Eigentlich müsste Toni Kroos nun seinen Rücktritt verkünden. "Ohne uns! Wir machen da nicht mit", hatte der Fußballprofi von Real Madrid vor fünf Monaten in seinem Podcast "Einfach mal luppen" gesagt. Und als sein Bruder Felix meinte, es sei "ein guter Zeitpunkt aufzuhören", wenn es "so einen Quatsch" wie die Super League gebe, stimmte ihm der Rio-Weltmeister zu: "Richtig!"
Aus der brüderlichen Blödelei über ein Szenario irgendwann in ferner Zukunft ist aber plötzlich bitterer Ernst geworden. Real Madrid ist einer von zwölf Klubs, die sich der neugeschaffenen Super League anschließen und den europäischen Profifußball in eine tiefe Krise stürzen. Eine Reaktion von Kroos blieb bislang aus, so wie von fast allen Profis der betroffenen Vereine.
Das Schweigen der Spieler hat einen Grund: Sie stecken in einem riesigen Dilemma, das durch persönliche Motive noch verstärkt wird. Kommen sie ihren vertraglichen Pflichten nach und laufen in der Super League auf, droht ihnen der Ausschluss von Europa- und Weltmeisterschaften. Oder ist diese Ankündigung von UEFA-Präsident Alexander Ceferin nur ein Bluff?
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"Rein juristisch betrachtet hat die UEFA keine Chance, ihre Drohungen durchzusetzen", sagte die Professorin Anne Jakob dem "SID". Die Fachanwältin für Sportrecht ist sich wie andere Kollegen sicher: "Die europäischen Gerichte würden einen Ausschluss für unwirksam erklären." Weil es dem europäischen Kartell- und Wettbewerbsrecht widersprechen würde.

Liverpool-Star Milner spricht sich gegen Super League aus

So oder so drängt sich der Eindruck auf, dass der Machtkampf auf dem Rücken der Spieler ausgetragen wird. "Als Spieler haben wir nicht wirklich ein Mitspracherecht, also fühlt es sich ein bisschen ungerecht an", sagte James Milner.
Der Mittelfeldspieler des FC Liverpool machte keinen Hehl daraus, dass er die Pläne der Klub-Besitzer für einen großen Fehler hält: "Ich kann nur meine persönliche Meinung sagen, und ich mag es kein bisschen und hoffe, dass es nicht passiert."
Doch der Fenway Sports Group mit Sitz in Boston/Massachusetts wird es ziemlich egal sein, wie James Milner die Super League findet. Auch die anderen Klub-Eigentümer haben ihre Angestellten auf dem Rasen zuvor nicht um ihre Meinung gefragt.
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Star-Berater Raiola sichert Spielern Unterstützung zu

"Spieler werden weiterhin als Werte und Hebel bei diesen Verhandlungen missbraucht", kritisierte die Spielervereinigung Fifpro, die nach eigenen Angaben rund 60.000 Fußballer weltweit vertritt. Auch Vizepräsident Carsten Ramelow von der Spielergewerkschaft VdV meinte, "dass Spielerinteressen bei dieser Diskussion instrumentalisiert werden".
Bei dieser Thematik geht es nicht nur um rechtliche Fragen. Nicht wenige Spieler der zwölf kommenden Super-League-Teams halten die Pläne für abstrus, doch nur wenige wollen und können das so offen zugeben wie Milner. Kroos, Ilkay Gündogan (Manchester City), Timo Werner und Kai Havertz (FC Chelsea) - sie alle stecken in diesem Zwiespalt fest. Schweigen scheint deshalb das Gebot der Stunde zu sein.
Dafür reden die Berater. "Wir werden für die Rechte der Spieler in jedem System kämpfen und sicherstellen, dass die Stimme der Spieler gehört und ihre Sicht der Dinge berücksichtigt wird", versicherte der Spielerberater Mino Raiola, der unter anderem Erling Haaland und Paul Pogba zu seinen Schützlingen zählt: "Die Spieler sind am Ende das Wichtigste in dem Spiel."
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