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Borussia Dortmund | Ruhe, Überzeugung, Gier: Drei Gründe für den momentanen Erfolg des BVB

Stark wie lange nicht: Die 3 Zutaten der BVB-Erfolgsformel

28/11/2018 um 12:54Aktualisiert 29/11/2018 um 16:00

Borussia Dortmund präsentiert sich 2018/19 stark verbessert. Die Ergebnisse stimmen, die Stimmung ist so gut wie lange nicht. Das liegt vor allem an drei Charaktereigenschaften, die das Team und den Verein als Ganzes in diesem Jahr auszeichnen: Ruhe, Überzeugung und Gier. Doch laut BVB-Boss Hans-Joachim Watzke beginnt die größte Herausforderung erst: Der Kampf gegen den Schlendrian.

Die aktuelle Gemütslage bei Borussia Dortmund? Marco Reus meinte sich auf der Mitgliederversammlung am vergangenen Sonntag zu erinnern, "dass wir in den vergangenen Jahren nicht immer so eine gute Stimmung hatten." Wobei "gut" eigentlich eine bewusste Untertreibung war - "euphorisch" wäre eine treffendere Beschreibung gewesen. Es gab Applaus, Sprechchöre, sogar stehende Ovationen für den BVB - laut Reus "der Lohn für die vergangenen Ergebnisse".

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"Wir haben eine Mannschaft, bei der du spürst, dass da ein besonderer Geist ist. Sie versucht sich in die Seele des Klubs reinzudenken."

Der BVB-Geschäftsführer warnte das Team aber auch:

"In dieser Saisonphase darfst du nicht ein oder zwei Prozent nachlassen."

Weise Worte, schließlich weiß Watzke, wie schnell es im Fußball in die andere Richtung gehen kann. Dass bei den Schwarz-Gelben plötzlich der Schlendrian einkehrt, ist allerdings kaum anzunehmen. Zu sattelfest, zu stark wirkt der BVB 2018/19.

Eine Stärke, die vor allem an drei Eigenschaften festzumachen ist: Ruhe, Überzeugung und Gier.

Ruhe

Dass die Stimmung beim BVB so gut ist, wie sie ist, ist keinesfalls selbstverständlich. Eigentlich gäbe es da genug Themen, die die schwarz-gelbe Oase in Unruhe versetzen könnten: Topvereine locken Christian Pulisic mit großem Geld, Shinji Kagawa ist unzufrieden mit seiner Rolle und möchte den Klub lieber heute als morgen verlassen, die ständigen Fragen zu Mario Götze, warum er spielt, warum er nicht spielt, was er kann, was er nicht kann, sowie die Verurteilung von Sergej W., die jedem das Bus-Attentat aus dem April 2017 wieder mehr als deutlich ins Gedächtnis ruft.

Dass diese potenziellen Nebenkriegsschauplätze nur Randnotizen sind, liegt zum einen am sportlichen Erfolg, der medial alles überlagert, und zum anderen an der Art und Weise, wie die BVB-Verantwortlichen damit umgehen - mit Ruhe und Gelassenheit.

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So meinte Sportdirektor Michael Zorc zu den Pulisic-Gerüchten bei "Sky" schlicht: "Wir planen mit ihm bis zum Saisonende." Thema beendet. Kagawa bezeichnete er als "verdienten Spieler, und natürlich können wir verstehen, dass die Situation für ihn unbefriedigend ist. Wir werden nach der Hinrunde darüber sprechen, wenn das gewünscht ist." Thema beendet. Auf die Frage, warum Götze nun doch wieder mehr spiele, und was ihn auszeichne, antwortete Trainer Lucien Favre einfach: "Er spürt Fußball". Thema beendet. Und der Fall Sergej W. sei laut Mediendirektor Sascha Fligge ohnehin "intern seit langer Zeit aufgearbeitet".

Dass es dem BVB 2018/19 so gut gelingt, mögliche Unruheherde gleich im Keim zu ersticken, hängt mit der neuen Personalkonstellation im sportlichen Bereich zusammen. Neben dem eingespielten Duo Watze/Zorc kamen vor der Saison der stets besonnene Favre als Trainer, der mit dem BVB bestens vertraute Sebastian Kehl als Leiter der Lizenzspielerabteilung sowie Matthias Sammer als Berater hinzu.

Eurosport-Experte Sammer bezeichnet sich selbst als "Gesprächspartner, der Impulse gibt, um Dinge in die richtige Richtung zu bringen". Gerade Sammers Erfahrungen aus seiner Bayern-Zeit (2012 bis 2016) helfen dem BVB sicher enorm.

Dank der richtigen Personen in der richtigen Position konnte nach einer turbulenten, ja chaotischen Saison 2017/18 im schwarz-gelben Lager wieder Ruhe einkehren.

Überzeugung

Die Ruhe abseits des Platzes wirkt sich dabei positiv auf das Geschehen auf dem grünen Rasen aus. Der BVB hat wieder eine klare Spielidee, ein klares Gesicht. Neben Favre hat das auch mit der Transferpolitik im Sommer zu tun. Zorc verriet in der "Sport Bild" den Plan: "Wir haben Wert auf die Dinge gelegt, die uns in der vergangenen Saison gefehlt haben: Mentalität, Robustheit, Überzeugung. Sobald es leichten Gegenwind gab, hat die Mannschaft ihre PS nicht mehr auf den Platz gebracht."

Anders in diesem Jahr. Der BVB stellt sich dem Gegenwind, wächst gar an ihm, etwa im Topspiel gegen den FC Bayern. Gerade die Neuzugänge Axel Witsel und Thomas Delaney - Spieler, die laut Zorc "robust sind und sich wie Erwachsene wehren" - gehen mit selbstbewusster Körpersprache und Einstellung voran.

Aber auch ein Akteur, der schon länger beim BVB ist, überzeugt 2018/19 auf ganzer Linie: Marco Reus. Der 29-Jährige, von Favre vor der Saison zum Kapitän ernannt, blüht in seiner neuen Rolle auf und reißt das Team mit. Der Trainer war sich schon im August in der "WAZ" sicher, dass Reus das kann:

"Ich kenne Marco sehr gut. Er ist jetzt ein erfahrener Spieler. Als Kapitän muss er ein Vorbild sein, auch für die Nachwuchsspieler. Wir zählen auf ihn, dass er den Job gut macht."

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Bisher macht er ihn mehr als gut: Von Verletzungen endlich über einen längeren Zeitraum verschont, kommt Reus in 18 Spielen auf elf Tore und acht Vorlagen. Der Nationalspieler präsentiert sich in der Form seines Lebens, ist der Inbegriff der neuen BVB-Überzeugung.

Zorc weiter:

"Man merkt, mit welchem Stolz ihn das Amt erfüllt. Das hat ihm noch mal einen Schub gegeben. Er geht voran, auch in schwierigen Situationen."

Gier

Apropos schwierige Situationen. Dass der BVB 2018/19 von sich überzeugt ist, zeigt sich auch an seinen Comebacks. In fünf Spielen lagen die Schwarz-Gelben in dieser Bundesliga-Saison mit einem oder zwei Toren hinten. Die Ergebnisse aus diesen Partien: vier Siege, ein Remis. Hinzu kommen die Last-Minute-Erfolge im Pokal in Fürth und gegen Union Berlin. Um es noch einmal mit Zorcs Worten zu sagen: Der BVB bringt die PS auch bei starkem Gegenwind auf den Platz.

Findet auch Kehl, der nach dem 4:3 gegen Augsburg bei "Sky" meinte:

"Es braucht eine gewisse Mentalität und Gier, immer wieder zurückzukommen. Das ist Qualität."

Eine Qualität, die die Borussia anderen Teams in dieser Saison voraus hat. Vor allem den Bayern, die Führungen gegen Augsburg, Freiburg und Düsseldorf vergeigten, weil sie es verpassten nachzulegen.

Kehl lieferte mit "Gier" das richtige Stichwort. Der BVB 2018/19 hat Lust auf Tore: In sieben von zwölf Bundesliga-Spielen erzielten die Schwarz-Gelben drei oder mehr Treffer. Hinzu kommen die Kantersiege gegen Monaco und Atletico Madrid in der Champions League. 48 Pflichtspieltore machte das Favre-Team schon in der laufenden Spielzeit - mehr als jede andere deutsche Profimannschaft.

Mit aller Macht gegen den Schlendrian

"Wir dürfen nicht nachlassen. Das ist die Herausforderung, die wir jetzt haben."

Behält der BVB seine Stärken 2018/19 mit Ruhe, Überzeugung, Gier, wird er diese Herausforderung mit Bravour bestehen.

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