Liebe Fußballfreunde, Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge gilt gemeinhin als ein Mann ohne große Empathie. Wenn man ihn zum Gegner hat, dann wird es kalt, das haben diejenigen immer wieder erzählt, die ihn zum Gegner hatten. Das Bild vom "Killer-Kalle" war in der Welt.
Ob das wirklich stimmt oder ob es nur die Legende weiterstrickte vom ungleichen Duo-Pol der Bayern - hier der cholerische Hoeneß, dort der kalte Kalle - sei dahingestellt. Wenn also genau dieser Mann nun öffentlich seine Emotionen entdeckt, davon spricht, dass er "ein bisschen Mitleid" habe mit den Schalkern, dann wird in etwa die Fallhöhe deutlich, von der der Kultklub FC Schalke 04 gerade aus seiner eigenen Chronik fällt.
Das 0:4 (0:2) im absehbar letzten Revierderby gegen Dortmund vom Wochenende war da nur noch die letzte Treppenstufe des eigenen Verfalls. Dieser Verein, der seinen Anhängern seit Fangedenken vormacht, ein Arbeiterverein zu sein, ist in seinem Innersten so verrottet, dass keiner glauben sollte, dass man nach dem unausweichlichen Abstieg im Jahr darauf postwendend wieder hochkommt.
Bundesliga
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20/02/2021 AM 21:55
Schalke implodiert gerade, Corona hat das beschleunigt, aber das ist gut so, denn nur so kann sich an den kaputten Klubstrukturen etwas ändern. Gut möglich, dass es den Verein auch ganz zerreißt, wer kann das heute schon sagen.

Schalke vor Ausverkauf

Das Portal "Transfermarkt.de" hat ausgerechnet, dass im Fall eines Abstiegs der Ausverkauf und die Leichenfledderei des Klubs unumgänglich ist. 17 Spieler im Wert von 96 Millionen Euro stehen vor dem Abgang, das sind 80 Prozent des Kaderwerts, den Schalke überhaupt besitzt. Die Haben-Seite geht also in großen Teilen flöten.
Bei bis zu 250 Millionen Euro Schulden muss man kein Grundstudium BWL belegt haben, um zu erkennen, dass im Sommer eine neue Geschäftsgrundlage gefunden werden muss, die professionellen Fußball auf Gelsenkirchen überhaupt noch möglich machen kann. Denkt man das zu Ende, dann wird es besonders geschmacklos.
Letzten Sommer hatte das Land Nordrhein-Westfahlen bestätigt, Schalke eine Landesbürgschaft gewährt zu haben, das tut man eigentlich nur für Firmen, die kreditwürdig sind, ein intaktes Geschäftsmodell besitzen und die man in Krisenzeiten stützen will. Krise heißt unverschuldet, nicht Misswirtschaft.

Die Profis des FC Schalke 04

Fotocredit: Getty Images

Schalke hat Geschäftsmodell verloren

Ein intaktes Geschäftsmodell hat Schalke schon länger nicht mehr. Mit dem Abstieg in Liga zwei endet auch der Vertrag mit Hauptsponsor Gazprom, dem russischen Staatskonzern, der jedes Jahr 20 Millionen Euro in die Schlickergrube Schalke gestopft hat. Ob der Energiekonzern einen neuen Vertrag aufsetzen wird, ist noch unklar.
Und so muss auch die Frage gestellt werden, ob Schalke nun mit Steuergeldern auf Teufel komm raus gerettet werden soll, damit es diesen Fußballverein in Zukunft als professionelle Einheit noch geben kann.
Gerettet wird ja gerade vieles, Lufthansa, TUI oder Autoindustrie, aber warum der Fußballverein Schalke 04, der weder systemrelevant noch seriös geführt ist, der Millionen verschleudert hat und mit seiner Nähe zu Putin auch sonst jegliche geschmackliche Grenze unterläuft - warum Schalke?

Schalke-Fans versuchen alles

Nicht die Anhänger, was gerne insinuiert wird, sondern Vorstand und Aufsichtsrat von 04 haben ein gigantisches Benimmproblem. Wenn also Schalke-Anhänger verschiedener Ultravereinigungen vor und nach dem Derby gegen Dortmund das Teamhotel und das Stadion stürmen wollen, um die Mannschaft und die Verantwortlichen zur Rede zu stellen, ob ihres gemeinschaftlich begangenen Totalversagens am ach so geliebten Verein, dann ist das in Wahrheit nicht Hausfriedensbruchs oder Hooliganismus, sondern der finale Versuch mit den Mitteln des zivilen Ungehorsams doch noch eine Dynamik zu entfalten, die irgendein Wunder möglich machen könnte.
Grotesk wird es, wenn stimmt, was die Agenturen schreiben, dass Sportvorstand Jochen Schneider die Fans damit beruhigt haben soll, dass er sich für allerlei seiner Entscheidungen entschuldigt haben soll. Kleingeistiger geht es nicht. Er hätte vorher auch zurücktreten und Verantwortung übernehmen können, das wollte er partout nicht.
Wenn in diesem Klub noch Leben steckt, dann sind es diese großartigen Fans, die der Bundesliga demnächst schmerzhaft fehlen werden. Die tun mir wirklich leid, der Klub aber bekommt, was er verdient: das brutale Ende einer schleichenden Selbstdemontage.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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