Die Diskrepanz zwischen Fan und Fußballer kleidete Thomas Müller in prägnante Worte. "Du hast ein Spiel mehr", stellte der Weltmeister gegenüber "Bild" fest, gab sich aber keine Mühe, seine gedämpfte Begeisterung über den Modus der EM 2016 zu verbergen. Als Zuschauer würde er sich ja freuen, "wenn's nochmal ein Spiel mehr gibt zum Anschauen bei schönem Wetter mit einer schönen Grillwurst", sagte Müller, der verbal genauso frisch auftritt wie sportlich (nagut, momentan nicht).
Aber:
Für den Wettbewerb an sich ist es vielleicht nicht unbedingt von Vorteil.
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Müller meinte die Aufstockung des Turniers auf 24 Nationen, er kritisierte diesen Umstand, sah aber die Hinter- und Beweggründe: "Wir sind in der Unterhaltungsbranche, der Fußball als Business lebt davon, dass wir die Leute unterhalten." Das Problem ist halt, dass dies bisher eher so semi-optimal gelang.

Jetzt greift Löws Zwei-Phasen-Modell

Die ersten beiden Gruppenspieltage waren zäh, bemerkenswert tor- und irgendwie auch emotionslos. Na klar: Weil zwei Drittel aller Teilnehmer ins Achtelfinale vorstoßen, wurde die Devise "safety first" attraktiver. Der fehlende Siegzwang führe dazu, "dass die meisten Teams erst einmal mit einem Remis zufrieden sind", analysiert ARD-Experte Mehmet Scholl.
Das Resultat von Turnier-Aufblähung und dem damit einhergehenden Qualitätsgefälle waren ultradefensive Strategien der Außenseiter; also ein Mangel an Spektakel und Spielkultur, vermutlich selbst für Taktik-Fetischisten, da keine pionierhaften Varianten zu erkennen waren.
Jetzt aber gilt: genug gejammert! Die "Vor-Qualifikation" innerhalb der Endrunde ist vorüber, ab Spieltag drei geht's in die Vollen. Das hat Bundestrainer Joachim Löw schon vor Wochen erkannt, als er sein Zwei-Phasen-Modell kundtat und erklärte, verschiedene Teams zu benötigen: "Eine Mannschaft bis zum Achtelfinale - und dann eine zweite."

3. Spieltag, Achtelfinale: Das Rasenschach hat ausgedient

Zunächst erwartete Löw tiefstehende Gegner, was sich bewahrheitete. Tschechien gegen Kroatien (2:2) war das erste Spiel mit mehr als drei Toren, Spanien gegen Türkei (3:0) die erste Partie, bei der es einer Nation gelang, öfter als zweimal zu treffen. Beide Matches stiegen am 17. Juni. Begonnen hatte das Turnier sieben Tage zuvor.
Nun, mit den dritten Vorrundenspielen, hat das strukturell sinnige, aber öde Rasenschach ausgedient. Müllers Unterhaltungsbranche wird fortan gefüttert, faktisch überall ist's noch eng. In Gruppe B trennt England, Wales und die Slowakei lediglich ein Punkt, ebenso in Staffel C, wo Löws Weltmeister bisher weder Gruppensieg noch Achtelfinalteilnahme gebucht haben. Belgien ist zurück in der Verlosung (E), Island und Ungarn halten sich wacker, während Portugal und Österreich arg bangen (alle F). Im Fernduell der vier besten Gruppendritten wird jedes einzelne Tor zählen, das fördert die Offensive.
Crunchtime! Es ist wie ein zweiter Turnierstart. Möge es konstruktiver werden.
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