Aus Madrid berichtet Carsten Arndt

Chancenauswertung verbessern

Es ist nicht so, dass Bayern über 90 Minuten gar keine Chancen hatte. Thomas Müller hätte die Münchner in der 13. Minute nach Traumpass von Thiago fast schon in Führung bringen müssen, Franck Ribéry kam beim Stande von 0:1 aus Sicht des deutschen Rekordmeisters in der 39. Minute acht Meter vor Atlético-Keeper Jan Oblak frei zum Abschluss, traf das Tor aber nicht.
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29/09/2016 AM 08:38
Schon vor dem Spiel war klar gewesen, dass die Bayern im Hexenkessel Vicente Calderón nicht viele Chancen bekommen werden. In den wenigen Situationen muss man abgezockter auftreten.
Torhüter Manuel Neuer brachte das Dilemma nach Spielschluss auf den Punkt:
Atletico hat den Killerinstinkt, kann aus wenigen Chancen viel machen. Wir hatten diesen Killerinstinkt nicht.

Matchplan konsequent verfolgen

Auch hier kann man nicht sagen, dass kein Plan existierte. Er wurde nur nicht konsequent verfolgt. In den ersten Minuten agierten die Bayern aggressiv und setzten Atléticos Mittelfeldspieler bis weit in deren Hälfte unter Druck. Aus der Defensive wurde derweil der schnelle Weg über die Außen gesucht.
Nach etwas mehr als 15 Minuten warfen sie dieses Konzept über Bord. Ein Ballverlust von Alonso im Spielaufbau und die daraus resultierende Chance durch Yannick Carrasco änderte die Charakteristik des Spiels.
Plötzlich zog sich insbesondere Arturo Vidal immer tiefer zurück, spielte teilweise auf Höhe der Abwehrkette. Bayern verlor den Zugriff im Mittelfeld, zudem wurde der Spielaufbau gebremst.
Abwehrchef Jérôme Boateng kritisierte:
Wenn die (Mittelfeldspieler, d. Red.) immer hinten bei uns hängen, dann bekommen sie vorne keinen Zugriff mehr. Und dann kassierst du diese Konter.
Auch die beiden offensiven Außenspieler Müller und Ribéry wurden fortan kaum mehr in Szene gesetzt.
Ribéry zog immer wieder früh in die Mitte und machte so ein Überzahlspiel auf links quasi unmöglich. Auf der anderen Seite hatte Müller ohnehin keinen guten Tag erwischt. Die Folge: Robert Lewandowski hing zunehmend in der Luft.

Auswärtsschwäche ablegen

Beim Gastspiel in Madrid setzte sich ein Trend fort, der die Bayern nun schon seit längerem begleitet.
Die Münchner gewannen in der Königsklasse nur zwei der letzten Elf Spiele in der Fremde und kassierten dabei 17 Gegentreffer.
Der letzte Auswärtserfolg datiert aus der Vorrunde der vergangenen Spielzeit und wurde am 9. Dezember 2015 in Zagreb eingefahren. Dazu gewann man in Piräus, auch nicht unbedingt eine der Topadressen in Europa.
Dem gegenüber stehen Pleiten wie gegen Porto (1:3) oder Barcelona (0:3) in der K.o.-Runde. Ohne Frage ist der FCB immer in der Lage, in der Allianz Arena einen oder zwei Gänge höher zu schalten, verlassen sollte man sich darauf aber nicht.

Atletico-Komplex vermeiden

Die Chance, dass die Bayern auf dem Weg zum Titel auch nach dem Rückspiel in der Gruppenphase noch einmal auf die "Rojiblancos" treffen, ist nicht gering.
In den letzten drei Jahren stand das Team von Trainer Diego Simeone immerhin zwei Mal im Finale. Gut möglich, dass Ancelotti auf seiner Mission Henkelpott seinen guten Freund und gleichzeitigen Angstgegner aus dem Weg räumen muss.
Im Achtelfinale wird man diesem Duell aufgrund der Regularien noch aus dem Weg gehen wollen, danach ist alles offen.
Mit einem von der Presse bereits ausgerufenen "Atlético-Trauma" in so ein mögliches Duell zu gehen, wäre psychologisch alles andere als wertvoll. Ein überzeugender Sieg im Rückspiel wäre ein erster therapeutischer Schritt.

Ruhe bewahren

Bei all dem Frust und der berechtigten Selbstkritik der Spieler bleibt festzuhalten, dass am Ende nur ein einzelnes Gruppenspiel in der Champions League verloren gegangen ist. Diese Niederlage gilt es zu analysieren. Schonungslos, aber ohne dabei den Kopf zu verlieren.
Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge warnte auf dem Bankett am späten Abend nach der ersten Niederlage unter Ancelotti vor blindem Aktionismus.
Es macht keinen Sinn, daraus ein Drama zu machen.
Die Bayern können nach wie vor aus eigener Kraft den Gruppensieg erreichen, sie gehören nach wie vor zu den Topfavoriten auf den so heiß ersehnten Titel.
Ancelotti wird weiter an der Feinjustierung seiner Mannschaft arbeiten und hat dafür noch ausreichend Zeit. Es ist davon auszugehen, dass die Münchner im Frühjahr noch in allen drei Wettbewerben (Meisterschaft, Pokal, Champions League) im Rennen um den Titel sind.
In diesen Spielen und Monaten wird über das Wohl der Saison entschieden. Nicht an einem lauen September-Abend in Madrid.
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