Harald Stenger erinnert sich noch genau, wie das damals war beim Sommermärchen 2006 im eigenen Land.
Euphorie, tolle Auftritte der DFB-Auswahl, ein weltoffener Gastgeber Deutschland und dieser Moment, als Joachim Löw ihm dankte. "Die Medienarbeit ist großartig gelaufen", habe der Bundestrainer ihm nach der letzten Partie gesagt.
Für den heute 70-jährigen Stenger, der von 2001 bis 2012 als Medienchef und Pressesprecher der Nationalmannschaft agierte, steht die Szene sinnbildlich für die Zusammenarbeit mit Löw, der nach der Europameisterschaft im Juni oder Juli zurücktreten wird.
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Nachfolger von Bundestrainer Löw? Klopp liefert klare Antwort
09/03/2021 AM 14:02
Die richtige Entscheidung, wie Stenger im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de betont.
Herr Stenger, stellen wir uns vor, Sie sitzen in geselliger Runde beisammen und werden gebeten, eine Anekdote über Joachim Löw zu erzählen, die den Bundestrainer treffend charakterisiert. Welche Geschichte geben Sie zum Besten?
Harald Stenger: Da fällt mir spontan der Rückflug nach dem Spiel um Platz drei bei der Heim-WM 2006 ein. Es ging von Stuttgart nach Berlin zum Empfang am Brandenburger Tor. Die Nacht zuvor hatten wir natürlich gefeiert und als wir früh morgens im Flieger saßen, kam Jogi Löw zu mir nach hinten und sagte: "Harald, ich wollte mich noch einmal für deinen Einsatz bedanken, die Medienarbeit ist großartig gelaufen. Wir hatten ja unsere Bedenken ob des enormen Andrangs der Presse, aber du hast das toll gemanagt, warst immer für uns da. Die Zusammenarbeit hat Spaß gemacht." Die Szene steht exemplarisch für die Art und Weise unseres Miteinanders und den Stil von Jogi Löw. Seine Wertschätzung der Spieler und aller Mitarbeiter im Team hinter dem Team war immer groß und von ehrlichem Respekt geprägt.

Stenger (2.v.r.) bei der WM 2006 im Kreis der Nationalmannschaft

Fotocredit: Imago

Joachim Löw war nicht nur als Bundestrainer gefordert, sondern auch als Mensch, der mit seinen Spielern durch sehr schwere Zeiten gehen musste. Wir sprechen von den Anschlägen 2015 in Paris während eines Länderspiels oder dem Selbstmord von Robert Enke am 10. November 2009. Wie ging er mit solchen Situationen um?
Stenger: Die Vorfälle in Paris habe ich nicht live vor Ort erlebt, aber das war mit Sicherheit ein schlimmes Erlebnis. Das mit Abstand schlimmste Ereignis - und da muss ich jetzt aufpassen, dass ich die Fassung behalte - war allerdings der Abend, als wir auf dem Gang zum Abendessen waren, bei mir das Telefon klingelte und ein Journalist mir mitteilte, dass Robert Enke Selbstmord begangen hat. Es war eine Nacht der Tränen und ich kann sagen, dass Jogi Löw in dieser Situation zusammen mit Oliver Bierhoff eine echte Führungsfigur war. Er hat in diesen ganz schwierigen Stunden gezeigt, welche Qualitäten er als Mensch hat.
Sie selbst haben 2012 beim DFB aufgehört, Löw wird es nach der EM im Juni oder Juli tun. Zu spät, wie manche meinen. Wäre es cleverer gewesen, schon nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018 zurückzutreten?
Stenger: Ich weiß, dass einige der Meinung sind, Jogi wäre besser nach der angesprochenen WM in Russland zurückgetreten. Das gilt aber auch für die Phase nach dem 0:6 in der Nations League gegen Spanien im November vergangenen Jahres. Es wurde damals in den Medien manches Argument genannt, das man von außen anführen kann. Nun kommt allerdings mein großes Aber: Ich bin sehr sicher und kann es auch nachvollziehen, dass Jogi als Bundestrainer nicht im Negativen gehen wollte - also nicht mit einer Klatsche, um es mal platt auszudrücken. Jogi hat sich daher die Option Europameisterschaft ganz bewusst und für mich zu recht offengehalten, denn er hat ja lange großartige Arbeit geleistet und will nun zum Abschied nach dem Höhepunkt des WM-Triumphs 2014 unbedingt die Enttäuschungen ab 2018 wettmachen.
Der Gewinn des Titels 2021 ist sein großes Ziel - Weltmeister ist er ja bereits, aber der EM-Titel fehlt ihm noch. Durch den angekündigten Rücktritt geht er nun diesen ganzen Debatten aus dem Weg, ob er gehen muss, wenn es nicht nach Wunsch läuft im Sommer. Ich habe mit ihm, wie jedes Jahr, um die Weihnachtszeit herum telefoniert und dabei den Eindruck gewonnen, dass er überzeugt davon ist, die EM erfolgreich bestreiten zu können. So wie ich ihn kenne, hat er dann im Januar oder Februar, wenn er sich immer zurückzieht, um über Grundsätzliches nachzudenken, entschieden, vorzeitig seinen Rücktritt bekannt zu geben. Damit hat er das Heft des Handelns in der Hand behalten, was gerade in den Turbulenzen nach dem Spanien-Spiel zu recht stets sein Ziel war, und er erspart sich die möglichen Diskussionen und die bittere Szenerie einer möglichen Entlassung, wenn es bei der EM eine neue Enttäuschung gibt. Um es auf den Punkt zu bringen: Jogi Löw wird jetzt alles dafür tun und geben, hoch erhobenen Hauptes seinen Platz auf der Trainerbank der Nationalmannschaft zu räumen.
Haben Sie den Eindruck, dass der Umgang der Medien mit Löw seit der WM 2018 ins Unfaire abgekippt ist?
Stenger: Jogi kennt die Regeln des Metiers ganz genau und weiß, dass man Kritik erntet, wenn der Erfolg ausbleibt. Da geht's dann auch mal hart und ungerecht zu. Das hat ihn sicher nicht unberührt gelassen, aber auch nicht aus den Pantoffeln gehauen. Mediale Kritik hin oder her, aus meiner Sicht muss man nochmals klipp und klar sagen: Jogi hat erst als Klinsmann-Assistent und dann als Bundestrainer von 2004 bis 2014 herausragende Arbeit geleistet. Er hat neue Ideen eingebracht und eine sensationelle Mannschaft geformt, die überdies auch noch attraktiven Fußball gezeigt hat.

"Das Unglückliche am Fall Müller, Hummels, Boateng"

Löw zeichnete immer die Loyalität zu Spielern wie Bastian Schweinsteiger oder Lukas Podolski aus. Auf der anderen Seite sorgte er 2019 mit der Entlassung der drei Bayern-Stars Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng für Aufsehen. Hat er gegen sein Naturell gehandelt, weil er etwas tun musste?
Stenger: Jogi Löw war immer ein Mann, der auch unpopuläre Entscheidungen getroffen hat. Ich erinnere an den Konflikt um Michael Ballack, der dann nicht mehr zu seinem 100. Länderspiel gekommen ist. Der Bundestrainer hat immer klare Entscheidungen gefällt - dazu gehört der Einsatz für Spieler, von denen er im Gegensatz zur öffentlichen Meinung überzeugt ist, ebenso wie der Verzicht auf populäre Spieler, die aus seiner Perspektive dem Team nicht mehr helfen konnten.
Die Entlassung des Bayern-Trios hätte er aber schon eleganter über die Bühne bringen können.
Stenger: Das Unglückliche am Fall Müller, Boateng und Hummels, die damals ja allgemein in der Kritik standen, war die schlechte Kommunikation. Dieses Problem ordne ich aber mehr Jogis Umfeld zu als ihm selbst. Da hätten die Ratgeber im DFB, die für die Kommunikation verantwortlich sind, ihren Einfluss geltend machen und das Ganze eleganter lösen müssen. Nur eine Pressemitteilung rauszuschicken, war zwar bequem, aber einfach zu wenig. Als 2006 die Entscheidung für Jens Lehmann als Nummer eins fiel und Oliver Kahn seinen Stammplatz im Tor verlor, war es für meinen Kollegen Uli Voigt und mich ein Riesenaufwand, ganz kurzfristig zu einem Pressegespräch in München einzuladen und auch selbst dabei zu sein, aber wir hatten unsere Idee eingebracht, als sich die Entscheidung anbahnte - und sie wurde akzeptiert.
Die Nationalelf hat seit Jahren generell einen schweren Stand. Der Marketing-Schachzug, "Die Mannschaft" auszurufen, erfuhr mehr Kritik als Lob. Dazu sinken die Zuschauerzahlen und viele Fans haben das Gefühl, das Team und der Trainer entfernen sich zunehmend von den Anhängern. Inwieweit hat diese Entwicklung mit Löw zu tun?
Stenger: Das Etikett "Die Mannschaft" liegt, wie so manch anderer Slogan auch, in der Verantwortung von Oliver Bierhoff. Er will unbedingt modern sein und hat daher immer auf unkonventionelle Ideen gesetzt, von denen er überzeugt ist, selbst wenn andere das manchmal skeptisch beurteilt haben. Oliver hatte da immer das letzte Wort, weil die Ressortverteilung in der Nationalmannschaft seit 2004 klar geregelt war. Was
Löw angeht: Seine Kernaufgabe war immer die Arbeit mit der Mannschaft und die damit zusammenhängenden Personal-Entscheidungen. Grundsätzlich zur nachlassenden Popularität der Nationalmannschaft: Die gesamte Entwicklung hängt nicht nur von den zuletzt teils schwachen Ergebnissen und Leistungen der DFB-Auswahl ab. Bei allem Respekt vor dem Gegner - es ist doch klar, dass bei einem WM-Qualifikationsspiel wie gegen Nordmazedonien Ende März nicht La Ola durchs Land läuft und die Begeisterung der Fans sich stark in Grenzen hält.

Stenger: "Löw in einer Reihe mit Herberger und Beckenbauer"

Sie haben von 2004 bis 2012 direkt mit dem Bundestrainer beim DFB zusammengearbeitet. Gab es in dieser Zeit den Moment, an dem Sie gedacht haben: Oha, das war ein grober Fehler von Löw.
Stenger: Es kam hin und wieder vor, dass ich bei einem freien Vormittag für die Spieler oder bei der Aufstellung im Blick auf eine personelle Entscheidung dachte: Muss das sein? Ist das echt notwendig oder richtig? Aber das ist doch normal, dass man nicht in allen Details einig sein muss, zumal als Pressesprecher meine persönliche Meinung keinerlei Bedeutung hatte. Bei den großen Entscheidungen sehe ich aber nicht, dass Jogi irgendwo komplett danebengelegen hätte, zumal im Fußball Personalien oder Taktik von zig Millionen Bundestrainern immer unterschiedlich beurteilt werden.
Welchen Platz in der Geschichte des deutschen Fußball und seiner Bundestrainer wird Löw einnehmen, wie wird man auf sein Wirken zurückblicken?
Stenger: Man kann sich natürlich trefflich darüber streiten, wer unter den Bundestrainern den ersten Platz einnimmt. Löw ist einer der erfolgreichsten Bundestrainer aller Zeiten und hat den deutschen Fußball in einer schwierigen Phase geprägt. Daher gehört er für mich in eine Reihe mit Sepp Herberger oder Franz Beckenbauer, um zwei populäre Legenden zu nennen, die ebenfalls Weltmeister wurden. Wenn ich den Namen Löw und Bundestrainer höre, bleibt bei mir hängen: Was Jogi abgeliefert hat, war trotz aller Rückschläge in der jüngeren Vergangenheit allererste Sahne.
Herr Stenger, ich bedanke mich für das Gespräch.
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