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Der LIGAstheniker | WM-Spezial: Joachim Löw muss sich jetzt neu erfinden

Der LIGAstheniker: Löw muss sich jetzt neu erfinden

05/07/2018 um 05:14Aktualisiert 05/07/2018 um 08:14

Der LIGAstheniker nimmt die Personalie Joachim Löw unter die Lupe. Nachdem der Bundestrainer entschieden hat, trotz WM-Aus weiterzumachen, muss sich Löw neu erfinden. Er muss sich hinterfragen, ob er alle seine Spieler noch erreicht. Löw muss die richtigen Hebel in Bewegung setzen, um Fußball und Erfolg wieder in den Vordergrund zu rücken. Die Baustellen in den kommenden Monaten sind gewaltig.

Zumindest in der Trainerfrage ist der DFB noch einzigartig in der Welt. Ein historisches Scheitern in der Vorrunde einer Weltmeisterschaft ist nicht der Grund für große Unruhe im größten Verband der Welt, für Trainerwechsel und Nachfolgediskussionen. Selbst die "Bild" hält still, das sollte einen per se stutzig machen. Die üblichen Branchenautomatismen im Leistungssport, wonach der, der für eine Pleite verantwortlich ist, sich auch verantworten muss - schlicht außer Kraft gesetzt.

Beim Deutschen Fußball-Bund macht man so weiter wie zuvor, das wäre weder in Brasilien, Italien oder Spanien denkbar gewesen. Es ist sogar noch schlimmer. Weil es keinen Plan B (sprich: eine personelle Alternative) gab, wurde Löw, so ist zu vernehmen, von der DFB-Spitze regelrecht zum Weitermachen überredet. Einen derart führungsschwachen DFB hat es lange nicht mehr gegeben, dass man sich hinter seinem ehemaligen Erfolgstrainer verschanzt, der, wenn es dumm läuft, seine beste Zeit hinter sich hat. Wenn Löw doch noch scheitert in den kommenden Monaten, vor allem in der EM-Qualifikation, dann scheitert auch Präsident Grindel. Spätestens dann wäre auch die Unruhe historisch.

Hat Löw noch Zugang zum Team?

Natürlich muss man es kritisch betrachten, wenn ein analytisch starker Trainer wie Löw einfach weiter machen darf, obwohl er nicht bemerkt hat, dass er in Russland eine blutleere, selbstgerechte Mannschaft auf dem Feld stehen hat und er davon selbst am meisten überrascht wurde. Dergleichen ist ihm seit 2006 nie passiert und die Frage nach dem warum drängt sich auf.

Joachim Löw (Deutschland)

Joachim Löw (Deutschland) Getty Images

Wie weit ist er tatsächlich schon entfernt von seinen Führungsspielern, von den tatsächlichen Befindlichkeiten innerhalb des Teams? Macht die Mannschaft ihm was vor, hat er keinen Zugang mehr? Tröpfchenweise stechen "erfahrene Kenner" (FAZ) aus dem direkten Löw-Umfeld Details an die Öffentlichkeit durch, die Zweifel wecken am intakten Binnenverhältnis von Löw und der Mannschaft. Und dann ist es auch nicht mehr glaubhaft, wenn es aus dem DFB heraus heißt, auch die gesamte Mannschaft habe Löw gebeten weiterzumachen. War das wirklich so?

Löw trägt Schuld am Lagerkampf

Wenn also diese "Kenner" monieren, dass Löw die Lagerbildung aus etablierten Weltmeistern (Khedira, Müller, Neuer) und den jungen Confed-Cup-Siegern von 2017 (Draxler, Kimmich, ter Stegen) nicht realisierte und entsprechend nicht entgegenwirkte, was sagt uns das? Die Jungen drängen nach vorne, fühlen sich aber ausgebremst, auch weil das Leistungsprinzip von Löw in bestimmten Mannschaftsteilen ausgehebelt wurde.

Manuel Neuer (Deutschland)

Manuel Neuer (Deutschland) Getty Images

An der Torhüterposition war das am plakativsten zu beobachten. Dass ein Torhüter nach monatelanger Verletzung ohne echte Praxis sofort wieder zur Nummer 1 wird, das geht nur bei Manuel Neuer, aber was sagt das eigentlich aus über Löws Vertrauen in seine Nummer 2 und 3? Von großem Unmut ist die Rede bei den Goalies, auch weil sich Löw nicht wirklich dazu erklärte. Das sture Festhalten an formschwachen Akteuren wie Khedira und Müller auf Kosten formstarker Junger wie Julian Brandt wurde Löw aus der Confed-Cup-Siegerecke schwer angekreidet. Warum sollten die unbedingt wollen, dass Löw weitermacht?

Die Zweifel an Löw wachsen

Löw macht weiter, das ist nun verbrieft. Wie lange das gut geht und ob die Zweifel am Bundestrainer weiter wachsen, wird man spätestens mit Beginn der EM-Qualifikation im März 2019 sehen. Die Zeit der uneingeschränkten Jogi-Liebe jedenfalls ist vorbei. Man wird ihm nicht mehr alles abnehmen und alles durchgehen lassen. Er steht ab sofort unter Beobachtung. Und die Baustellen, die er in den kommenden acht Monaten beenden muss sind gewaltig.

Joachim Löw mit Thomas Müller

Joachim Löw mit Thomas MüllerGetty Images

Löw muss sein Team befrieden, die beiden Lager wieder miteinander ins Gespräch bringen und versöhnen. Vor allem muss der Trainer, der einmal im Ruf stand, junge, vielversprechende Talente zu früh in die Nationalelf zu holen, auf die Jungen zugehen und ihnen Einsatzgarantien aufzeigen. Gleichzeitig muss er die Bande zu denen lockern, die 2014 auch seinen größten persönlichen Triumph einspielten, den WM-Titel. Diese Loyalität, so menschlich nachvollziehbar sie scheint, darf bei Löw jetzt keine Rolle mehr spielen.

Löw muss sich neu erfinden

Joachim Löw muss aber nicht nur die Entfremdung innerhalb der Mannschaft auflösen, sondern auch die zwischen Nationalelf und Nation. Mit seinen eitlen, überästhetisierten Auftritten in der Öffentlichkeit, hat der "Nivea-Coach" (Süddeutsche) maßgeblich zu einem Erscheinungsbild beigetragen, das abgehoben und arrogant daherkommt. Wenn tagelang über das scheinbar falsche Quartier in Russland diskutiert wird, obwohl man gerade gegen Mexiko verloren hat, dann stimmen die Verhältnismäßigkeiten nicht mehr und dafür sind Löw und Teammanager Bierhoff verantwortlich, deren Binnenklima ja wohl auch nicht stimmt.

Vielleicht fangen die beiden damit mal an. Die Fans, das wird seit einer Woche in den sozialen Medien sehr deutlich, wollen keinen Merkelbesuch im Trainingslager, keine Erdogan-Bilder oder einen joggenden Jogi, die wollen dass der Fußball wieder näher an ihre eigenen Befindlichkeiten heranrückt. Die wollen wieder mehr das Spiel und nicht soviel Bohei drumherum. Das heißt aber auch, sie wollen eine erfolgreiche Nationalmannschaft. Und ob Jogi Löw dafür, im insgesamt 15. Jahr seines Wirkens (als Co- und Cheftrainer) noch der richtige ist, muss Jogi jetzt mehr denn je beweisen.

Im Grunde muss er sich neu erfinden, weil immer so weiter nicht gut gehen wird. Auch wenn sein Präsident Grindel genau das zu glauben scheint.

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