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Der LIGAstheniker | Warum so unterwürfig gegen Liverpool, FC Bayern?

Der LIGAstheniker | Warum so unterwürfig, FC Bayern?

18/02/2019 um 14:43Aktualisiert 18/02/2019 um 14:48

Der LIGAstheniker blickt auf das Achtelfinal-Duell zwischen dem FC Bayern München und dem FC Liverpool: Für Thilo Komma-Pöllath ist es unverständlich, warum der FCB sich so unterwürfig gegenüber den "Reds" zeigt, denn die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp hat gerade zuletzt längst nicht immer geglänzt. Er setzt besonders auf Bayerns junge, schnelle Angreifer als Waffen gegen Liverpool.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Wenn man vom Trainer der gegnerischen Mannschaft derart über den grünen Rasen gelobt wird, wie das Liverpool-Trainer Jürgen Klopp mit dem FC Bayern vor dem morgigen Champions League-Achtelfinale getan hat, dann weiß man schon: Uh, soviel Außenseiter war Bayern im Achtelfinale der Champions League lange nicht. Vielleicht noch nie.

Das liegt nicht an Klopps Komplimenten allein. Im Sky-Interview sprach er von einer "brettstarken Mannschaft mit Kraft, Erfahrung und Klasse". Er meinte die Bayern. Ich sage das deshalb dazu, weil man da im Moment vielleicht nicht selbst draufkommt.

Das geht den Fans natürlich runter wie Öl vom besten Bayerntrainer der Welt, der wohl nie Bayerntrainer werden wird. Schwerer aber wiegt das Fehlen der eigenen Mentalitätsbeschwörung. Nach dem wackligen Augsburg-Spiel sprach von Bayern-Seite niemand von Kraft, Erfahrung und Klasse. Selten genug, dass ein Auswärtssieg in der Bundesliga als verpatzte Generalprobe bewertet wurde. Und was sagte der eigene Trainer Niko Kovac zum aktuellen Leistungsstand wörtlich: "Wenn wir so gegen Liverpool auftreten, dann wird’s schlimm." Da kann man ihm nur beipflichten.

Video - Kovac: So ist in Liverpool nichts zu holen

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Mehr noch als die von Spieltag zu Spieltag stark wankelmütige Darbietung der Bayern auf dem Feld fällt auf, dass offenbar die innere Überzeugung fehlt, dem Klopp-Klub Paroli bieten zu können.

Liverpool ist schlagbar

Sieht man sich die Liverpool-Ergebnisse der letzten Wochen an, dann muss man sich fragen, warum? Warum bringen die Bayern keinen Mut auf, sich zum Spiel der Spiele ganz anders öffentlich zu positionieren als sie das tun? Und dass sie das nicht tun, zeigt doch nur die ganze Verunsicherung im Klub. Wo ist nur ihr Selbstverständnis?

Video - Bayern "mit heißem Herz und kühlem Kopf" gegen Liverpool

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Denn Liverpool selbst hat in jüngster Zeit eine Reihe höchst durchschnittlicher Ergebnisse zu verkraften: Gegen West Ham und Leicester nur unentschieden, die Niederlage gegen Man City, das Aus im FA Cup gegen Wolverhampton. Und auch Liverpool hatte schon sein Augsburg-Spiel, ein 4:3 gegen Crystal Palace: Sind das die Ergebnisse einer Wundermannschaft? Sind sie nicht! Es spricht vieles dafür, dass Liverpool gerade in der deutschen Öffentlichkeit, im Sog der allgemeinen Heiligsprechung von Jürgen Klopp, viel stärker gemacht wird als sie eigentlich sind.

Unschlagbar sind sie lange nicht. Und der Druck auf Liverpool, endlich wieder einen Titel holen zu müssen, ist viel größer. Ob das die Bayern auch wissen?

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Zwei Teams auf Augenhöhe

Im Grunde treffen sich morgen in Anfield zwei auf Augenhöhe: der Tabellenzweite der Premier League und die Nummer zwei der Bundesliga. Zwei mit starker Offensivausprägung und jeweils einer Abwehr im "Wackel-Elvis"-Modus. Klar muss man Angst haben um die Bayern, wenn Mohamed Salah, Sadio Mané und Roberto Firmino den Turbo anwerfen und auf sie zurennen. Ihr Umschaltspiel ist wahrscheinlich das schnellste und effektivste der Welt. Und die Bayern gegen den Ball, in der Rückwärtsbewegung, im Räume verdichten?

Da wird einem schon beim Schreiben mulmig. Nicht gedankenschnell genug, schon allein physisch nicht adäquat präsent, und in einem Maße unsortiert und fehleranfällig, dass selbst Augsburg mehrfach trifft. Man will die Bayern-Abwehr nicht beleidigen, aber egal wer da hinten drinsteht morgen, ein Vater Unser könnte helfen. Dazu kommt, dass Manuel Neuer zuletzt nur noch ein ganz normaler Torhüter ist, der – also er allein - für Bayern keine Spiele mehr gewinnt.

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Kann Klopp Titel?

Genau das, also das Spiel entscheiden, können morgen und in zwei Wochen vor allem zwei, die mindestens so schnell sind wie das Liverpool-Trio: Serge Gnabry und Kingsley Coman. Sie verkörpern die Zukunft des FC Bayern und interessant genug, dass sie das bisher immer nur noch mit angezogener Handbremse sein durften, die Zukunft, weil immer wieder nochmal von Frank Ribéry und Arjen Robben die Rede war. Die alten Herren des FC Bayern haben ihre Schuldigkeit getan, die alten Herren dürfen gehen. In der Champions League Anno 2019 haben beide nichts mehr zu suchen. Ich bitte darum!

Um so wichtiger wäre es, dass der angeschlagene Coman auch tatsächlich spielen kann, was wohl erst kurz vor Spielbeginn klar sein dürfte. Am Ende könnte das bisher vorherrschende Narrativ - "Kloppos Wundertruppe demütigt senile Bayern" – auch ganz anders erzählt werden. Zwei Hochbegabte bestehen ihren Lackmus-Test, zeigen im vielleicht wichtigsten Spiel ihrer Karriere der Weltöffentlichkeit, welche Substanz in ihnen steckt und zwingen die Kritiker sich mit der Frage zu beschäftigen: Warum kann Klopp eigentlich keine Titel?

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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