Mit dem BVB-Sieg gegen Schalke haben Sie im Revierderby viel Selbstvertrauen getankt. Im Moment läuft’s richtig rund, oder?
Matthias Ginter: Das kann man so sagen. Wenn man so ein Derby gewinnt, hat man bis zum Rückspiel bei den Fans einen Stein im Brett. Das war mein erster Derby-Sieg, bei dem ich auf dem Platz stand. Das ist natürlich Wahnsinn. Vor allem wie die Stimmung im Stadion war und wie wir mit den Fans gefeiert haben. So etwas habe ich noch nicht erlebt.
Sie haben in dieser Bundesliga-Saison zehn von zwölf Spielen absolviert. Haben Sie im zweiten Anlauf den endgültigen Durchbruch beim BVB gepackt?
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Ginter: Klar läuft es in dieser Saison viel besser als im vergangenen Jahr. Aber ich habe immer wieder betont, dass ich weiter dran bleibe und weiter an mir arbeite. Das kommt jetzt zum Tragen, weil ich das Gelernte umsetzen kann. Das ist wichtig für den Kopf und gibt mir viel Selbstvertrauen. Ich habe mich auch im körperlichen Bereich verbessert. Da habe ich auch unheimlich viel dazu gelernt.
Welchen Anteil hat BVB-Trainer Thomas Tuchel an dieser Entwicklung?
Ginter: Thomas Tuchel hat mich auf ein neues Niveau gehoben. Bisher haben mich noch nicht viele Trainer als Rechtsverteidiger aufgestellt. Er hat mir auf dieser neuen Position geholfen. Auch als ich am Anfang gegen Mönchengladbach nicht gleich gespielt habe. Von den Gesprächen bis zum Training war alles sehr, sehr positiv. Ich glaube auch, dass er mir vom Kopf her wahnsinnig geholfen hat.
Sehen Sie irgendwelche Parallelen zu Jürgen Klopp als Motivator?
Ginter: Jeder Trainer hat seine eigenen Ideen vom Fußball. Jürgen Klopp war für die Mannschaft als Motivator extrem wichtig. Thomas Tuchel sucht in seinen Ansprachen eher den taktischen Ansatz. Er erklärt uns, worauf wir bei den Gegnern achten müssen.

Thomas Tuchel und Mattias Ginter beim BVB

Fotocredit: Imago

Wie weit erinnert Sie Thomas Tuchel an Christian Streich in Freiburg?
Ginter: Beide ähneln sich sehr. Das hat mich schon überrascht. In den ersten Trainingseinheiten sowie in den ersten Ansprachen habe ich viele Parallelen entdeckt. Beide haben auch eine ähnliche Spielform. Vielleicht ist Christian Streich noch etwas emotionaler.
Sie haben in Ihrer Jugend nie auf der Position des rechten Verteidigers gespielt. Ihre BVB-Bilanz von sieben Vorlagen und zwei Toren ist überragend. Wie wohl fühlen Sie sich auf dieser neuen Position?
Ginter: Ich fühle mich absolut wohl auf dieser Position. Das macht mir in Dortmund viel Spaß. Natürlich will ich mich auch in der Nationalmannschaft weiterentwickeln, was die Position des rechten Verteidigers betrifft und so viel wie möglich spielen. Ich hätte nichts dagegen, wenn es so weiter läuft.
Warum klappt es in Dortmund so gut, in der Nationalmannschaft hingegen nicht?
Ginter: Das mit dem "nicht so gut klappen" verstehe ich nicht. Wir haben uns als Gruppenerster für die Europameisterschaft qualifiziert. Dass es Stolperer auf dem Weg gab – keine Frage. Davon abgesehen, spiele ich auf der Position des rechten Verteidigers erst seit zwei Monaten. Seitdem habe ich viel gelernt. Aber ich kann natürlich noch eine Menge verbessern. In Dortmund greifen die Automatismen besser, einfach weil wir jeden Tag miteinander trainieren. Bei der Nationalmannschaft steht vor dem Spiel meistens nur ein Training auf dem Programm. Das ist der größte Unterschied zwischen Verein und Nationalmannschaft. Aber ich bin noch jung und werde mich weiter steigern müssen.
Sie sind als Weltmeister nach Dortmund gekommen. Wie frustrierend war die Krise im vergangenen Jahr?
Ginter: Ich habe natürlich gehofft, in dieser Zeit mehr zu spielen. Letztendlich kam ich auf 20 Einsätze in der letzten Saison. Es war nicht alles schlecht, aber auch nicht überragend. Aber ich habe zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass es mal nicht so läuft. In dieser Zeit musste ich mich erstmals gegen Widerstände wehren. Von daher hat mir diese Zeit auch geholfen, mich als Persönlichkeit zu entwickeln.
In dieser Zeit haben viele Medien bereits von einer "Degradierung" beim BVB gesprochen…
Ginter: Es war keine Degradierung. Das sind alles normale Abläufe im Fußball. Vor dem Spiel in der zweiten Mannschaft war ich eine Woche angeschlagen. Es war halt so, dass ich nicht im Kader war. Auch aufgrund dessen. Dann habe ich 90 Minuten in der zweiten Mannschaft gespielt. Natürlich wird das medial so betrachtet. Von Außenstehenden wurde vielleicht von einer Herabstufung gesprochen, aber das ist wirklich eine eher oberflächliche Betrachtung. Für mich war es jedenfalls überhaupt nicht so.

Matthias Ginter und Joachim Löw beim Länderspiel gegen Irland

Fotocredit: Imago

Im Sommer wurde viel spekuliert, ob Sie zu einem anderen Verein gehen. Waren Borussia Mönchengladbach und der VfB Stuttgart überhaupt ein Thema für Sie?
Ginter: Es gab natürlich Überlegungen, weil die Rückrunde nicht so gut gelaufen war. Ich hatte aber vor dem Trainingslager mit der U21-Nationalmannschaft ein Gespräch mit Thomas Tuchel. Er hat mir noch einmal gesagt, wie er mich als Spieler sieht und wie er mit mir plant. Danach war das Thema für mich erledigt.
War es für Sie ein Glücksfall, dass Sie beim BVB auf die rechte Verteidigerposition gewechselt sind?
Ginter: Natürlich ist in den letzten Monaten vieles zusammen gekommen. Im Hinblick auf die EM 2016 versuche ich im Verein weiter Gas zu geben. Unser Ziel ist es, bei der EM eine ähnlich gute Rolle zu spielen wie bei der WM in Brasilien.
Gegen Frankreich und die Niederlande stehen 2015 noch zwei Länderspiele auf dem Programm. Sehen Sie diese Spiele als Chance, sich für den EM-Kader zu bewerben?
Ginter: Ob ich gegen Frankreich oder die Niederlande spielen werde, kann ich nicht sagen. Da bin ich der falsche Ansprechpartner, was das angeht. Aber ich glaube, dass man bei diesen beiden Spielen nicht so viel rauslesen kann, was im Sommer 2016 kurz vor der Europameisterschaft passiert. Das war auch vor der WM 2014 so, dass ich sehr kurzfristig dazu gekommen bin.
Philipp Lahm hat auf der rechten Verteidigerposition Maßstäbe gesetzt. Ist diese Position in der Nationalmannschaft überhaupt adäquat zu ersetzen?
Ginter: Ich muss mich nicht schon mit einem absoluten Weltklassespieler wie Philipp Lahm vergleichen. Er hat jahrelang auf einem hohen Niveau Wahnsinns-Leistungen gebracht. Sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft hat er alles gewonnen. Aber man orientiert sich natürlich an solchen Spielern und versucht, sich weiter zu entwickeln.
Frankreich wird bereits als Geheimfavorit für die EM 2016 gesehen. Wie wichtig nimmt die Nationalmannschaft dieses Spiel in Paris?
Ginter: Wir wollen dieses Spiel auf jeden Fall gewinnen. Ich sehe es ebenfalls so, dass Frankreich im eigenen Land zu den Topfavoriten zählt. Aber ich glaube nicht, dass dieses Spiel irgendwelche Auswirkungen im Hinblick auf die Fußball-Europameisterschaft hat. Im Sommer des nächsten Jahres werden bei Frankreich und bei uns nicht die gleichen Mannschaften wie jetzt im November auf dem Platz stehen.
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