Die euphorischen Eidgenossen verwandelten die Alpenrepublik mit ihren ohrenbetäubenden Hupkonzerten, Autokorsos, Feuerwerken und Bengalos in den überfüllten Fanzonen von Zürich oder Basel noch weit nach Mitternacht in eine rot-weiße Partyzone.
"Das ist Geschichte", sagte der verständlicherweise überwältigte neue Volksheld Sommer nach dem denkwürdigen 5:4 im Elfmeterschießen, dem gegen den favorisierten Weltmeister Frankreich nicht minder dramatische 120 Minuten vorangegangen waren: 1:0 geführt, Elfmeter verschossen, 1:3 zurückgelegen, zum 3:3 ausgeglichen - die Schweizer fuhren Achterbahn. "Liberté, Egalité, Viertelfinalé", titelte die Boulevardzeitung "Blick".
Nach dem erstmaligen Einzug in ein EM-Viertelfinale schickte auch die Schweizer Tennis-Legende Roger Federer umgehend eine Gratulationen aus Wimbledon. "So viel Herz, mega Kampf, Jungs. Auf ins Viertelfinale!", schrieb der "Maestro" auf Twitter.
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67 Jahre hatten die eidgenössischen Fußballer auf diesen Tag warten müssen, seit der Heim-WM 1954 waren sie bei keinem Turnier über das Achtelfinale hinausgekommen. Und dann das! "Im Penaltyschießen", tönte der "Blick", habe man die Franzosen "zur Schnecke gemacht".
Und Sommer? Nachdem er den Schuss von Mbappe, der als fünfter Schütze seiner Mannschaft angetreten war, entschärft hatte, dachte der Schlussmann von Borussia Mönchengladbach scherzhaft über eine Verfilmung des Thrillers nach.
"Wahnsinn, ich rufe nachher mal Robert De Niro an, ob er Lust hat, mich zu spielen", antwortete der 32-Jährige mit einem breiten Grinsen im "ZDF" auf die Frage, ob das Spiel nicht einem guten Hollywood-Drehbuch geglichen habe.
Der in der Heimat häufig kritisierte Nationaltrainer Vladimir Petkovic hatte seine Elf perfekt auf das Duell gegen den übermächtigen Nachbarn eingestellt. Dem Ex-Frankfurter Haris Seferovic (15.) gelang gleich mit der ersten Chance die Führung, Frankreich rannte danach fast eine Stunde erfolglos an, ehe ein verschossener Elfmeter des früheren Wolfsburgers Ricardo Rodriguez (55.) das Spiel schlagartig kippen ließ.

EM-Achtelfinale:Schweiz schafft das Comeback

Die Equipe Tricolore kam durch einen Doppelpack von Karim Benzema (57./59.) sowie Paul Pogba (75.) zurück, alles schien entschieden - dachten wohl auch die nunmehr überheblich wirkenden Franzosen.
Doch die Schweiz gab nicht auf und löste durch die späten Treffer von Seferovic (81.) und Mario Gavranovic (90.) eine regelrechten Rausch unter den Fans in Bukarest aus.
"Wenn man gegen einen Weltmeister zwei Tore zurückkommt, ist das unglaublich", betonte Sommer. Petkovic freute sich über einen "bedeutenden Sieg", allerdings war es "ein emotionales Spiel, vielleicht zu emotional", wie er nach schweißtreibenden 120 Minuten betonte.
Einige Liter habe er "sicher verloren", aber "zum Glück hatte ich immer wieder eine Flasche Wasser bei mir, da konnte ich dann nachfüllen", sagte der Trainer mit einem Lächeln.
Dann umarmte Petkovic bei der Pressekonferenz nach dem Spiel innig seinen Kapitän Granit Xhaka: Der frühere Gladbacher wurde zum "Star of the Match" ausgezeichnet, reichte die goldene Trophäe aber sogleich an den Trainer weiter: "Für Sie."
Und in Richtung der Kritiker fand Xhaka klare Worte: "Es wurde so viel geschrieben, dass die Mannschaft arrogant sei. Aber heute haben wir vielen das Maul gestopft." Dieser neue Zusammenhalt, das gestiegene Selbstvertrauen soll die Schweiz nun auch im Viertelfinale am Freitag (18:00 Uhr) gegen Spanien in St. Petersburg zur nächsten Sensation tragen. "Jetzt packen wir den spanischen Stier bei den Hörnern", schrieb der Blick.
Und Xhaka kündigte an: "Es gibt ein super Spiel gegen Spanien und dann ein Heimspiel für mich im Halbfinale in London", sagte der Arsenal-Profi.
Mutig, mutig: Xhaka fehlt im Viertelfinale gelbgesperrt. Doch selbst das war an diesem Partyabend kein Stimmungskiller.
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(SID)

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