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Arp in der Krise: Es war einmal ein Super-Talent

Arp in der Krise: Es war einmal ein Super-Talent

02/04/2019 um 13:48Aktualisiert 02/04/2019 um 18:10

Jann-Fiete Arp ist nicht dabei, wenn der Hamburger SV gegen den SC Paderborn im DFB-Pokal ums Halbfinale kämpft. Er steht nicht mal im Kader des Zweitligisten. Das Super-Talent, das bald beim FC Bayern München unter Vertrag steht, steckt stattdessen seit Monaten in einem Leistungsloch. Wie der 19-Jährige da wieder rauskommt? Völlig unklar.

"Endstation Drochtersen" - die Zeile liest sich so wie sie klingen sollte: Hart, final, irgendwie bedrohlich. Und durchaus verschärft mit einer Prise Häme. Nun ja, die "Bild", wo die Überschrift stand, nimmt dich als Person des öffentlichen Interesses bekanntlich mit rauf und wieder runter, wie es heißt.

Jann-Fiete Arp, noch unter Vertrag beim Hamburger SV, schon bald jedoch beim FC Bayern München, bekommt das aktuell zu spüren. Statt am Wochenende mit dem HSV gegen den VfL Bochum zu spielen, musste er nämlich mit der Regionalliga-Reserve beim SV Drochtersen/Assel ran.

"Wir haben hier viele junge Spieler im Kader, aber die müssen besser trainieren. Ganz klar. Es geht um Leistung."

Damit ist der Youngster wohl endgültig in der kompromisslosen Welt des Fußball-Profisports angekommen. Dort zählt für Trainer ausschließlich Leistung, für die Öffentlichkeit die Anzahl der Tore, für die Fans zusätzlich die Identifikation mit dem Verein. Um das als junger Mensch zu realisieren, braucht es eine gewisse Zeit und so manches Talent vor Arp ist am riesigen Erwartungsdruck von außen schon zusammengebrochen.

Das Motto von Arp: Ohren zu und durch

Wie er mit dem Druck umgehen möchte, hat er in der vergangenen Woche mit seiner Jubel-Geste nach seinem Tor für die U19-Nationalmannschaft gegen Kroatien gezeigt. Gezielt visierte er den Fotografen hinter der Torauslinie an und zeigte dann: Ohren zu und durch.

Es ist wahrscheinlich das Beste, was er derzeit machen kann: Sich auf sich besinnen, auf seine definitiv vorhandenen Stärken, auf seinen Ehrgeiz, auf seinen Willen, es bis nach ganz oben zu schaffen. Mit öffentlichen Kampfansagen hält er sich zurück, sagte der "Hamburger Morgenpost" zuletzt abgeklärt:

"Ich freue mich, wenn ich spielen kann. Ich versuche weiterhin alles zu geben."

Fiete Arp im Kopf nicht frei

Arp ist auf dem Rasen ein Freigeist, er hat Bewegungen drauf, die Abwehrspieler nicht vorhersehen können, er kann sowohl Vorlagen geben als auch selbst abschließen. Seine große Stärke ist die Abgeklärtheit im Strafraum. Wenn anderen die Nerven flattern, behält er die Übersicht. In der bisherigen Saison zeigte er davon nichts. Für den Kenner wurde nur sichtbar, das er im Kopf nicht mehr frei ist.

Jeder, der ihn aber in einem guten Spiel hat agieren sehen, wird zu dem gleichen Schluss kommen wie Bayern-Trainer Niko Kovac, der prophezeit:

"Ich bin mir sicher, dass er - ich hoffe, dass wir uns in ein paar Jahren wieder sprechen - dann deutscher Nationalspieler ist, da gebe ich Ihnen Brief und Siegel."

Der HSV ist "sein Verein", er ist selbst der größte Fan. Dort wurde er ausgebildet, dort schaffte er den Sprung zu den Profis, dort wurde er bereits von der Nordtribüne gefeiert. Nur ist der HSV eben auch der HSV und aufgrund eines stetig unruhigen Umfelds noch nicht in der Lage, die beste Perspektive für junge Spieler zu bieten.

Video - Kovac kanzelt Kritik an Arp-Transfer ab

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FC Bayern bot Arp ein Mega-Gehalt

Wäre es nach Arp selbst gegangen, hätte er im vergangenen Jahr sicher ohne zu zögern für fünf Jahre verlängert. Arp wollte seinen Verein in der Phase des Abstiegs nicht alleine lassen, sondern helfen, dass er schnell wieder hochkommt.

Doch der Fußball ist ein Millionengeschäft. Als der FC Bayern Ernst machte und ein Gehalt von fünf Millionen Euro jährlich bot, rieten ihm sein familiäres Umfeld und sein Berater Jürgen Milewski zum richtig großen Schritt.

Der Öffentlichkeit wurde verschwiegen, dass der Vertrag mit dem FCB unterzeichnet wurde, gefeiert wurde stattdessen Arps Vertragsverlängerung bis 2020 beim HSV.

Vorbild Serge Gnabry

Der Stürmer bestand darauf, dass er weiter beim HSV sein Glück versuchen durfte, obwohl Bayern ihn liebend gerne zur TSG 1899 Hoffenheim ausgeliehen hätte, damit er weiter in der ersten Liga bleibt und sogar schon Champions-League-Luft schnuppert. Vorbild Serge Gnabry. Für die Bayern ist Arp eine Aktie.

So fragwürdig es war, die Kommunikation des feststehenden Bayern-Transfers zu verschweigen, so krass ist es, wenn man sich vor Augen führt, was auf Arp in 19 Monaten alles eingeprasselt ist. In Staccato von Oktober 2017 bis heute:

Profi-Debüt, erstes Tor, 18. Geburtstag, Führerschein, erste eigene Wohnung, Abitur, Abstiegskampf, Abstieg, Vertragsunterschrift beim FC Bayern, Entlassung seines großen Förderers Christian Titz, gnadenloser Konkurrenzkampf, Tor-Flaute, Leistungsloch, Degradierung, Krise.

Und jetzt vielleicht: Ratlosigkeit? Auch Arp ist keine Maschine.

Wo liegt seine Zukunft wirklich?

Aus der Mannschaft braucht er keine Hilfe oder Unterstützung erwarten, dafür sind Profis zu sehr auf sich bedacht, wenn es drauf ankommt. Vom Verein ebenfalls nicht, schließlich hat er sich vertraglich bereits gegen ihn entschieden.

Laut Klausel darf er übrigens selbst bestimmen, ob er sich in diesem Sommer oder 2020 den Bayern anschließt. Die wiederum haben vorne Robert Lewandowski, Thomas Müller und wer weiß wen sonst noch ab nächster Saison.

Die Kunst wird es sein, für Arp ein Umfeld zu schaffen, in dem er sein Potenzial wieder voll ausschöpfen und das sein kann, was ein 19-Jähriger eigentlich sein sollte: Unbekümmert, motiviert und voller Leidenschaft.

Video - Effenberg: Transfer für Arp größeres Risiko als für Bayern

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