Ein Weiter so wird es nicht geben!
Mit diesem Vorsatz war Werder Bremen nach dem gerade noch so verhinderten Abstieg in der Relegation im Vorjahr in die Saison 2020/21 gestartet. Und trotzdem lagen am Samstagnachmittag am Bremer Osterdeich völlig fassungslose, geschockte Fans, die ein Jahr später doch noch den zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte nach 1980 ertragen mussten.
Während Thomas Schaaf mit dem Rest seiner Stimme versuchte, Worte für die "Riesenenttäuschung und Leere" zu finden, entlud sich vor dem Weserstadion der Frust einiger Anhänger, die immer wieder "Vorstand raus" brüllten.
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Innerhalb von Minuten verfiel Bremen nach dem historischen Absturz in Schockstarre.

Werder Bremen: Beispielloser Absturz im Saisonendspurt

Satte zwölf Punkte Vorsprung hatten die Grün-Weißen nach dem 24. Spieltag auf Platz 17, ehe die Mannschaft völlig einbrach. Auch der Trainerwechsel von Florian Kohfeldt zu Schaaf nach dem desaströsen 0:2 am vorletzten Spieltag in Augsburg vermochte keinen Impuls mehr zu geben.
Wie Werder am Samstag aus dem Fußball-Rampenlicht der deutschen Eliteliga durch den auf allen Ebenen unzureichenden Auftritt beim 2:4 (0:1) im Schlussakt gegen Borussia Mönchengladbach abtrat, hatte Symbolcharakter. Währenddessen konnten Arminia Bielefeld und der 1. FC Köln Siege in Stuttgart bzw. zuhause gegen Schalke einfahren und zogen so noch an den Hanseaten vorbei.
"Dass wir jetzt diesen Weg gehen müssen, tut uns sehr weh und den Fans natürlich auch", meinte Schaaf. Kapitän Niklas Moisander sprach von einem "traurigen Tag für die ganze Stadt, die Fans und den Verein".

Baumann: "Im Nachhinein hätte man vielleicht früher reagieren müssen"

Die Gründe für den Absturz? Vielschichtig. Hatte man trotz anhaltender Erfolglosigkeit zu lange an Trainer Kohfeldt festgehalten? Zur Einordnung: Bremen holte aus den letzten zehn Spielen gerade einmal einen Punkt.
Das sei eine sehr "hypothetische Frage", meinte Sport-Geschäftsführer Frank Baumann am Sonntag im "Sport1-Doppelpass". Die Entscheidenden hätten "aus Überzeugung" an Kohfeldt festgehalten, aber "im Nachhinein hätte man vielleicht früher reagieren müssen."
Doch dieser Abstieg ist nicht allein das Produkt des desaströsen Saisonendspurts. Er hat sich über Jahre, wenn nicht gar über das komplette vergangene Jahrzehnt angekündigt. Werder tänzelte immer wieder am Abgrund, der schwere Betriebsunfall kam nicht mehr wirklich überraschend. Baumann muss sich unter immer schwierigeren Bedingungen vor allem eine verfehlte Transferpolitik ankreiden lassen, der Mannschaft fehlte es schlichtweg an Qualität.

Milot Rashica - SV Werder Bremen

Fotocredit: Getty Images

Baumann will weitermachen - Bode warnt vor Aktionismus

Doch noch wichtiger als das Warum ist nun die Frage: Wie soll es jetzt weitergehen?
Baumann glaubt trotz der Kritik der Anhänger weiter, dass er der Richtige ist, um die Hanseaten im Bestfall schon in der kommenden Saison in die Bundesliga zurückzuführen. "Ich bin überzeugt, weil wir schon seit vielen Monaten zweigleisig fahren mussten, dass ich eine klare Idee habe, wie wir uns aus dieser schwierigen sportlichen, aber auch wirtschaftlichen Situation befreien können", so der 45-Jährige.
Aber: "Ich bin keiner, der auf seinem Posten klebt. Wenn der Aufsichtsrat zur Entscheidung kommt, dass wir doch eine Veränderung brauchen, dann werden wir im Sinne des Vereins ein sehr gute Lösung finden."
Aufsichtsratsboss Marco Bode warnte trotz der Forderung nach schnellen Entscheidungen vor Aktionismus: "Wir brauchen einen Moment, um die Dinge einzuordnen", so der Europameister von 1996 bei "Sky90".
Dennoch deutet derzeit viel darauf hin, dass Baumann den Neuaufbau in der enorm stark besetzten 2. Liga unter anderem mit Schalke 04 und dem ewigen Rivalen Hamburger SV angehen soll.

Bremen finanziell angeschlagen: Abwanderungswelle droht

Dabei muss sich Werder ein Stück weit neu erfinden und dabei den Gürtel enorm eng schnallen.
Durch die Folgen der Corona-Pandemie sind die Bremer ohnehin in einer sehr angespannten finanziellen Situation, der "Kicker" schreibt von 75 Millionen Euro Schulden. Eine Insolvenz drohe zwar nicht, machte Bode klar, eine Umstrukturierung des Kaders ist aber alternativlos.
"Unsere Spielerverträge gelten alle für die zweite Liga, die Spieler haben dort 40 bis 60 Prozent weniger Einkommen. Das versetzt uns in die Lage, eine gute Grundbasis im Kader zu haben. Natürlich wird es aber auch Abgänge geben. Vielleicht ein, zwei Spieler mehr, als wie das bei einem Klassenerhalt der Fall gewesen wäre", erklärte Baumann.
Die Liste der potentiellen Verkaufskandidaten ist lang. Milot Rashica, Jiri Pavlenka, Maximilian Eggestein, Josh Sargent und Leonardo Bittencourt, um nur einige zu nennen. Stürmer Davie Selke wird aufgrund des verpassten Klassenerhalts sicher zu Hertha BSC zurückkehren.
Dass die auslaufenden Verträge von Kapitän Moisander und Theo Gebre Selassie verlängert werden, scheint nun unwahrscheinlich.

Fassungslosigkeit beim SV Werder Bremen nach der Demütigung gegen Borussia Mönchengladbach

Fotocredit: Imago

Schwierige Trainersuche in Bremen

Noch wichtiger wird allerdings sein, den richtigen Trainer zu finden. Ende Mai, spätestens in den ersten Juni-Tagen soll dies der Fall sein.
"Wir müssen dahin kommen, wieder attraktiveren, erfolgreicheren Fußball zu spielen", meinte Baumann, der bestätigte, schon in den vergangenen Wochen Gespräche mit Kandidaten geführt zu haben: "Wir brauchen einen Trainer der Lust hat, aus wenig mehr zu machen. Junge, hungrige Spieler zu integrieren und diese weiterzuentwickeln.
Es wird ein Kraftakt. Allerdings scheint es nach den vergangenen Wochen höchst fraglich, ob die einst so ruhmreichen Hanseaten die Kraft für eine schnelle Rückkehr aufbringen können.
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