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Keiner will Bale: Der Absturz des 100-Millionen-Mannes

Keiner will Bale: Der Absturz des 100-Millionen-Mannes

22/05/2019 um 20:12Aktualisiert 23/05/2019 um 00:12

Gareth Bale sollte bei Real Madrid eigentlich die Nachfolge von Cristiano Ronaldo antreten, steht nach einer schwachen Saison aber vor den Scherben einer Karriere und soll gehen. Das Problem: Keiner scheint den Waliser zu wollen. Denn Bale kostet zwar so viel wie ein Weltstar, ist aber schon lange keiner mehr. Über den Absturz eines Weltklasse-Kickers in die fußballerische Bedeutungslosigkeit.

Es war still im Santiago Bernabéu. Also so richtig still. Keine Pfiffe, keine "Buh"-Rufe, nur ein flaues Gefühl und die Gewissheit der Fans: Gareth Bale hat auch in seinem letzten Spiel für Real Madrid keinen würdigen Abschied geschenkt bekommen.

Zinédine Zidane brachte stattdessen beim Stand von 0:2 gegen Real Betis Lucas Vázquez in die Partie.

Zu einem Zeitpunkt, wo die Messe längst gelesen, der berühmte Drops gelutscht und der Käse schon gegessen war. Trotzdem verzichtete der französische Star-Coach auf ein Abschiedsgeschenk an den Waliser. Ein Abschiedsgeschenk, das er Keylor Navas sehr wohl bescherte und ihn noch einmal in die Startelf beorderte.

Dabei hat Zidane Bale einiges zu verdanken. Doch wie bei fast jedem unschönen Ende eines Dramas, hat auch die Bale-Saga mehrere Facetten. Denn der 100-Millionen-Mann hat sich in den letzten sechs Jahren im königlichen Trikot zum Teil seinen eigenen Ast abgesägt.

Bale: Golf ist Vergnügen, Fußball ist Arbeit

Es ist einer dieser vielen Geschichten rund um Bale, von denen vermutlich nur die Hälfte wahr ist, die ihm aber in Gänze von seinen Kritikern vorgehalten werden. Und davon gibt es viele, Märchen hin, Märchen her.

So schlenderte der Waliser Ende März vor dem La-Liga-Match bei UD Levante mit dem Smartphone in der Hand aus dem Team-Bus und schaute dabei wie gebahnt das Finale der Golf-WM in Mexiko.

Eigentlich keine allzu große Sache, doch die spanische Presse rund um die "AS", "Marca" oder "El País" schossen sich nach der Partie auf den Flügelflitzer ein, Ex-Profis kritisierten das Verhalten und so ziemlich jeder vergaß, dass Bale seine Mannen kurz zuvor mit seinem Siegtor zum 2:1 noch gerettet hatte.

Der Grund lag auf der Hand: Bale sollte das Ronaldo-Erbe antreten, doch Bale tritt stattdessen nur von einem Fettnäpfchen ins nächste.

Vor besagter Partie soll der 29-Jährige sogar seinen damaligen Trainer Santiago Solari um eine Freigabe für das Spiel gebeten haben, um zuhause in Ruhe auf dem Sofa das Golf-Finale schauen zu können. Klingt erfunden, ist es wahrscheinlich auch. Blöd nur für Bale, dass das in Madrid schon lange niemanden mehr interessiert.

Gareth Bale

Gareth BaleGetty Images

Fußball interpretiere er mehr als Arbeit, hatte Bale einst in einem Interview verraten. In seiner Freizeit schaut er lieber Golf, wenn er denn nicht auf seinem eigenen Grün in Wales selbst die Bälle schlägt oder sich mit seiner Familie in seiner Luxusvilla in La Finca, dem Reichenviertel im Madrider Vorort Pozuelo de Alarcón, verschanzt. Zudem fremdelt er weiter mit der spanischen Sprache, Kontakt zu den Mitspielern besteht nur sporadisch.

Alles Dinge, die ihm über die sechs Jahre bei den Madrilenen zum Verhängnis geworden sind. Die vielen sportlichen Rückschläge in Form von Verletzungen und zu vielen schwachen Auftritten taten ihr Übriges.

Gareth Bale: Buhmann einer verkorksten Saison

Die Quittung: Pfiffe der Fans, selbst bei Ein- und Auswechslungen. Unter Rückkehrer Zidane ist Bale endgültig ins dritte Glied gerückt, nun gewährte er ihm nicht einmal einen Abschied. Selbst für die sonst so kritischen Real-Fans eine Überraschung, wie die Reaktion an diesem letzten La-Liga-Spieltag offenbarte.

"Ich habe auf andere gesetzt und nicht anders. Bale hat hier viele Dinge erreicht, aber wir leben nicht in der Vergangenheit. Es ist die Gegenwart und darauf aufbauend treffe ich die Entscheidungen", erklärte Zidane anschließend salopp. Auf die Frage, ob Bale mit dem Kopf noch in Madrid sei, antwortete der Coach vielsagend: "Das müssen Sie ihn fragen."

Die Ära Bale und Real Madrid, sie endet mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Sommer. 14 Trophäen in sechs Jahren, 166 direkte Torbeteiligungen in 231 Spielen - und doch wird der Linksfuß Madrid durch die Hintertür verlassen müssen.

"Dass Bale bleibt, ist unmöglich", betonte Ex-Real-Präsident Ramon Calderón gegenüber der "BBC". Selbst Bales größter Förderer und aktueller Präsident der Blancos - Florentino Pérez - hat mit der Rückhol-Aktion von Zidane das Todesurteil des noch immer teursten Einkaufs der Klub-Historie unterschrieben.

Keiner will Bale!

Und ganz genau an dieser Stelle kommt die Krux der ganzen Geschichte zum Vorschein. Denn keiner scheint den Beinahe-Ronaldo-Nachfolger zu wollen. Zu teuer, zu eigensinnig, zu verletzungsanfällig, zu alt, zu britisch, zu lange ohne Spielpraxis - die Liste der Gründe für das fehlende Interesse ist ebenso lang wie zum Teil auch kurios.

In den vergangenen Jahren waren immer wieder Manchester United und der FC Bayern München mit dem walisischen Nationalspieler in Verbindung gebracht worden. Interesse, das angesichts der jüngsten Entwicklungen bis auf Antarktis-Temperaturen abgekühlt sein dürfte.

Video - Abnehmer gefunden? Champions-League-Finalist lockt Bale

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Nur seinem Ex-Klub Tottenham Hotspur wird nach wie vor vages Abtasten in Richtung des verlorenen Sohnes nachgesagt. Das Problem ist jedoch auch hier das Geld. Rund 17 Millionen Euro netto soll Bale in der spanischen Hauptstadt verdienen – zu viel für die Londoner, ganz zu schweigen von einer horrenden Ablösesumme. Immerhin läuft der Kontrakt noch bis zum Juni 2022.

Gareth Bale als Leihspieler?

Eine andere Möglichkeit für beide Seiten wäre zunächst eine Leihe, ähnlich wie im Fall James Rodríguez, den Real ebenfalls vor zwei Jahren auf diese Art und Weise von der Gehaltsliste streichen konnte.

Und Bale? Der soll laut "Radioestadio" in der Kabine gesagt haben:

"Ich habe noch drei Jahre Vertrag. Wenn sie wollen, dass ich gehe, müssen sie mir 17 Millionen Euro pro Saison zahlen. Sonst bleibe ich und spiele halt Golf."

Vermutlich auch nur ein Märchen, doch das interessiert bei Real Madrid schon lange niemanden mehr.

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