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WM 2018 Russland: Darum will Joachim Löw nicht auf Mesut Özil verzichten

Kreativer Schleicher: Darum ist Özil für Löw unverzichtbar

13/06/2018 um 13:41Aktualisiert 13/06/2018 um 21:41

Mesut Özil steht in der Kritik. Das Erdogan-Treffen wird ihm weiter zum Vorwurf gemacht, auch weil er sich nicht äußert. Aber Joachim Löw wird bei der WM nicht auf seinen Zehner verzichten. Dafür ist Özil zu wichtig, um das Projekt Titelverteidigung in Angriff zu nehmen. Als Strippenzieher, Passgeber und Schleicher zwischen den Linien. Eurosport.de erklärt, warum Özil unter Löw gesetzt ist.

Die Pfiffe schmerzen. Obwohl Mesut Özil beim letzten WM-Test gegen Saudi-Arabien in Leverkusen nur auf der Bank saß, wurde er von Teilen der eigenen Fans mit Schmähungen bedacht.

Der Grund: Sein Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und ein gemeinsames Foto, das vielen immer noch aufstößt. Ein Statement von Özil gab's bisher nicht - und ist auch während der WM nicht zu erwarten.

Özil bester Vorlagengeber

Dabei klebt dieses heikle Thema wie ein schwarzer Schatten am begnadeten Mittelfeld-Regisseur, zumal der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nach dem Özil-Treffen mit Erdoğan in seiner Außendarstellung nicht die allerbeste Figur abgab.

Nur eine Person scheint die ganze Aufregung nicht aus der Ruhe zu bringen: Bundestrainer Joachim Löw. Er richtet seinen Fokus einzig und allein auf das Projekt Titelverteidigung - mit Özil als Kreativkopf im offensiven Zentrum.

Joachim Löw und Mesut Özil

Joachim Löw und Mesut ÖzilImago

Löw erklärte:

"Das Thema ist erledigt. Ich wüsste auch keinen Grund, warum ich darüber sprechen sollte. Wir müssen den Blick nach vorne richten. Wir spielen jetzt eine WM."

Özil ist zu wichtig für die deutsche Mannschaft, deshalb wird Löw in Russland nicht auf den 29 Jahre alten Arsenal-Profi verzichten. Nach den schwachen Testspielen gegen Österreich (1:2) und Saudi-Arabien (2:1) sehnt Löw die Rückkehr von Özil sogar herbei, weil dem DFB-Team im offensiven Mittelfeld in vielen Spielsituationen zuletzt die nötige Balance fehlte.

Jetzt setzt Löw wieder auf Özil, der in 90 Länderspielen auf 61 Scorerpunkte (23 Tore und 38 Assists) kommt. Aus gutem Grund: Seit Özils Debüt im Februar 2009 (0:1 gegen Norwegen) war nur Thomas Müller an mehr Toren direkt beteiligt (65). Seine 38 Torvorlagen sind mit Abstand Bestwert im DFB-Team, gefolgt von Müller, der in diesem Zeitraum auf 27 Torvorlagen kommt.

Egal ob im 4-2-3-1, 4-3-3 oder auf 3-5-2-System - Özil ist der unumstrittene Zehner im Nationalteam. Für die Konkurrenz wird es schwer, auf Einsatzminuten zu kommen. Vor dem Sechser - Sami Khedira - und dem Achter - Toni Kroos - ist Özil gesetzt. Vorteil ist: Neben der Erfahrung können alle drei Spieler in diesem ausgewogenen System ihre Stärken ausspielen.

WM und EM: Seit 2010 in der Startelf

Khedira sichert in alle Richtungen ab, Kroos macht die Bälle fest und verteilt kluge Pässe und Özil muss sich die Kugel nicht von hinten abholen. Er kann sich voll und ganz auf seine wichtigste Aufgabe konzentrieren, sich zwischen die Reihen des Gegners zu schleichen, um die Angriffe mit einem überraschenden und brillanten Zuspiel einzuleiten.

Meist ist es nicht nur der letzte Pass vor einem Treffer, sondern vielmehr der erste Zeig mit dem Taktstock, wenn ein Dirigent sein Orchester einstimmt. Diese Rolle ist ihm trotz immer wiederkehrender Kritik auf den Leib geschneidert, weil Özils Körpersprache nicht allen passt. Doch Löw kennt dessen Vorzüge.

Aber nicht deshalb stand Özil als einziger Deutscher seit der WM 2010 in jedem der 25 Spiele der Nationalmannschaft bei großen Turnieren (EM und WM) in der Startelf. Es sind vor allem seine sportlichen Leistungen. Weiterer Fakt: 18 seiner 23 Treffer für Deutschland erzielte Özil in Pflichtspielen. Kurz und knapp: Mit Özil ist das DFB-Team besser, als ohne ihn.

Mesut Özil mit Ilkay Gündogan

Mesut Özil mit Ilkay GündoganGetty Images

In 90 Spielen mit Özil kommt die Nationalmannschaft auf 62 Siege, 15 Remis und 13 Niederlagen (Siegquote: 69 Prozent). Ohne ihn in 38 Spielen auf 21 Siege, zehn Remis und sieben Niederlagen (Siegquote: 55 Prozent). Hinzu kommt, dass der "Gunner" nur einer von drei Spielern in Löws WM-Auswahl ist, der neben Sami Khedira und Müller in zwei verschiedenen WM-Endrunden getroffen hat.

Bei den letzten beiden Fußball-Weltmeisterschaften hat Özil im deutschen Team mit Abstand die meisten Torschussvorlagen (37) gegeben. Auf Platz zwei folgt Müller mit 27, obwohl Özil deutlich weniger Pässe spielte als beispielsweise Bastian Schweinsteiger (73 pro Spiel, Özil: 48 Pässe pro Spiel). Von allen Nationalspielern ist er derjenige, der pro Spiel aktuell die meisten Torschussvorlagen in einem Spiel gibt (2,99).

Aber Löw ist klar, dass Özil nicht nur an Toren oder Torvorlagen zu messen ist. Seine "Packing-Rate" - also wie viele Gegner er mit seinen Pässen und Dribblings überspielt - ist ebenso überragend. Bei der EM 2016 gehörte Özil zu den besten Mittelfeldspielern. Nicht, weil er besonders gut dribbeln oder pfeilschnell über den Platz laufen kann, sondern weil er die beste Anspielstation war.

Özil zum WM-Auftakt fit?

Über ihn sind bei der EM in Frankreich die meisten Gegner überspielt worden - exakt 66. Kein anderer Spieler schaffte einen ähnlichen Wert. Seine Stärke ist das Raumverhalten zwischen den Linien. Özil erkennt sofort, wo und wie er sich vor und nach einem Zuspiel positionieren muss. In dieser Hinsicht zählt er zu den besten Spielern der Welt, obwohl es meist unspektakulär aussieht.

Gerade deshalb polarisiert Özil die Massen. Während ihn die deutschen Fans aufgrund seiner Spielweise eher kritisch sehen, wird er in England oder Spanien gefeiert. Löw steht auf der Seite der anderen, er kennt Özils Vorzüge genau. Zuletzt klagte Özil über leichte Rücken- und Knieprobleme. Noch steht nicht fest, ob er im ersten WM-Spiel gegen Mexiko auflaufen kann.

Wenn Özil fit ist, kehrt er in die Startelf zurück. Dann steht er bei der WM als alleiniger Zehner auf dem Platz, nachdem es Löw zuvor gelegentlich mit zwei verkappten Zehnern probierte. Packt es Özil nicht rechtzeitig zum WM-Start, wird ihn Marco Reus wie beim letzten Test gegen Saudi-Arabien vertreten. Reus spielte gut, aber er fühlt sich auf den Flügeln wohler.

Mesut Özil (Deutschland)

Mesut Özil (Deutschland)Imago

Alles in allem, an Özil führt kein Weg vorbei. Zumal die deutsche Mannschaft zu WM-Beginn in allen Spielen als klarer Favorit auf den Platz geht. Das bedeutet lange Ballbesitzphasen und wenig Raum in der Vertikalen. Deshalb hat sich Löw auf die Variante mit zwei echten Außenspielern festgelegt - mit Özil in der Mitte. Auf den Flügeln sind Reus und Müller gesetzt.

Bierhoff: Özil wird sich nicht äußern

In dieser Formation kommt Özil die entscheidende Aufgabe zu, sich den Gegner im letzten Spieldrittel zurechtzulegen. Denn Deutschland ist nach Ballgewinn und Umschaltangriffen weiterhin am gefährlichsten. Özil fungiert in der Vorwärtsbewegung als wichtigster Kontakt, um weiter Tempo aufzunehmen und die Kontrolle sowie die Kompaktheit bei eigenem Ballbesitz nicht zu verlieren.

Spannend wird jetzt sein, wie Özil die aktuelle Kritik um seine Person verkraftet. Wie gesagt, viele deutsche Fans nehmen ihm das Treffen mit Erdoğan noch immer übel. Özil selbst wird sich während der WM nicht dazu äußern, wenn man den Worten von DFB-Manager Oliver Bierhoff glaubt. Er sieht keine Chance auf eine Aufklärung.

Bierhoff meinte in "Bild":

"Das ist seine Aussage. Ich gehe davon aus, dass er das durchzieht."

Jetzt muss sich der talentierte Schleicher zwischen den Linien aus dieser kniffligen Situation befreien. Am besten mit einer Galavorstellung bei der WM.

Video - Quartier des Weltmeisters? So residiert das DFB-Team bei der WM

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