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Absturz eines Weltstars: Neymar ist nur noch ein aufgeblasenes Kunstprodukt

Absturz eines Weltstars: Neymar ist nur noch ein aufgeblasenes Kunstprodukt

12/07/2019 um 11:48Aktualisiert 12/07/2019 um 13:19

Für 222 Millionen Euro wechselte Neymar vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain, weil er glaubte, dort der neue Lionel Messi zu werden. Oder, präziser: der bessere Messi. Für die Rekordablöse konnte er nichts, es war Spiel(er)geld in Zeiten des Turbokapitalismus. Sehr wohl schuldfähig ist Neymar an der Art, wie er sich seither geriert: als aufgeblasenstes Kunstprodukt im Fußball-Zirkus.

Ein Kommentar von Johannes Mittermeier

Wie sich Beurteilungen doch ändern. Fünf Jahre ist es her, dass Brasilien einen Vorhang aus Staatstrauer senkte, weil sich Neymar junior, der beste Fußballspieler des Landes, im WM-Viertelfinale verletzte. Schwer.

Ein Kolumbianer sprang ihm ins Kreuz, der dritte Lendenwirbel brach, Neymar wurde wieder gesund, nur nicht beim Heim-Turnier, an dessen Ende die Brasilianer gegen Deutschland kollabierten. 1:7. Die meisten hatten schon vorher geweint - bei der Hymne.

Aktuell sieht's rosiger aus für die Seleção, die erstmals seit 2007 den Copa-América-Titel gewann. Neymar musste erneut passen und sah auf der Tribüne, wie er "unverzichtbar, aber nicht unersetzlich" geworden ist. Das hat kein nach Populismus gierender Kommentator gesagt. Sondern Tite, Brasiliens Nationaltrainer.

Neymar wollte der bessere Messi werden

Wer 60 Tore in 97 Länderspielen, 105 Tore in 186 Spielen für den FC Barcelona und 51 Tore in 58 Spielen für Paris Saint-Germain schießt, kann nicht alles falsch gemacht haben. Stimmt. Nicht alles. Aber ziemlich viel mit Allüren und Affären, Vorwürfen wegen Vergewaltigung und Vorwürfen wegen Neymarhaftigkeit.

Der Stürmer, 27, war mal ein außergewöhnlich begabtes Talent. Dann wurde er Star und Superstar und Mega-Superstar, zumindest in der Selbstwahrnehmung, die scheinbar Sinne vernebelte und Neymar zum aufgeblasensten Kunstprodukt eines aufgeblasenen Zirkus namens Profifußball transformierte.

Vor zwei Jahren hatte er Barcelona verlassen, zum Abschied wedelten die Katalanen nicht mit weißen Taschentüchern, sondern einer Klage wegen Vertragsbruch, und dann fuhr Neymar in Paris auf: Preziös und prätentiös, weil er glaubte, unbedingt der neue Lionel Messi werden zu müssen. Oder, präziser: der bessere Messi.

Neymar wirkt wie ein Popstar auf Markenbildung

Für die Rekordablöse von 222 Millionen Euro konnte er nichts, es war Spiel(er)geld im Turbokapitalismus. Sehr wohl schuldfähig ist Neymar am Habitus, der ihn seither umsäumt; der Mann wirkt gar nicht mehr wie ein Sportler (trotz seiner Tore), eher wie ein Popstar auf Feldzug zur Markenbildung. Das sind Folgefehler jener Zeit, in der wir leben, und des Fußballs, den wir konsumieren, aber das heißt ja lange nicht, dass wir es gut finden müssen.

Als ihn die Messi-Statue zu stören begann, ekelte sich Neymar weg aus Barcelona. Jetzt will er zurück, was sportlich eine Verbesserung wäre zu PSG, aber im großen Kontext nahezu grotesk.

Gut möglich, dass Neymar bald wieder beim Weltklub spielt. Ein Weltstar sieht in meinen Augen anders aus.

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