Liebe FußballfreundInnen,
der zehnte Spieltag war so etwas wie der prompte Wiedergutmachungsspieltag für Hamburgs Kicker-Legende Uwe Seeler. Sie erinnern sich, "Uns Uwe" hatte dem deutschen Fußball letzte Woche ins Gewissen geredet und aus seiner Enttäuschung keinen Hehl gemacht.
Das Milliardengeschäft Fußball, der ausufernde Kommerz und der Videoschiedsrichter im Besonderen haben Seeler die Lust an seinem Sport genommen.
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01/11/2021 AM 10:25
Seeler wird am 5. November 85 Jahre alt, für ihn verliere der Fußball gerade seine große Faszination, so der Ehrenspielführer der Nationalmannschaft.

War früher alles besser? Wohl kaum!

Die Reaktion auf Seelers Kritik war fast wie erwartet: Die DFL hielt den Ball flach, um sich nicht öffentlich mit einer der großen deutschen Fußball-Ikonen in die - zugegeben wenigen - Haare zu bekommen. Das Gros der Fans, das endlich wieder in die Stadien strömen darf, fühlte sich gar nicht angesprochen.
Nach dem Motto: Das alte Gerede vom "früher war alles besser", das schon lange keiner mehr hören mag. Und doch ist das vielleicht die Dialektik, die wir nach der Seeler-Kritik erst noch selbst begreifen müssen: Das Spiel war noch nie so gut, der Kommerz noch nie so eklig, das Geschäft noch nie so brutal. Wie wir das jetzt alles zusammenbringen, profitiert der Fußball davon oder wenden wir uns irgendwann ab, das ist noch längst nicht ausgemacht für alle Zeiten.

Drei Underdogs, die Seeler gefallen müssten

Vielleicht hat Seeler an diesem Wochenende wieder etwas von der Faszination erlebt, die er zuletzt so vermisst hat. Die Art und Weise, wie drei absolute Underdogs, gegen jede Logik, derzeit die Liga aufmischen, das konnte man an diesem 10. Spieltag noch einmal in seiner verdichteten Form bestaunen. Und es gab einem als Fan von traditionellen Werten und Bindungen ein Stück weit den Glauben an das Spiel zurück.

Union Berlin - FC Bayern

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Beispiel 1: Da lag Union Berlin zuhause gegen die Bayern schon aussichtslos mit 0:3 zurück, aber was sie dann zwischen der 40. und 65. Minute aufführten, wie sie sich wehrten gegen die beste deutsche Fußballmannschaft, auch mit welcher Selbstverständlichkeit und Courage sie den Bayern in dieser Phase den Schneid abspielten, das war von einem Spirit getragen, der mit dem "Geschäft Fußball" gar nichts zu tun hatte.
Mit nur etwas Glück hätte es auch 3:3 stehen können. Übrigens: Der Marktwert von Union Berlin als Ganzes ist kleiner als der aktuelle Marktwert von Joshua Kimmich (rund 90 Mio. Euro), so viel also zum Big Business.

Mainz wie eine NGO

Ähnlich beeindruckend, was der dänische Trainer Bo Svensson mit dem FSV Mainz anstellt. "Der Fußball hat die Fähigkeit, eine Stadt zu prägen und für den Verein einzunehmen."
Solche Sätze sagt Svensson. Für ihn, so scheint es, ist Mainz eine bessere NGO, mit der man die Mainzer Welt ein Stück besser machen kann, wenn man auf dem Boden der Realitäten bleibt.
Im vergangenen Jahr rettete er 05 mit einer Rekordaufholjagd die Ligazugehörigkeit, jetzt stellte er das Spielsystem um, Spieler wie Jonathan Burkhardt, Jae-sung Lee oder Dominik Kohr hat man noch nie so dominant erlebt. Kaum eine andere Mannschaft spielt sich so viele Chancen heraus und hat zugleich eine derart stabile Defensive. Beides zusammenzubringen ist im Fußball eine Kunst.

Freiburg: Beste Abwehr der Liga

Und dann natürlich der SC Freiburg, nicht weniger als ein Wunder im polyglotten Milliardenspiel. Diese Provinztruppe aus dem Schwarzwald ist die einzige Mannschaft im deutschen Profifußball, und ich meine dabei alle drei Profiligen, die noch unbesiegt ist.

Läuft für Christian Streich und den SC Freiburg

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Das hat sie mit dem AC Mailand, Neapel und dem FC Liverpool gemeinsam. Liverpool hat acht Gegentore bekommen, Freiburg nur sieben. Muss ich es noch aufschreiben: Freiburg hat die beste Abwehr der Liga! In einer gerechten Welt wird der SC, aktuell Tabellendritter, 2022 erstmals Champions League spielen. Ist es nicht das, was Uwe Seeler will?

Der liebe Gott und die Liga

Am kommenden Samstag (6.11.) treten die Freiburger aber erst einmal beim Tabellenführer Bayern München zum Spitzenspiel an und bei allem was man so hört, müssen sich die notorisch gottesfürchtigen Bayern eher Sorgen machen.
"Wir erkämpfen uns die Siege und der liebe Gott schaut zu und belohnt uns", sagt Vincenzo Grifo zu den Freiburger Streichen. Ich sage mal so: Wenn selbst der liebe Gott Bundesliga schaut, dann kann es auch Uwe Seeler wieder tun. Es könnte sich, bei allen nachvollziehbaren Bedenken, gerade doch wieder lohnen.
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