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Der LIGAstheniker | WM-Spezial: Nur so kann Jogi Löw Bundestrainer bleiben!

Der LIGAstheniker: Nur so kann Jogi Bundestrainer bleiben!

28/06/2018 um 22:10

Nach dem Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2018 in Russland nimmt sich der LIGAstheniker Bundestrainer Joachim Löw zur Brust. Nach 13 Jahren haben sich Mannschaft und Chefcoach auseinandergelebt, das Team ist verstummt und die Schlüsselspieler sind auf Distanz gegangen. Aber Löw hat mit Blick auf die EM 2020 als Trainer noch eine Chance verdient - wenn er klare Bedingungen erfüllt.

Weil jetzt, wie so üblich, aus allen Tümpeln dieser Fußballrepublik der Schwanengesang anschwillt, mit Besserwissereien und persönlichen Abrechnungsscharmützeln - siehe Michael Ballack oder Lothar Matthäus - sei auch heute gesagt, am Tag danach, dass Joachim Löw ein großer Trainer ist, immer noch und trotz alledem.

Einer, der das Spiel in den letzten Jahren taktisch auf die nächste Stufe gestellt hat, so dass Spanier und Italiener, Brasilianer und Argentinier am besten bei ihm ins Praktikum gegangen wären.

Das ist jetzt alles natürlich vergessen, weil 80 Millionen persönlich beleidigt sind, weil Deutschland, Deutschland nicht mehr über allen steht, sondern - ganz menschlich - auch mal ganz unten.

Welch' guter Trainer Löw immer noch ist, konnte man an seiner Analyse nach dem peinlichen WM-Aus erkennen. Er sprach von "Selbstherrlichkeit", von "Totenstille", von seiner persönlichen Verantwortung, er nahm all' die Begriffe selbst in den Mund, die jetzt seine Kritiker - auch der LIGAstheniker - nach ihm werfen werden: Mit seiner selbstherrlichen Art hat Löw eine stumme Mannschaft gegen die Wand gefahren und er hat es nicht kommen sehen. Das ist seine Verantwortung, die bleibt.

Kann er aus dem Scheitern realistische Schlüsse ziehen, kann er Bundestrainer bleiben. Andernfalls droht die Selbstdemontage eines Startrainers.

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Spieler glauben Löw nicht mehr alles

Realismus, das muss man auch sagen, das ist nicht die Stärke des DFB, also auch nicht dieser Mannschaft, die sich "Die Mannschaft" nennt, so als wären die anderen 31 irgendwelche Thekentruppen. Der joggende Jogi am Strand von Sotschi, das großmannssüchtige Benehmen zweier DFB-Mitarbeiter aus der dritten Reihe beim Schweden-Spiel.

Und jetzt, ganz aktuell, Präsident Grindel, der Löw eine Jobgarantie ausspricht, um sich nicht selbst in die Schusslinie zu bringen, weil er diesem vor fünf Wochen einen neuen Vertrag bis 2022 zur eiligen Unterschrift abnötigte, der jetzt ausbezahlt werden muss, egal was kommt. Einen neuen Vertrag unmittelbar vor einer Weltmeisterschaft anzubieten anstatt danach, das hat auch was Pathologisches. Eine pathologische Realitätsverweigerung im Schlaraffenland DFB, wo für jeden ein paar Trauben hängen.

Joachim Löw mit der DFB-Elf

Joachim Löw mit der DFB-ElfGetty Images

Dass Jogi Löw dieses ganze absurde "Best Never Rest"-Theater (noch so ein unsinniger Marketingspruch des Ausrüsters, der faktisch auch noch falsch ist) mitspielt, zeigt, dass er nicht frei von Eitelkeit und Hybris ist, dass er diesen ganzen selbstherrlichen Quatsch, nun im 13. Jahr seiner Chefmission, viel zu sehr verinnerlicht hat. Das kann natürlich passieren in so vielen Jahren, aber wenn Jogi so gut ist, wie wir glauben, dann darf ihm das eben nicht passieren.

Darüber hat er den Zugriff auf sein Team verloren, wie man hört. Die glauben ihm schon länger nicht mehr alles.

Hummels und Kroos gehen auf Abstand

Es gibt Indizien dafür, dass die Mannschaft auf Abstand geht zu ihrem Förderer und Entwickler, auch weil Löw nicht mehr derselbe ist wie 2014 vor dem Titelgewinn. Wie auch. Wenn Mats Hummels nach dem Mexiko-Spiel öffentlich kritisiert, dass er Dinge intern kritisch anspreche, aber keiner höre ihm zu und der gleiche Hummels gestern nach dem Südkorea-Spiel sagt, er sage jetzt nichts mehr, es gebe ja doch wieder nur Ärger, dann muss man kein Psychologe sein, um zu erkennen, dass etwas im Binnenklima nicht stimmt.

Welcher größerer Ärger soll nach diesem allerersten Vorrunden-Aus in der deutschen WM-Geschichte bitte noch kommen? Wäre nicht genau jetzt der ideale Zeitpunkt für ein paar kritische, offene Worte gewesen? Das Gleiche bei Toni Kroos, der mit seiner zur Schau gestellten Lustlosigkeit jedem klar machte: Dieser Trainer schafft es nicht mehr, mich aus der Reserve zu locken. Löw lässt seine Führungsspieler links liegen - aber warum?

Video - "Jogi muss jetzt nicht gehen": Experten stützen Löw nach WM-Aus

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Verstummte DFB-Elf

Löw und die DFB-Elf sind im verflixten 13. Jahr ihrer Beziehung: vor lauter Selbstbeweihräucherung und Harmoniegedusel ist nach dem Titeltriumph 2014 der Gesprächsfaden gerissen. Das ehrliche Gespräch, auch mit den Kritikern in den eigenen Reihen, findet nicht mehr ausreichend statt. Löw wollte das noch nie, seitdem will er es noch weniger, es geht ja auch so. Löw favorisiert die stille, angepasste Gefolgschaft eines Draxlers, eines Gündogans, eines Özils, eines Süles.

Nur: So funktioniert keine langjährige Partnerschaft auf Augenhöhe, weder eine Ehe noch eine Fußballmannschaft. Der Widerspruch, das sich Einbringen, ist unangenehm für den Trainer, kostet Geduld und Zeit, ist aber höchst produktiv und belebend. Von dieser Lebendigkeit war in Russland nichts zu sehen. Der eigentliche Grund für das Ausscheiden: eine verstummte Mannschaft wird nicht Weltmeister.

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Noch eine Chance für Löw…

Und jetzt? Wenn es nach Grindel und Teammanager Oliver Bierhoff geht, wird Löw bleiben. Gut möglich, dass das auch Löw will. Abtreten als der Hauptverantwortliche, der Deutschland in diese historische Pleite bugsiert hat? Vielleicht sollte man ihm tatsächlich – wenn auch nicht mit einem Blankoscheck - die Gelegenheit einer Reaktion geben. Die hat er sich in den Jahren erarbeitet. Er muss beweisen, ob er diese leblose Truppe wiederbeleben kann, er muss das interne Gespräch neu beginnen.

Dafür muss er deutlich über seinen Schatten springen, auch die zur Nationalmannschaft einladen, die ihm vielleicht, ob Ihres persönlichen Verhaltens, nicht geheuer sind, etwa einen Leroy Sané. Löw muss eine disruptive Dynamik innerhalb des Teams entfachen und sportlich kanalisieren. Gelingt ihm das, kann er bis 2022 bleiben. Wenn nicht, wird schon die Nations League ab dem Herbst zeigen: Joachim Löw und "Die Mannschaft" haben sich endgültig auseinandergelebt.

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