dass wir attraktiven und erfolgreichen Fußball spielen. Das möchten wir unseren Fans bieten." Aktuell ist davon aber nur wenig zu sehen.
Gänzlich auszunehmen von der Kritik sind übrigens zwei der acht Neuen: Torwart Alexander Nübel und Defensivspezialist Tanguy Nianzou, beides Transfers für die Zukunft.
Der 24 Jahre alte Schlussmann spielte in seinen zwei Einsätzen bisher nahezu fehlerlos. Dass er jedoch nicht für ein Zweitrundenspiel im Pokal bei einem Zweitligisten von Flick ins Tor gestellt wurde, sagt auch schon einiges aus.
Nianzou, 18, von dem sie sich bei Bayern viel erhoffen, verfolgt dagegen das Verletzungspech. Der junge Franzose stand erst 21 Minuten auf dem Feld. Ihn zu bewerten, muss also noch warten.
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