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Ajax erobert Europa: "Champions-League-Sieger - wer weiß?"

Ajax erobert Europa: "Champions-League-Sieger - wer weiß?"

17/04/2019 um 11:34Aktualisiert 17/04/2019 um 22:59

Ajax Amsterdam nimmt mit Juventus Turin den nächsten Hochkaräter aus der Champions League und blickt furchtlos auf die kommenden Aufgaben. Beim 2:1 in Turin stellten die Gäste erneut ihr starkes Pass- und Positionsspiel zur Schau, mit 155 Saisontoren hat man bereits den Vereinsrekord eingestellt. Und so langsam scheint das Selbstvertrauen in Richtung Unbesiegbarkeit zu steigen.

Während sich Dusan Tadic das Trikot vom Leib riss und mit seinen Teamkollegen vor den Ajax-Fans in der Nordostecke des Allianz Stadiums feierte, trabte Cristiano Ronaldo kopfschüttelnd in die Kabine.

Nach Real Madrid hatte Ajax Amsterdam soeben den nächsten Favoriten aus der Champions League geworfen, das Weiterkommen wieder mit einem Auswärtssieg perfekt gemacht. Zurück blieb ein fassungsloses Juventus.

Juventus gratuliert Ajax artig

"Ajax hat verdient gewonnen. Im zweiten Durchgang haben sie das Mittelfeld dominiert", musste Trainer Massimiliano Allegri anerkennen. Auch für Besitzer Andrea Agnelli war der Traum vom Titel ausgeträumt. "Ajax hat in dieser Saison schon einige große Mannschaften in Schwierigkeiten gebracht", sagte er:

"Es war ein enttäuschender Abend für uns alle. Aber Ajax hat den Sieg verdient und war heute die bessere Mannschaft."

So jubelte am Ende Ajax über einen 2:1-Sieg, sichergestellt durch Treffer von Donny van de Beek (34.) und Matthijs de Ligt (67.). "Das ist alles verrückt, das ist nicht normal. Ich habe dafür keine Worte!", stammelte der Siegtorschütze, fand sie aber schnell wieder:

"Unglaublich! Wir haben es wieder getan! Wir sind so glücklich, dass wir es geschafft haben. Ich bin so stolz auf die Mannschaft. Wir haben einfach ohne Angst gespielt."

Ajax komplett furchtlos

Ronaldo hatte Juventus zuvor mit seinem 126. Champions-League-Treffer zwar in Führung gebracht, doch das hatte den Turinern keinerlei Sicherheit gebracht.

Ähnlich wie beim 4:1 im Achtelfinal-Rückspiel bei Titelverteidiger Real Madrid, immerhin zuletzt viermal in fünf Jahren Champions-League-Sieger, hatte Ajax nach der Juventus-Führung sein Herz in beide Hände genommen und frischen, furchtlosen Offensivfußball gezeigt. Mit variablem Positions- und Passspiel überrumpelten die Gäste die Favoriten.

"Wie man sieht, spielen wir sehr gut zusammen. Und wir wachsen an jedem Spiel", erklärte de Ligt hinterher froh: "Wir wissen um unsere technischen Qualitäten. Wir haben keine Angst, vor keinem Gegner."

Dybala-Auswechslung als Knackpunkt

Dabei war zunächst Juventus am Drücker. 20 Minuten lang sah Ajax den Ball kaum, wirkte nervös, wurde hinten reingedrängt. Doch eine einzige Aktion, eine Kombination über Dusan Tadic, David Neres und den später wie entfesselt aufspielenden Donny van de Beek (21.) wirkte als Brustlöser. Bis zur Pause hatte Ajax 53 Prozent Ballbesitz - und das auswärts, bei Juventus Turin.

"Nach dem 1:1 war es für sie schwieriger, weil sie wussten, dass es mit einem weiteren Tor für uns vorbei wäre", sagte Frenkie de Jong: "Wir haben das gefühlt, weil die Räume größer wurden. Und wir haben eine Mannschaft, die weiß, wie sie das ausnutzen kann. Wir haben kreative Spieler vorne und ein gutes Positionsspiel."

Mit dem in der Entstehung etwas glücklichen Treffer von van de Beek (34.) hatten die Gäste die Initiative übernommen - daran änderte auch die Hereinnahme von Juve-Shootingstar Moise Kean zur Halbzeit nichts. Der verletzt ausgewechselte Paulo Dybala hatte zuvor de Jong bewacht - diese Absicherung fehlte Juventus fortan völlig.

De Ligt wird fast verrückt

Und so spielte sich das Team des Ex-Bayern-Trainers Erik ten Hag, der zwischen 2013 und 2015 hinter Pep Guardiola die Bayern-Amateure trainiert hatte, Chance um Chance heraus.

"Am Anfang hatten wir Schwierigkeiten, aber insgesamt haben wir überragend gespielt. Um ehrlich zu sein, bin ich am Ende fast verrückt geworden, weil wir unsere Chancen nicht verwertet haben", sagte de Ligt.

Dem Kapitän war es letztlich vorbehalten, das Weiterkommen mit einem wuchtigen Kopfball zu besiegeln (67.). Der 19-Jährige war bereits der 20. Teenager, der für Ajax in der seit 1992/93 bestehenden Champions League getroffen hatte - eine einmalige Bilanz.

Acht Gegner können Ajax nicht in die Knie zwingen

Einmalig ist auch die Tatsache, dass sich ein Klub, der sich noch vor der Gruppenphase durch drei Qualifikationsrunden quälen musste, bis unter die letzten Vier spielt. So versuchten diese Saison schon Sturm Graz, Standard Lüttich, Dynamo Kiew, der FC Bayern, Benfica Lissabon, AEK Athen, Real Madrid und nun eben Juventus Turin vergeblich, Ajax in die Knie zu zwingen.

"Ich denke, dass ist eine große Geschichte, an der wir hier schreiben", sagte Routinier Daley Blind, dessen Vater Danny 1994/95 mit Ajax die Champions League gewonnen hatte: "Wir haben einfach eine gute Mischung und wir glauben an das, was wir tun. Die Jungs haben einfach eine unglaubliche Qualität."

"Das ist Ajax, unsere Philosophie", lobte Vorstandsboss Edwin van der Sar, ebenfalls einer der 1995er Helden: "So wollen wir Fußball spielen. Das war heute fantastisch."

Verloren hat Ajax von seinen bisher 16 Europacup-Spielen nur das Achtelfinal-Hinspiel zuhause gegen Real Madrid (1:2) - und darf auch im Halbfinale gegen Tottenham Hotspur von mehr träumen.

"Können wir die Champions League gewinnen? Naja, wir sind jetzt im Halbfinale", sagte de Ligt, "und wir haben zwei Favoriten rausgeworfen. Es wird richtig schwer, aber das war es jetzt auch schon. Also: Wer weiß?"

155 Tore in einer Saison

Der Sieg gegen Juventus war derweil schon ein Sieg gegen die eigenen Dämonen: 1995/96 hatte man das Finale gegen die Norditaliener (3:5 n.E.) verloren, ein Jahr später war man am selben Gegner im Halbfinale (1:2, 1:4) gescheitert. Seit 1974 war Ajax kein Sieg mehr gegen Juventus vergönnt gewesen - bis Dienstagabend.

In der heimischen Eredivisie hat man derweil die PSV Eindhoven kürzlich an der Tabellenspitze abgelöst; 106 Tore in bislang 30 Spielen bedeuten zudem einen seit über 35 Jahren unerreichten Bestwert, auch wenn der Vereinsrekord (122 Treffer 1966/67) wohl nicht mehr fallen wird. Mit wettbewerbsübergreifend 155 Toren hat Ajax allerdings diesen eigenen Rekord aus der Saison 2009/10 bereits eingestellt.

Zur guten Ajax-Tradition gehört es auch mittlerweile, dass die Spieler nach ersten Kabinenfeierlichkeiten und Interviews nochmal auf den Platz zurückkehrten, um sich ein zweites Mal bei den eigenen Fans im Block zu bedanken.

So waberten auch um 23:30 Uhr noch Ajax-Gesänge durch den Turiner Stadtteil La Continassa. Und zum Schluss zeigte sogar noch Sportdirektor Marc Overmars einen Diver vor der Kurve.

"Wenn wir vor der Quali vom Halbfinale gesprochen hätten, wären wir ausgelacht worden", sagte van de Beek dann noch und fügte an:

"Jetzt sind wir unter den letzten Vier - und alle drehen durch."

Video - Guardiola: Das war ein "großer Misserfolg" bei Bayern

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