Wenn ein neuer Trainer eine Mannschaft übernimmt, so wird er oftmals als "neuer Besen“ bezeichnet, von dem man sich wünscht, er solle möglichst gut kehren. Häufig scheint ein Trainerwechsel tatsächlich den erhofften Umschwung zu bringen. Plötzlich finden erlahmte Leistungsträger zu alter Form, zeigen sich teilweise sogar noch besser als je zuvor. Einstige Torjäger, die die Berufsbezeichnung "Angreifer" längst nur noch auf dem Papier trugen, treffen auf einmal wie am Fließband.
Ein frischer Coach als Heilsbringer? Es gibt Trainer, die scheinen eigens für dieses Szenario zu existieren. Diese, die sich den Ruf als "Feuerwehrmann" über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinweg hart erarbeitet haben. Hat ein Klub Abstiegssorgen, werden ganz automatisch fünf potentielle "Retter" (immer dieselben Namen) mit dem Verein in Verbindung gebracht, von denen letztlich einer den Zuschlag erhält.
In den seltensten Fällen verläuft der Austausch des Übungsleiters anders. Die TSG 1899 Hoffenheim hat sich hingegen für den riskantesten aller Wege entschieden: Die Kraichgauer holten keinen Routinier, keinen Feuerwehrmann, sondern stellten – nachdem Trainer Huub Stevens aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt bekanntgab – mit Julian Nagelsmann ein 28-jähriges Eigengewächs an die Linie. Platz 17, punktgleich mit dem Tabellenschlusslicht, sieben Punkte zum rettenden Ufer. Viel kälter kann ein Sprung ins Wasser kaum sein.
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Nagelsmann holte dann nach sieben Spielen quasi im Vorbeigehen 13 Punkte. Zum Vergleich: Die TSG hatte nach 20 Spieltagen lediglich 14 Zähler auf der Habenseite verbucht. Der Trainer-Jungspund macht bislang den Eindruck, sich zu einem gut kehrenden Besen zu entwickeln. Die Akteure, die Nagelsmann auf den Platz schickt, haben seine Spielidee verinnerlicht, agieren vor allem in der Offensive mutiger. Besonders die jungen Spieler, die in dieser Saison ihr Potential viel zu selten abzurufen vermochten, blühen wieder auf. Auch der schüchterne und auf den ersten Blick unauffällige Außenverteidiger Jeremy Toljan.
Spieler: Jeremy Toljan
Geburtstag: 8. August 1994
Geburtsort: Stuttgart
Nationalität: Deutschland/Kroatien
Position: Außenverteidiger
Fuß: rechts
Größe: 1,82
Derzeitiger Klub: TSG 1899 Hoffenheim
Rückennummer: 15
Bisherige Klubs: SV Grün-Weiß Sommerrain, TSV Steinhaldenfeld, Stuttgarter Kickers, VfB Stuttgart

Jeremy Toljan und 1899 Hoffenheim siegten gegen Leeds United

Fotocredit: Imago

Toljan wurde als Sohn einer kroatischen Mutter und eines amerikanischen Vaters, der noch vor Jeremys Geburt verstarb, geboren. Seine fußballerische Laufbahn startete er beim SV Grün-Weiß Sommerrain, wechselte aber schon mit neun Jahren zum ersten Mal den Verein. Drei Jahre lang schnürte er seine Fußballschuhe für den TSV Steinhaldenfeld, der im berühmten Stuttgarter Stadtteil Cannstatt beheimatet ist, ehe er Talentspähern der Stuttgarter Kickers auffiel.
Auch bei den "Stukis“, wo Toljan vom Angreifer zum Defensivmann umfunktioniert wurde, empfahl er sich bereits nach kurzer Zeit für höhere Aufgaben, was den Verantwortlichen des benachbarten VfB Stuttgart nicht verborgen blieb. Und so sicherte sich der große und ungeliebte Stadtrivale nach nur einer Spielzeit die Dienste des pfeilschnellen Top-Talentes.

Wechsel nach Hoffenheim, VfB hadert

Toljan, zu diesem Zeitpunkt Vize-Europameister mit der U17 des DFB und verheißungsvoller Rohdiamant in der VfB-Jugend, entschloss sich nach drei Jahren im rot-weißen Dress für einen Tapetenwechsel.
Hoffenheim lotste den flexiblen Abwehrspieler 2011 vom Neckar ins beschauliche Kraichgau. 500 000 Euro legte der Bundesligist damals auf den Tisch. Eine halbe Million für einen 16-Jährigen. Auf der einen Seite Wahnsinn, auf der anderen Seite ein Indiz dafür, welch große Stücke man in Hoffenheim auf Toljan setzte.
Dem VfB passte der erneute Wechsel eines Eigengewächses zu einem direkten Konkurrenten überhaupt nicht. "Ich wollte damals einfach etwas Neues ausprobieren. Und das Gesamtpaket bei Hoffenheim hat mich überzeugt“, erklärte der 21-Jährige im Interview mit "goal.com.“

Debüt und lange Leidenszeit

Am 8. Spieltag der Saison 2013/14 feierte Toljan sein Bundesliga-Debüt für 1899. In der gesamten Spielzeit kam der damals 19-Jährige immerhin auf zehn Einsätze in Deutschlands Beletage, musste aber aufgrund fehlender Konstanz immer wieder in der A-Jugend beziehungsweise der Reserve-Mannschaft Erfahrungen sammeln
In seiner zweiten Saison bei den Profis wollte Toljan dann richtig durchstarten, wurde aber schon im Sommer durch eine hartnäckige Adduktorenverletzung ausgebremst, die ihn über das komplette Jahr begleiten sollte. Lediglich sechs Mal stand der fleißige Dauerläufer auf dem Platz – ein verschenktes Jahr.

Etablierung im Verein und DFB-Team

Das "Seuchenjahr“ 2014 sollte allerdings nur den Aufschub dessen bedeuten, was Experten dem Juwel jahrelang prophezeiten: Der Durchbruch kam. Bei Hoffenheim und in der U21-Auswahl des DFB, mit der er am Donnerstagabend (20:00 Uhr LIVE bei Eurosport1) auf die Faröer Inseln trifft.
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Toljan erzielte am 9. Spieltag der aktuellen Saison gegen den VfL Wolfsburg sein erstes Bundesliga-Tor. Kein Anlass für ihn, in großartige Jubelstürme auszubrechen oder vor der Kamera zu posieren. "Ich muss nicht im Mittelpunkt stehen“, hatte er in einem Interview auf der vereinseigenen Webseite gesagt, und ergänzt: "Man kann gerne über die anderen reden. Ich mache meine Arbeit im Hintergrund. Das stört mich nicht.“
Und diese Arbeit macht er wirklich gut. Trotz seiner unaufdringlichen Art konnte Toljan, der es in dieser Saison mittlerweile auf 13 Pflichtspieleinsätze bringt, auch bei U21-Trainer Horst Hrubesch punkten. Bei dem 62-Jährigen ist er aus der Viererkette nicht mehr wegzudenken und bekleidet dort seine Lieblingsposition auf der rechten Seite.
Bei Hoffenheim hingegen findet er sich zumeist als Linksverteidiger wieder, was erstens seiner großen Flexibilität, nahezu alle Positionen im Defensivverbund einnehmen zu können, und zweitens der Konkurrenz auf der anderen Flanke geschuldet ist.
Gerade unter dem sehr sachlich wirkenden Nagelsmann kann Toljan sein vorhandenes Talent mehr und mehr stabilisieren und abrufen. Dabei kommt ihm die Philosophie, früh zu attackieren und nicht aus einer statisch agierenden Vierekette zu agieren, durchaus gelegen. Dank der enormen Geschwindigkeit und seines Taktik-Verständnisses ist er auf dem besten Wege, sich auch bei Hoffenheim ähnlich unverzichtbar zu machen, wie schon in der U21-Auswahl. Nagelsmann und Toljan - zwei, die nicht gerne im Fokus stehen, mit ihren Leistungen allerdings immer mehr in den Mittelpunkt rücken.
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