Jürgen Klopp wusste gar nicht, wohin mit seinen Gefühlen.
Als der Coach des FC Liverpool nach Abpfiff dem gegnerischen Trainer Ernesto Valverde und Marc-André ter Stegen seinen Respekt erwies und jeden seiner Jungs ausgiebig gedrückt hatte, reckte er seine Hände einfach in die Höhe.
Das ganze Stadion sang "You'll never walk alone", Klopp wollte den Moment aufsaugen.
Champions League
4:0! Liverpool knockt Barcelona aus und steht im Finale
07/05/2019 AM 20:54
Ein 4:0-Sieg über den FC Barcelona nach einer 0:3-Niederlage im Hinspiel. Was für ein Wunder, was für eine Energieleistung der ersatzgeschwächten Mannschaft, was für ein Abend für den Trainer.

FC Liverpool immer dominanter

"Es ist verrückt, was meine Jungs hier abgezogen haben. Das sind einfach Mentalitätsgiganten", sagte Klopp später. Das Stadion hatte sich da längst geleert. Der Deutsche hatte immer noch Gänsehaut:
Das Spiel war einfach zu viel für mich. Ich bin total überwältigt. Ich habe in meinem Leben schon so viele Fußballspiele gesehen. Ich erinnere mich an keins, das wie dieses war.
Intensiv und voller Tempo von Anfang bis Ende. Mit einem Team aus Barcelona, das in der ersten Hälfte eigentlich alles im Griff zu haben schien und einem aus Liverpool, das mit fortschreitender Spieldauer immer dominanter wurde.

Jürgen Klopp kitzelt sein Team mit 2014

Schließlich hatte der große Favorit um Superstar Lionel Messi nichts mehr hinzuzusetzen. Nun spielen die Reds um den Titel. Ob gegen Ajax Amsterdam oder Tottenham Hotspur - in Madrid werden Klopp und Co. Favorit sein.
Doch wie genau hatte Klopp sein Team dermaßen heiß gemacht? Antwort: mit einem simplen psychologischen Schachzug.
Er habe sein Team vor der Partie an den Frühsommer 2014 erinnert, hatte Klopp schon vor dem Spiel preisgegeben. Damals war er noch Trainer von Borussia Dortmund.

FC Liverpool mit BVB-Mentalität

Nach einem 0:3 im Hinspiel brauchte der BVB gegen Real Madrid einen Heimsieg mit mindestens drei Toren Differenz. Es war das Spiel, in dem Oliver Kirch und Milos Jojic plötzlich spielten wie vom anderen Stern. Beide waren nur auf dem Platz, weil kaum Alternativen zur Verfügung standen.
Am Ende fehlte ein Tor zur Verlängerung.
Klopp traf mit diesem Vergleich offenbar einen Nerv. Ohne die verletzten Stammkräfte Mohamed Salah und Roberto Firmino schwang sich die zweite Garde - wie vom Trainer erhofft - zu Hauptdarstellern auf.
Divock Origi erzielte seine ersten beiden Champions-League-Treffer überhaupt (7./79.), Georginio Wijnaldum ersetzte erst den verletzten Andrew Robertson und erzielte dann binnen zwei Minuten einen Doppelpack (54./56.).

Jürgen Klopp verpasst viertes Liverpool-Tor

Besonders der letztlich entscheidende vierte Treffer war aus dem Stoff, aus dem Legenden gemacht werden: Trent Alexander-Arnold trickste die gesamte Barça-Defensive aus, in dem er einen Eckball blitzschnell flach an den Fünfmeterraum servierte - Origi vollendete in den Winkel.
"Das war eine Idee von Trent Alexander-Arnold, 20 Jahre alt und in Liverpool geboren. Was ein Kerl", gab Klopp stolz zu Protokoll. "Die Jungs machen bei Standardsituationen einen sensationellen Job. Wir wollten schnelle Standardsituationen haben. Das haben die beiden herausragend umgesetzt."

Divock Origi vom FC Liverpool erzielt das 4:0 gegen den Fc Barcelona

Fotocredit: Getty Images

Der Geistesblitz seines Rechtsverteidigers kam sogar für Klopp selbst überraschend:
Ich habe noch mit irgendjemandem gequatscht, drehe mich um und sehe den Ball ins Tor fliegen. Da schaut mich Ben Woodburn an und fragt: 'What happened?' Das habe ich nicht kommen sehen, wusste nicht mal, wer das Tor geschossen hat.

Divock Origi: "Davon werde ich mein Leben lang träumen"

Origi gab Klopp immerhin eine "Teilschuld" an dem herrlich-verrückten Treffer: "Der Trainer sagt immer, dass ich in solchen Situationen aufmerksam sein muss, falls es diese Räume gibt. Heute hat es perfekt funktioniert", so der Belgier. Und weiter:
Es ist einfach unglaublich. Dieser Abend wird in die Geschichte eingehen. Von diesem Moment werde ich noch mein Leben lang träumen.
Bei aller Magie auf dem Platz, der Löwenanteil am Wunder von Anfield gehört Klopp. Der Coach war es, der schon unmittelbar nach der deftigen Hinspiel-Niederlage das kleine Fünkchen Hoffnung am Leben hielt.
"Er hat uns mit Selbstvertrauen vollgepumpt. Wir haben immer an uns geglaubt", sagte Torwart Alisson Becker, der Klopp mit einer Weltklasseleistung auch auf dem Platz bestätigte.

Mourinho lobt Klopp in höchsten Tönen

Trainer-Kollege José Mourinho wurde deutlicher: "Dieser Erfolg trägt einen Namen: Jürgen", schwärmte "The Special One". Und weiter:
Hier geht es nicht um Taktik oder Philosophie. Hier kommt es auf Herz, Seele und eine perfekte Beziehung zu deinen Spielern an. Sie waren kurz davor, eine fantastische Saison mit leeren Händen zu beenden. Nun fehlt noch ein Schritt zur europäischen Krone. Jürgen verdient das. Dieser Sieg spiegelt seine Persönlichkeit wider.
Der deutsche Trainer ist in seinen 19 Europapokal-Heimspielen als Verantwortlicher der Reds noch ungeschlagen, steht im zweiten Champions-League-Finale in Folge und orchestrierte eines der größten Comebacks in der Geschichte des Fußballs.
Klopp ist schon jetzt eine Liverpooler Legende. Was soll erst passieren, sollte er am 1. Juni in Madrid den Henkelpott in die Höhe stemmen?
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