Anfield ist ein Schrein.
Hinter "The Kop" steht eine Statue von Bill Shankly mit der Inschrift: "Er hat die Leute glücklich gemacht." Und dann gibt's da noch das Hillsborough-Denkmal, eine Erinnerung daran, dass Glück niemals garantiert werden kann.
Für viele ist ein Besuch im alten Stadion wie eine Pilgerreise voller emotionaler Momente.
Bundesliga
Turbulente Tage in München: Bayern steht vor der Zerreißprobe
20/04/2021 AM 14:12
Manchmal halten in der Walton Breck Road aber auch Leichenwagen an, um Verstorbene auf ihrem Weg zum Anfield Crematorium noch ein letztes Mal in die Nähe ihres Heiligtums zu bringen. Unterdessen posieren Kinder unter den ausgestreckten Armen von Shankly für Fotos. Der Kreislauf von Fußball und Leben.
Liverpools Heimspielstätte ist weiß Gott nicht einzigartig. Trotzdem ist sie auch abseits der Spieltage ein Versammlungsort, an dem bereits Millionen von schönen Erinnerungen entstanden sind.
Doch am Dienstag war etwas anders an Anfield.

Liverpool in Schockstarre: Die Fahnen werden abgehängt

Die Banner, die am Gitter vor "The Kop" hängen, tragen oft Namen von Toten. Als eine Art letzter Tribut. Heute waren sie jedoch nicht rot, wie sonst üblich, sondern schwarz. Die Aufschrift: "Schämt Euch. RIP LFC 1892-2021."
Dass sich der FC Liverpool an den Plänen für die Super League beteiligt, hat einige Anhänger in ihren Grundfesten erschüttert. Fangruppen haben angekündigt, am Samstag vor dem Premier-League-Spiel gegen Newcastle ihre Flaggen von "The Kop" abzuhängen. Den Anhängern fiel diese Entscheidung nicht leicht.
Wut und Traurigkeit vermischen sich mit Verwunderung und Erstaunen. Wie kann ein Klub, dessen Identität so sehr mit der Kultur der Fans verbunden ist, so etwas tun?

Liverpool: Die Tore von Anfield

Fotocredit: Getty Images

FC Liverpool: Alles nur Lügen

Die Leute müssen neue, hässliche Begriffe kennenlernen, die nach Marketing-Jargon riechen. "Legacy Fans" scheinen Anhänger zu sein, die nicht genug ausgeben. "Fans der Zukunft" sind dagegen hypothetische Geldmaschinen, die sich nicht um Tradition scheren und nur die Geldbeutel der Super-League-Teams füllen sollen.
Das gleiche Entsetzen ist in Manchester und London zu spüren. ManCity und ManUnited haben sich wie Arsenal, Chelsea und Tottenham den Abtrünnigen angeschlossen.
Fans im ganzen Land lehnen sich gegen die Super League auf. Doch Anfield hat der Schock am härtesten getroffen. In Liverpool war die Bewunderung für das Publikum schon immer am größten, wurde die Verbindung zwischen Fans und Mannschaft zu einem Mythos hochstilisiert.
Die brutale Wahrheit ist aber eine andere: Die Hingabe war einseitig. Alles, woran "The Kop" geglaubt hat, ist auf Lügen aufgebaut.

Mythos Liverpool: Doch nur ein Klub wie alle anderen

Vor zwei Jahren erklärte Peter Moore, Liverpools damaliger CEO, einer spanischen Zeitung die Philosophie des Klubs so: "Shankly, ein schottischer Sozialist, hat die Grundlage geschaffen."
"Auch heute fragen wir uns bei wichtigen wirtschaftlichen Entscheidungen noch: 'Was hätte Shankly getan? Was hätte Bill in dieser Situation gesagt?'", sagte Moore: "Er war ein wahrer Sozialist, der daran geglaubt hat, dass Fußball darin bestand, gemeinsam für etwas zu arbeiten."
Die Fenway Sports Group (FSG) arbeitet jetzt gemeinesam mit Real Madrid, dem FC Barcelona, Atlético Madrid, Milan, Inter, Juve und den anderen fünf Premier-League-Klubs an einer lukrativen, abgeschotteten Liga. Sozialismus ist dabei das Letzte, was die amerikanischen Besitzer im Sinn haben. Die Liverpool-Fans können aufhören sich selbst zu belügen. Der Klub existiert nicht für die Vielen, sondern nur für ein paar Wenige.

Der legendäre Liverpool-Coach William "Bill" Shankly († 1981)

Fotocredit: Eurosport

Die Fenway Sports Group legt die hässliche Seite offen

Die Anhänger und die Eigentümer wollten schon immer dasselbe, aber aus unterschiedlichen Gründen. Erfolge und Titel erfreuen die Tribüne und erhöhen das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Fans. Gleichzeitig bringen Siege den Vereinsoberen höhere Profite ein.
Für den Großteil der Geschichte des Fußballs konnten diese Ambitionen friedlich miteinander koexistieren. Diese Vernunftsehe hat beiden Seiten gut in den Kram gepasst und keiner hat die Mechanismen dahinter zu gründlich hinterfragt. Besonders nicht in Anfield.
Mit dem Beitritt in das Super-League-Kartell hat die FSG das nun alles offengelegt. Die nackte Verachtung für die Anhänger, die Profit-Bessesenheit. Viel schlimmer noch: Sie haben das Symbol der Stadt untergraben.

Merseyside: Fußball als Rettungsanker

Sowohl Liverpool als auch Everton haben eine Bedeutung für Merseyside, die weit über das Sportliche hinausgeht. Diese benachteiligte Region existiert am Rande der britischen Gesellschaft. Oft steht sie im Widerspruch zur Mainstream-Politik des Königreichs, hat wirtschaftlich gelitten.
In den schlimmsten Momenten waren die beiden Teams eine Quelle des Stolzes. Als die Stadt am Boden schien, war Fußball eine Art Rettungsanker.
Der FC Liverpool war mit seinen sechs Europapokal-Titeln und den 19 nationalen Titeln das Aushängeschild für die Hafenleute. Nun steht er nur noch für pure Gier.

Cash ist nun King von Anfield

John W. Henry, der Haupteigentümer des Klubs, hatte mit dem Gewinn der Premier League nach 30-jähriger Durststrecke eigentlich sein Erbe zementiert. Stattdessen hinterlässt er jetzt hässliche Erinnerungen.
Er muss dafür Verantwortung übernehmen, die Beziehung zwischen dem Klub und "The Kop" vergiftet zu haben.
Cash - nicht mehr Kenny Daglish - ist mittlerweile "King" von Anfield. Fans, die immer vor Freude sangen, toben nun vor Wut. Das Vertrauen ist zerstört. Nichts wird mehr so sein, wie es einst war.
Der Schrein wurde beschmutzt.
Das könnte Dich auch interessieren: Zielscheibe Liverpool: Klopp fürchtet um sein Leben

Aufruhr um Super League: Klopp schießt gegen Neville zurück

Premier League
Zielscheibe Liverpool: Klopp fürchtet um sein Leben
20/04/2021 AM 12:28
Bundesliga
Bayern-Zukunft ungewiss: Tuchel und Klopp jagen offenbar Coman
VOR 10 STUNDEN