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Wolfsburg-Torhüterin Schult im Interview: "Viele winken beim Frauenfußball ab"

Wolfsburg-Torhüterin Schult im Interview: "Viele winken beim Frauenfußball ab"
Von Eurosport

11/10/2019 um 10:39

Almuth Schult vom VfL Wolfsburg spricht vor dem Duell mit dem 1. FC Köln in der FLYERALARM Frauen-Bundesliga über die Meisterschafts-Chancen der "Wölfinnen" in dieser Saison, die Entwicklung der Frauen-Bundesliga und den Kampf um Anerkennung in der Fußball-Branche. Außerdem verrät die Nationaltorhüterin ihren Comeback-Plan nach ihrer schweren Schulterverletzung.

Das Interview führte Susanna Strauß

Almuth Schult: Ich bin sehr gespannt auf die Partie, da Köln unterschiedliche Ergebnissen in dieser Saison erzielt hat. Gegen Frankfurt und Potsdam hatten sie sehr umkämpfte Spiele. Daher hoffe ich, dass wir unserer Favoritenrolle gerecht werden.

Der VfL Wolfsburg hat sich neben dem FC Bayern München zum erfolgreichsten Verein in der Frauen-Bundesliga entwickelt. Was ist der Grund für diesen Erfolg?

Schult: Vor allem die kontinuierliche Arbeit und das Engagement des Vereins ist sehr wichtig. Meiner Meinung nach haben wir die besten Rahmenbedingungen in der Frauen-Bundesliga. Das wirkt sich natürlich auf die Spielerinnen aus. Durch die professionellen Bedingungen und das tägliche Training am Maximum kann man sich in Wolfsburg am besten weiterentwickeln. Zudem haben wir im Team internationale Topspielerinnnen, die sich auf einem Weltklasse-Niveau verbessern können. All das trägt dazu bei, dass wir immer wieder erfolgreich sind.

Ein Vorteil ist dabei sicherlich auch die Unterstützung eines finanzkräftigen Vereins im Hintergrund ...

Schult: Da gibt es genügend andere Frauenliga-Klubs wie Hoffenheim, Freiburg oder Leverkusen, bei denen das ebenfalls zutrifft. Der VfL Wolfsburg hat auch nicht von Anfang an Unmengen an Geld in die Frauenmannschaft investiert, sondern hat klein angefangen und sich über die Zeit hinweg alles erarbeitet. Grund dafür sind die Anerkennung und kontinuierliche Arbeit. Das ist ein sehr nachhaltiges Konzept beim VfL Wolfsburg gewesen. Man sieht etwas Ähnliches auch bei Hoffenheim, die sich nach mehreren Jahren in der Liga etabliert haben und nun eine gute Saison spielen.

Wie bewerten Sie die Entwicklung der Frauen-Bundesliga? Bekommen Wolfsburg und Bayern bald Konkurrenz an der Spitze?

Schult: Natürlich erhofft man sich, dass es wieder spannender wird und noch mehr Vereine an der Spitze außer Wolfsburg und Bayern mitmischen. Vielleicht kommt Hoffenheim jetzt dazu und hoffentlich fängt sich Freiburg wieder, die in den letzten beiden Jahren vorne mit dabei waren. Das wäre natürlich für die Zuschauer attraktiver, aber auch für uns Spielerinnen. Meiner Meinung nach hat Eintracht Frankfurt einen Zeichen gesetzt, indem sie ab der nächsten Saison den 1. FFC Frankfurt übernehmen. Ich hoffe, dass da ein sehr leidenschaftliches Engagement stattfindet so wie es auch bei der Männermannschaft der Fall ist. Das wäre sehr gut für den Frauenfußball. Doch grundsätzlich sehe ich eine sehr positive Entwicklung, weil die Frauen-Bundesliga nun auch mit einer festen Sendezeiten bei Eurosport mehr TV-Päsenz erhält. Aber es muss trotzdem noch viel passieren, um den Ansprüchen, die wir an die Liga haben, gerecht zu werden.

Sie beziehen sich auf die Übertragung der Freitagabendspiele bei Eurosport im Free-TV. Ihrer Meinung nach ein Schritt in die richtige Richtung?

Schult: Wir sind Eurosport sehr dankbar, dass wir jetzt die Möglichkeit haben mit einem Freitagabendspiel im Fernsehen präsent zu sein. Das ist eine attraktive Anstoßzeit und mit diesem festen Sendeplatz kann man Werbung für den deutschen Frauenfußball betreiben. Aber wir wollen natürlich auch, dass mehr Partien vor allem die Spitzenspiele im Free-TV übertragen werden. Das wäre in Zukunft wichtig für die Frauen-Bundesliga, da die Fans die Topspiele sehen möchten.

Nicht nur bei der medialen Präsenz, sondern auch bei den Gehältern gibt es große Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfußball. Was muss sich zukünftig ändern, um mehr Gleichberechtigung im Fußball in Deutschland zu erzielen?

Schult: Ich denke, dass der Respekt für den Frauenfußball da sein muss. Doch es ist nach wie vor schwierig, weil oft die Anerkennung fehlt. Viele winken beim Frauenfußball ab, da sie das Bild vom Männerfußball im Kopf haben und es auf den Frauenfußball projizieren. Zudem besteht ein sehr großer Unterschied zwischen den Gehältern. So verdienen einige Spielerinnen in der Bundesliga weniger Geld als beispielweise Männer in der Landesliga oder in noch tieferen Ligen. Das wissen die meisten Menschen nicht. Hier könnte die Kommunikation noch offensiver sein, damit eine Entwicklung stattfindet und Firmen sich dazu entscheiden den Frauenfußball zu fördern. Insgesamt muss noch viel passieren, um zu verhindern, dass Frauen- und Männerfußball immer miteinander verglichen wird. Beides kann nebeneinander bestehen.

Aufgrund Ihrer Schulterverletzung konnten Sie in dieser Saison noch kein Spiel für Wolfsburg beschreiten und befinden sich derzeit in der Reha. Wie sieht momentan Ihr Trainingsalltag aus?

Schult: Der VfL unterstützt mich die ganze Zeit bei allen meinen Reha-Maßnahmen. Das ist in der Frauen-Bundesliga außergewöhnlich, dass wir im Verein ein komplette Reha-Betreuung haben. Ich mache Übungen für die Beweglichkeit und Stabilisation der Schulter. Ich bin regelmäßig beim Physiotherapheuten und kann schon wieder Joggen gehen. Einige Übungen mit dem Ball am Fuß gehen auch, aber diese sind noch nicht torwartspezifisch. Dafür muss die Schulter erst wieder komplett mobil und stabil sein. Aber ich bin hier in sehr guten medizinischen Händen, das habe ich schon bei anderen Verletzungen feststellen können.

Ihr Comeback in diesem Jahr ist daher vorstellbar?

Schult: Das ist sehr schwierig abzuschätzen, da es eine Verletzung war, die nicht sehr oft auftritt. Daher ist es individuell abhängig, wann die Schulter wieder stabil ist. Zu Beginn der Saison habe ich gesagt, dass ich mich freuen würde dieses Jahr wieder spielen zu können. Aber ich kann dafür keine Garantie geben. Ich muss darauf achten, ob die Schulter positiv oder negativ auf neue Übungen reagiert. Aber ich hoffe, dass ich dieses Jahr zum Einsatz komme.

Almuth Schult im Trikot der deutschen Frauen-Nationalmannschaft

Almuth Schult im Trikot der deutschen Frauen-NationalmannschaftGetty Images

Olympia-Gold, EM-Titel 2013, mehrfacher Deutscher Meister und Pokalsieger – die Liste Ihrer Erfolge ist lang. Ist Ihnen ein Titel besonders in Erinnerung geblieben?

Schult: Der Olympia-Sieg 2016 war etwas Außergewöhnliches für mich. Zuvor hatte keine deutsche Frauen-Nationalmannschaft bei Olympia Gold gewonnen. Daher war dieser Erfolg sehr besonders in der Geschichte des deutschen Frauenfußballs, aber auch für mich persönlich. Es ist ein sehr großes Turnier, bei dem nicht nur Fußball gespielt wird, sondern es sind auch viele andere Sportarten vertreten. Die Olympischen Spiele gab es schon in der Antike und zählen damit zu den geschichtsträchtigsten Wettkämpfen auf der ganzen Welt.

Daher ist es sehr schade, dass die Frauenmannschaft nächstes Jahr in Tokyo 2020 nicht dabei sein wird...

Schult: Das ist wirklich etwas, worüber ich sehr traurig bin. Daran hatte ich länger zu knabbern. Wenn man einmal die Olympischen Spiele mitgemacht hat, dann möchte man unbedingt wieder dabei sein. Durch Olympia lernt man Sportler von anderen Sportarten kennen und ich hätte sie gerne vor Ort wiedergesehen und unterstützt. Daher hoffe ich, dass ich bei den nächsten Olympischen Spielen dabei sein werde. Aber auch so kann ich eine tolle Geschichte erzählen, weil ich eine Olympische Goldmedaille nach Hause gebracht habe.

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