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WM 2018 - Der LIGAstheniker: Warum Deutschland nur mit Toni Kroos weit(er) kommt

Der LIGAstheniker: Stinkstiefel, Genius, Leader - Kroos!

27/06/2018 um 11:16

Toni Kroos gibt im DFB-Team den Anführer, obwohl er weiß, dass die Leistung (noch) nicht stimmt. In den ersten beiden WM-Spielen leistete er sich ungewöhnlich viele Fehler. Als es gegen Schweden darauf ankam, war er aber im richtigen Moment da. Ist es Ignoranz oder Angstfreiheit? Vermutlich beides! Deutschland braucht ihn, um weit(er) zu kommen. Der LIGAstheniker erklärt, warum er so wichtig ist.

Keine Angst, es gibt jetzt nicht auch noch von mir diese wahnsinnig witzigen Wortspielereien, wie sie jetzt überall zu lesen und doch so altbacken sind wie das Spiel der deutschen Elf in Russland. "Kroosartig" oder "Ganz Krooses Kino" und so, bitte bitte nicht! Im Grunde gibt es, bis auf diesen Geniusmoment in der 95. Minute gegen Schweden auch gar keinen Grund dafür. Bis dahin nämlich war Kroos eher eine Ahnung seiner selbst, Fehlerquelle seines Teams, der Grund für das Schweden-Tor. Man kann auch sagen: So schwach wie in den ersten beiden WM-Partien hat man ihn lange nicht im DFB-Dress gesehen.

Das ist natürlich reichlich ungeschickt, schließlich ist Weltmeisterschaft. Aber Kroos ist auch nur ein Mensch, das sagt man doch so, er hat mit Real Madrid gerade zum dritten Mal die Champions League gewonnen, jetzt wirkt er überspielt und müde. Und doch, und das ist vielleicht der Unterschied zu allen anderen im deutschen Kader, Kroos hat die Chuzpe, das alles zu ignorieren. Er kann seine Fehler ausblenden, sich auf den Moment konzentrieren, um das Momentum zu korrigieren. Wie gegen Schweden. Warum kann er das?

Kroos‘ körperliche Grimmigkeit

ZEIT Online schrieb nach dem Schweden-Spiel, Kroos sei der "beste deutsche Fußballer" und machte das an seinem Passspiel fest, seiner grandiosen Schusstechnik. Da ist viel Wahres dran, aber es erklärt nicht Kroos‘ Bedeutung für das deutsche Team, oder besser: die Hierarchie im deutschen Team. Anders als die weinerlichen Özils und Gündogans und Draxlers, denen man von weitem ansieht, dass sie der Sache irgendwie nicht gewachsen sind (Gündogans Körpersprache gegen Schweden war die eines Kindes, das von den Eltern beim Naschen erwischt wurde und Hausarrest bekam), ist auch ein schwacher Kroos zu einer selbstüberzeugten Körperlichkeit in der Lage, die ihn zum natürlichen Leader macht.

Toni Kroos (Deutschland)

Toni Kroos (Deutschland) Getty Images

An seiner Körperhaltung und seinem grimmigen Gesicht, er schaut immer so auf dem Feld, ist seine Form gar nicht abzulesen. Er gibt den Anführer, obwohl er selbst weiß, dass die Leistung (noch) nicht stimmt, seine Fehlerquote im Passspiel für seine Verhältnisse exorbitant hoch ist, er negiert die Fakten, weil er weiß, dass sich die jeder Zeit wieder zu seinen Gunsten ändern können. Ist es Ignoranz oder Angstfreiheit? Vermutlich beides!

Wie einst Boris Becker…

Toni Kroos gibt den Boris Becker auf dem Fußballplatz. Der hat sich in seiner großen Zeit in den ersten Runden eines Grand Slams auch oft schwergetan, hat stellenweise Dutzende leichter Bälle verhauen, einmal bei den Australian Open gegen einen Italiener namens Omar Camporese über fünf Stunden auf dem Platz gestanden, von dem danach nie wieder die Rede war.

Und Becker? Er gewann die Australian Open am Ende, weil er es verstand, seine Leistungskurve anhand der Gegner sukzessive nach oben zu schrauben, weil er das davor und danach ausblenden konnte, um den Moment zu fokussieren, der die Wende bringen kann: Außer Neuer kann das bei uns nur er: Kroos.

Das Real Madrid-Problem

Sein Problem ist ein Stück weit ein Real Madrid-Problem. Man sieht das an seinem spanischen Teamkollegen Sergio Ramos, der noch im CL-Finale mit allen fairen und unfairen Mitteln alles weggebügelt hat und der jetzt kaum ein Bein aufs Spielfeld bekommt. Gestern, im letzten Gruppenspiel gegen Marokko, war der wohl beste Abwehrspieler der Welt an beiden Gegentoren beteiligt.

Löw und Kroos

Löw und KroosGetty Images

Man kann Champions League- und WM-Titel nicht einfach so hintereinander wegscannen als stünde man an der Supermarktkasse. Die mentale Schwankungsbreite ist riesig. Und doch ist klar, Kroos kann es nicht alleine richten, nicht morgen gegen Südkorea und, wenn es weiter geht, nicht in der K.O.-Runde. Neben Neuer und Timo Werner zeigte gegen Schweden gerade der blutende Sebastian Rudy diese Art von Fighting Spirit, den Kroos als Resonanzraum in der eigenen Mannschaft braucht, damit sich eine Dynamik in der Gruppe entfalten kann.

Tonis Verantwortungsgefühl

Denn das ist vielleicht die interessanteste Frage, die Löw innerhalb des Teams ausbalancieren muss. Dass Matchwinner Kroos innerhalb der Truppe nicht sonderlich beliebt ist, gar als Stinkstiefel gilt, weil er nach schwachen Länderspielen (wie im März nach der Niederlage gegen Brasilien) die Kollegen gerne offen kritisiert. Auch Löw gefällt das nicht, aber ohne Kroos geht es eben nicht.

Kürzlich wurde der Greifswalder zur Flüchtlingsproblematik befragt. Kroos hätte es sich einfach machen können, er hätte darauf verweisen können, dass er Fußballer sei und kein Politiker, er hätte der Frage ausweichen, sie unbeantwortet lassen können (so wie Özil sein Panini-Bildchen mit Erdogan bis heute). Hat er nicht. Er hat mit viel Reflexion und Mitgefühl seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die Integration gelingen möge und dass "jeder normal denkende Mensch das Bedürfnis" haben müsse, diesen schutzbedürftigen Menschen zu helfen. Kroos hat ein sicheres Gespür dafür, im richtigen Moment Verantwortung zu übernehmen. Hier wie dort. Das macht ihn zur Ausnahme.

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