Liebe Fußballfreunde, den allerschlimmsten Satz an diesem schlimmen Berliner Wochenende sagte dann noch der Bremer Trainer Florian Kohfeldt. Fast ein bisschen verlegen, so, als täte es ihm leid um die lieben Kollegen Bruno Labbadia und Geschäftsführer Michael Preetz, denen er tags darauf den Job kosten würde.
Nein, nein sagte Kohfeldt, der Sieg sei okay gewesen, aber noch höher auf keinen Fall verdient. Allein, dass die Möglichkeit im Raum stand, dass der Small-City-Klub Bremen gegen die Hauptstädter mit den hochfliegenden Träumen ein halbes Dutzend Tore hätte erzielen können, erniedrigte die Hertha nach dem Spiel ein zweites Mal und machte dem Letzten klar, wie sehr sich dieses vielleicht spannendste Fußballprojekt des Landes schon lächerlich gemacht hatte.
Jetzt also die Notbremse nach der Niederlage beim Aufsteiger Bielefeld und den beiden Heimpleiten gegen Hoffenheim und den Fast-Absteiger des vergangenen Jahres Bremen. Ausgerechnet der Klub, der immer wieder mal die Tränendrüsen massiert, mit seinen Hinweisen auf seine Standortnachteile und das nicht vorhandene Spielgeld.
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Während die Hertha ihren Großinvestor ins Schaufenster stellte, von der Champions League träumte, im Winter zuvor fast 80 Millionen investierte und jetzt peinlich berührt zwei Punkte vor einem Relegationsplatz aufgeschlagen ist. Big City war die Hybris der Hertha, die in Wahrheit eine Provinzdame ist und nun am eigenen Widerspruch gescheitert ist.

Labbadia und Preetz: Männer der Mangelverwaltung

Der Möchtegerngroßklub Berlin ist so mittelmäßig, dass es weh tut. Aber klar, zugeben will das natürlich keiner. Für den sportlichen Stillstand der vergangenen Jahre stehen die gerade freigestellten Bruno Labbadia und Michael Preetz sinnbildlich mit ihrer Expertise der Mangelverwaltung und des Mittelmaßes, so ähnlich hat es der "Spiegel" in einer ersten Analyse geschrieben.

Bruno Labbadia wurde bei Hertha BSC entlassen. Auch Manager Michael Preetz (l.) musste gehen

Fotocredit: Getty Images

Labbadia hat in seiner bald zwanzig jährigen Trainerkarriere seinen Wikipediaeintrag dadurch vollgemacht, dass er eigentlich fast schon überall Trainer war, oft wird er geholt in höchster Not, um in der nächsten höchsten Not wieder gehen zu müssen. Titel hat er nie gewonnen, Abstiege manchmal glücklich verhindert, so mit dem VfL Wolfsburg.
Von 475 Bundesligaspielen hat er 212 gewonnen, das entspricht einer Siegquote von unter 50%. Das ist der statistisch belegte Beweis von Mittelmäßigkeit.

Pal Dárdai, im Ernst?

Warum ausgerechnet er der Trainer sein sollte, der Hertha in die Bel Etage des internationalen Fußballs führen sollte, einer Etage, in die er als Spieler wie als Trainer nie gebeten wurde? Die Frage stellen sie sich jetzt wohl auch in Berlin. Dass er trotzdem immer gerne gebucht wurde als Trainer, ist dabei weniger überraschend als folgerichtig für eine Liga, in der es den Sport-Geschäftsführern der Klubs oft an Coolness und Weitblick fehlt, einen Übungsleiter nicht in Panik, sondern mit Bedacht und aus guten Gründen zu wählen.
Wenn Schalke einen neuen Trainer sucht, dann wird immer zuerst Huub Stevens gefragt, so wie jetzt Pál Dárdai gefragt werden soll, wenn die Hertha in Not ist. Labbadia wird übrigens gerne gefragt, wenn der HSV vor dem Abgrund steht (steht er gerade nicht).
Was ist der Gag daran, diejenigen wieder zu holen, die schon einmal da waren, obwohl sie das letzte Mal gehen mussten, weil es nicht mehr gepasst hatte? Ist das nicht die Verlängerung von Mittelmaß, von dem man sich doch endgültig verabschieden wollte? Die Hertha ist gerade dabei nichts aus ihrer Situation zu lernen.

Geburtsfehler des Big-City-Gedöns

Sollte Pál Dárdai wirklich kommen, dann wäre das ein geradezu typischer Michael-Preetz-Transfer, nur mit dem Unterschied, dass Preetz diesmal nicht mehr dafür verantwortlich ist. Tatsächlich hatte er ihn schon einmal verpflichtet, musste ihn aber nach vier Jahren entlassen, weil er ihm das große Ziel – internationaler Fußball - nicht zutraute.

Pál Dárdai trainierte die Hertha schon von 2015 bis 2019. Nun soll er Medienberichten zufolge zurückkehren und den Klassenerhalt schaffen

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Dárdai war 2019 sportlicher Stillstand so wie jetzt Labbadia, die Situationen gleichen sich. In 18 Jahren hatte Preetz sie allesamt überstanden, dabei gab es erstaunlich viele uninspirierte Trainer der Hertha: Leute wie Ante Covic oder davor Markus Babbel und Michael Skibbe, selbst vor dem Ruheständler Otto Rehhagel schreckte Preetz nicht zurück und dem Sektierer Jürgen Klinsmann, der nur wenige Wochen durchhielt und ihm von seinem Investor Lars Windhorst vor die Nase gesetzt wurde, ohne groß gefragt zu werden.
Nach Klinsmanns überstürzten Abgang war auch Preetz angezählt, Windhorst traute ihm nicht mehr. Nicht nur einen großen Namen, sondern einen großen Trainer an die Spree zu holen, der die eigenen Ansprüche auch tatsächlich stemmen konnte, dafür reichte es weder bei Windhorst noch bei Preetz. Und das ist der Geburtsfehler des Big City-Gedöns.

Der neue Hertha-Realismus

Und jetzt? Nach all der Faselei von Hauptstadtklub und Champions League also wieder ein Hauch von Realismus. Dárdai soll den Klassenerhalt schaffen, so heißt es. Das ist dem Fußballklub Hertha BSC Berlin auf jeden Fall zuzutrauen. Mittelmaß eben. Aber bitte hört auf damit zu glauben, Ihr seid eine ganz große Nummer.
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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