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Auf Klassenfahrt mit Löw: Tapfer wie Lehrer Lämpel

Auf Klassenfahrt mit Löw: Tapfer wie Lehrer Lämpel

10/09/2019 um 13:20Aktualisiert 10/09/2019 um 14:06

Eurosport-Blogger Sigi Heinrich wagt einen ganz besonderen Blick auf die Dienstreisen der deutschen Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation. Pünktlich zum Schulanfang in seiner bayerischen Heimat widmet er sich in einem Erlebnisaufsatz der "Klassenfahrt" des DFB unter Bundestrainer Joachim Löw. Seine Schüler haben es nicht immer leicht mit ihm, aber der Neue in der Klasse trumpfte gleich auf...

    Es war eine schöne Klassenfahrt. Wollten wir immer schon mal machen. Nicht nach Südtirol zum Törggelen mit Speck und Rotwein oder nach Mallorca, um aus Eimern Sangria mit einem klimafreundlichen Strohhalm zu trinken. Wir wollten auch keine allzu lange und beschwerliche Anreise in Kauf nehmen, weshalb wir von Hamburg aus nur nach Nordirland geflogen sind.

    Und es war toll. Was es alles gibt: Ihr glaubt es kaum. Links-Golfplätze an der Küste, normannische Burgen, durch Gletscher geformte Täler und Berge. Die Werft, in der die Titanic gebaut wurde. Gut, die wurde aus dem Besichtigungsprogramm gestrichen, weil untergehen und so, sagte Lehrer Löw, sollte nicht mehr zu unserem Wortschatz gehören, weil das weckt Assoziationen oder wie man das sagt, also Erinnerungen quasi an die WM vor vielen langen Jahren in Russland. Da ist die ganze Klasse damals untergegangen.

    Video - Löw über Gegentore: "Süle und Tah müssen dazulernen"

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    Der standhafte Lehrer Löw

    Aber unser Lehrer nicht. Nein, der hat das tapfer durchgestanden wie Lehrer Lämpel einst die Streiche von Max und Moritz. Den hat ja nicht mal eine explodierende Pfeife aus der Ruhe gebracht. Und weil der Pauker Löw auch einer von der Sorte der Standhaften ist, folgen wir ihm weiter bereitwillig, auch wenn viele aus der Klasse zwischenzeitlich irritiert waren, weil er ein paar der älteren Schüler einfach so aus der Schule geworfen hat. Dabei waren gerade die Jüngeren eigentlich froh, dass sie die eine oder andere Schulter zum Anlehnen hatten.

    Aber uns wurde klar gemacht, dass der Herr Löw jetzt bedingungslos auf uns setzt. Auf die Jüngeren, weshalb wir uns natürlich auch nicht, wirklich nicht, gegen diese Reise nach Nordirland gesperrt haben.

    Schwieriger Unterricht

    Vom Unterricht her haben wir festgestellt, dass es manchmal ganz schön schwierig ist, dem Herrn Löw zu folgen. In Hamburg haben wir erst massiv mit einer Fünferkette sogar verteidigen müssen, weil uns erklärt wurde, es stünde die Befürchtung im Raum, dass diese Niederländer offensiv spielen könnten. Wir also nichts wie hinten rein und als es dann nicht so lief, haben wir zwei Jungs eingewechselt, die das Tempo, das eh nicht da war, auch noch gebremst haben.

    Joachim Löw und Timo Werner

    Joachim Löw und Timo WernerImago

    Wir sind zwar in Mathe nicht so gut, aber die Wirkung dieser Aktion von Lehrer Löw war schon fatal. Wir sollten wieder viel Ball halten, dabei wollen wir doch Fußball spielen. Vor unserem Auftritt in Belfast hat uns der Herr Löw dann klar gemacht, dass wir jetzt schon mal wieder offensiver spielen könnten. Er sprach sogar von Aggressivität. Da sind dann einige in der Klasse ziemlich erschrocken. Und die Fünferkette hat er uns auch wieder genommen, weil diesmal, so hat man uns das erklärt, die Befürchtung im Raum stand, dass die Nordiren eher defensiv ausgerichtet sein würden.

    Der Neue macht sich

    Das war dann aber auch nicht der Fall. Die spielten plötzlich richtig mit und ehe wir uns versahen, war eine Halbzeit rum. Da war er schon ein wenig sauer, der Herr Löw in der Pause. Gut, wir wussten ja selber, dass wir eher die russische Variante spielten, also die mit untergehen und so. Aber zum Glück haben wir einen Neuen in der Klasse, den der Herr Löw in Leipzig gesehen hat.

    Und der Marcel, also der Halstenberg, der hat dann den Ball mal sauber versenkt. Ich glaube, da war der Herr Löw schon sehr beruhigt, weil sich die Reise so wenigstens irgendwie auch gelohnt hatte.

    Marcel Halstenberg jubelt über sein Tor für Deutschland

    Marcel Halstenberg jubelt über sein Tor für DeutschlandGetty Images

    Keine Hausaufgaben

    Wir mögen ihn schon, unseren Lehrer Löw, weil er uns auch immer in Schutz nimmt, wenn die Klasse mal Mist baut. Er ist nicht sauer auf uns. Er sagt zum Beispiel so einen Satz wie:

    "Wir sind in einer Phase des Lernens."

    Und das ist natürlich schon hilfreich, weil wenn du lernst, dann darfst du Fehler machen, ohne dass sie dir gleich den Kopf abreißen. Das ist beruhigend. Und weil er sagte, wir, also Plural oder so, verstehen wir das auch so, dass sich der Herr Löw mit uns zusammen in eben dieser Lernphase befindet. Auf jeden Fall hat uns diese Klassenfahrt wieder weiter als Gruppe zusammengeschweißt. Und weil wir jetzt in unserer Gruppe wieder ganz vorne sind, haben wir diesmal auch keine Hausaufgaben bekommen.

    Und das mögen wir an unserem Lehrer Löw ganz besonders, weil wir dann mehr Zeit haben zum Fußballspielen daheim.

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