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Der LIGAstheniker | WM-Spezial: WM-Bilanz: Der Fußball tritt auf der Stelle

Der LIGAstheniker zieht WM-Bilanz: Der Fußball tritt auf der Stelle

16/07/2018 um 12:22Aktualisiert 16/07/2018 um 13:17

Gestern ging in Russland eine Weltmeisterschaft zu Ende, die vor allem eines war: Stillstandfußball. Eine Sportart, die auf der Stelle tritt. Die Renaissance des ruhenden Balls ist der zentrale Trend dieser WM. Der LIGAstheniker ist enttäuscht vom Turnier und zieht eine trotzige Bilanz. Auch die deutsche Mannschaft bekommt ihr Fett weg.

Knapp die Hälfte aller Tore (genau: 43 %) resultierten aus Standardsituationen, von Tempofußball oder gar einer innovativen Weiterentwicklung des Spiels war diese WM so weit entfernt wie die DFB-Elf von ihrer Form von vier Jahren. Kaum Tempo, wenig Tore aus dem Spiel, kein Team, das ein anderes mit spielerischen Mitteln stellen konnten.

ARD-Experte Thomas Hitzlsperger, der von der Qualität dieser WM ähnlich enttäuscht war wie ich, unkte, das sei doch gar nicht so schlecht für uns, das hieße ja auch, die anderen seien uns nicht soweit davon gelaufen, als dass wir sie nicht wieder einholen könnten.

Man kann es aber auch vom Ende her betrachten: Dass wir es selbst bei überschaubarem Niveau nicht ins Achtelfinale geschafft haben, zeigt nur, wie weit das Löw-Team hinterhertigert. Auch die Wortwitze des LIGAsthenikers nähern sich dem allgemeinen WM-Niveau an. Hier meine finale WM-Bilanz:

Joachim Löw

Joachim LöwGetty Images

Verrannt

Ich persönlich liebe es ja, wenn Jogi in seinen körperbetonten, atmungsaktiven Shirts am Strand joggen geht. Die Frage ist doch nur: Warum mitten während einer WM? Hat ihm sein Arbeitgeber noch nicht erklärt, dass man während der Arbeitszeit gefälligst seinen Job zu tun hat? Nun, vermutlich nicht.

Am Ende bleiben von dieser WM aus deutscher Sicht nur Dinge in Erinnerung, die mit Fußball gar nichts zu tun haben: der joggende Jogi, die Selfies mit Erdogan, die Özil-Demontage von Bierhoff. Löw will nicht mehr mit Bierhoff, Grindel ist enttäuscht von den Anfängerfehlern seines "Superministers" und doch sollen alle ihre Jobs unbedingt behalten.

Die Post-Turnier-Performance des DFB ist die eigentliche Sensation.

Mats Hummels (Deutschland)

Mats Hummels (Deutschland)Imago

Mehr Hummels statt Özils

Keine Angst, ich tue dem guten Mesut jetzt nix zu leide. Nicht auch noch. Der Arme. Ob er nun die Hymne mitsingt oder nicht, es ist mir wurscht. Wäre mir bei jedem wurscht. Und wer davon eine gelungene Integration abhängig macht, hat nix verstanden.

Vielleicht andersrum: Als Mats Hummels nach der Mexiko-Pleite den Mund aufmachte, auch öffentlich den internen Schlendrian kritisierte, da hat mich das versöhnt mit meiner Vorstellung von Leadership und Führungspersönlichkeit.

Er hat dafür von Jogi ziemlich was auf die Mütze bekommen. Jogi liebt es, wenn man den Mund hält, er liebt die Angepassten wie Özil, die sich mit Anti-Demokraten fotografieren lassen und das dann nicht einmal erklären müssen. Der LIGAstheniker liebt Menschen, die Haltung zeigen und für Ihre Überzeugungen den Mund aufmachen. Davon gibt es bei "Die Mannschaft" leider nicht genug.

Neymar se tord de douleur au sol lors du 8e de finale de Coupe du monde entre le Brésil et le Mexique, le 2 juillet 2018 à Kazan.

Neymar se tord de douleur au sol lors du 8e de finale de Coupe du monde entre le Brésil et le Mexique, le 2 juillet 2018 à Kazan.Getty Images

Mehr Lukaku, weniger Neymar

Neymar da Silva Santos Júnior hatte für mich zweifelsfrei die beste Boden-Kür bei dieser WM. Seine schier endlosen 360 Grad-Bodenrollen nach Feindberührung (oder auch nicht Berührung) waren sowohl in der A- wie in der B-Note eine Augenweide.

Technisch ausgereift und am Ende war ihm nicht mal schwindlig. Dumm nur, dass er nicht bei der Kunstturn-, sondern der Fußball-WM war. Selbst den Brasilianern in der Heimat und im Familienumfeld des LIGAsthenikers war soviel Peinlichkeit peinlich, und das sagt eigentlich alles in diesem Fußballland.

Dass man sich als Fußballer auf dem Platz auch wie ein Mensch benehmen kann, zeigte Belgiens Romelu Lukaku in der Vorrunde gegen Tunesien: Als er im Strafraum stürzte, stand er sofort wieder auf und zeigte dem Schiedsrichter an, dass kein Foul vorlag. Soviel Ehrlichkeit, fast schon wieder rührend. Zum Boden wälzen.

Mladen Krstajic

Mladen KrstajicGetty Images

Das Turnier-Tribunal

Dass man Schiedsrichter mit Kriegsverbrechern gleichsetzen darf, auch das ist neu im internationalen Fußball. Serbiens Trainer Mladen Krstajic hat das bei der WM eindrucksvoll bewiesen.

Gut, jetzt kann man sagen, die Serben reden öfter mal nationalistischen, revanchistischen Bockmist, jetzt wissen wir wenigstens, dass die FIFA da nicht groß was dagegen hat. Als Felix Brych den Serben im Spiel gegen die Schweiz einen Elfmeter verweigerte, wollte besagter Krstajic den Deutschen umgehend "nach Den Haag schicken“.

Im Grunde muss man froh sein, dass er nicht Ausschwitz meinte. Krstajic bekam die Mörderstrafe von 5000 Franken (4340 Euro) aufgebrummt, der er jetzt in 50 Franken-Raten abstottert. Brych durfte kein Spiel mehr pfeifen. Living Football!

Maradona bietet sich als Nationaltrainer an

Maradona bietet sich als Nationaltrainer anSID

Die Kampagne des Jahres

Ich liebe ja diese Hybris der FIFA, die sich öffentlich das Bild der Caritas aufsetzt, um dann mit Scheichs, Oligarchen, Königen und Despoten zu schmusen.

Die rechtzeitig zur WM gelaunchte FIFA-Kampagne "Living Football“ - einfach herzzerreißend: da wird einer jungen Frau die Handtasche hinterhergetragen, die sie in der Kneipe vergessen hat oder ein Rollstuhlfahrer hilft einer älteren Damen mit ihrem Händlerstand auf den Bürgersteig. Dazu der Slogan: Fair im Spiel, Fair im Leben.

Zurück im Stadion dann wieder das feiste Lachen von Fußball-Mufti Infantino auf der Ehrentribüne zwischen Putin, Spaniens König Felipe und Saudi-Kronprinz Salman. Im Kreml kriecht unser Musterdemokrat Matthäus Putin hinten rein ("Vielen Dank für diesen World-Cup, Mister President").

Der einzige, der noch alle Tassen im Schrank ist, wer häts geglaubt, Diego Maradona, der das Ganze nur noch im Rausch und mit zwei gestreckten Mittelfingern ertragen wollte.

Croatia's midfielder Luka Modric celebrates their victory at the end of the Russia 2018 World Cup Group D football match between Argentina and Croatia

Croatia's midfielder Luka Modric celebrates their victory at the end of the Russia 2018 World Cup Group D football match between Argentina and CroatiaGetty Images

Modric statt Messi!

Fußball ist ein Markt, so eine WM vor allem eine Börse. Insofern kann man sagen, dass zwei der auffälligsten Spieler dieses Turniers ihren Wert exponentiell gesteigert haben: Frankreichs Kylian Mbappe und Kroatiens Luka Modric sind ab sofort, sagen wir mal, für die Bayern nicht mehr bezahlbar.

Modric, der offiziell beste Spieler dieser WM oder Mbappe oder – wäre meine Wahl – Antoine Griezmann, einer von den Dreien wird Weltfußballer, insofern ist diese WM auch eine Wachablösung: Von Messi und Ronaldo ist nicht mehr die Rede, so schnell geht das.

Die Überbetonung einer Einzelbegabung in einem Mannschaftssport wie Fußball halte ich eh für Unsinn. Weltmeister wird, so oder so, der intakte Spirit, das bessere Kollektiv, das innovative System. Nichts anderes hat Deschamps mit seiner demütigen Art des Fußballspielenlassens bewiesen. Ein wohltuender Trend dieser WM.

TOPSHOT - France's forward Kylian Mbappe kisses the World Cup trophy after winning the Russia 2018 World Cup final football match between France and Croatia at the Luzhniki Stadium in Moscow on July 15, 2018. (Photo by FRANCK FIFE / AFP) / RESTRICTED TO

TOPSHOT - France's forward Kylian Mbappe kisses the World Cup trophy after winning the Russia 2018 World Cup final football match between France and Croatia at the Luzhniki Stadium in Moscow on July 15, 2018. (Photo by FRANCK FIFE / AFP) / RESTRICTED TOGetty Images

"Auf Jahre hinaus unschlagbar"

Ausgerechnet in der "Süddeutschen“ hab ich vor dem Finale diesen Satz über den neuen Weltmeister Frankreich gelesen.

Gesagt hat ihn ursprünglich Franz Beckenbauer 1990. Danach war das deutsche Team auf Jahre hinaus schlagbar. Für so ziemlich jeden. Insofern sollte sich der französische Beckenbauer und Doppelweltmeister (1998 auch als Spieler) Didier Deschamps, den Spruch nicht allzu ernst zu nehmen.

Sonst wird in zwei Jahren England Europameister. Andererseits: Es wird ja auch Zeit, dass der Fußball mal wieder nach Hause kommt.

Video - Feier-Weltmeister Frankreich: Da grinst sogar die Mona Lisa

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