Thomas Tuchel muss sich vorgekommen sein, wie im Zirkus.

Noch am vergangenen Samstag hatte der Coach von Paris Saint-Germain die geplante Geburtstagsparty seines Offensiv-Stars Neymar kritisiert und davor gewarnt, dass der Termin zwei Tage vor dem Spiel in Nantes den Klub "unprofessionell" wirken lassen könnte.

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Tuchel nach PSG-Niederlage ratlos: "War ein bisschen merkwürdig"
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Natürlich änderte das nichts an Neymars Plänen. Wie geplant feierte der Brasilianer am Sonntagabend mit seinen Gästen in einem Pariser Nachtclub. Ganz in weiß. 300-400 Leute sollen anwesend gewesen sein - einige PSG-Stars eingeschlossen.

Und in Nantes? Da fehlte Neymar plötzlich. Nur einen Tag nach seiner Feier gaben die Pariser bekannt, dass sich der 28-Jährige eine Rippenverletzung zugezogen habe. Natürlich nicht beim Feiern, sondern schon während des 5:0-Sieges am Samstag gegen Montpellier.

Sportlich kein Beinbruch für Tuchel und sein Team. Auch ohne ihren Superstar siegten die Pariser mit 2:1 und bauten den Vorsprung in der Tabelle auf Verfolger Olympique Marseille auf zwölf Punkte aus. Nur in der Öffentlichkeit eben, da machte die Neymar-Geschichte nicht den besten Eindruck. Und das nach einem ohnehin schon turbulenten Wochenende für den deutschen Coach.

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Tuchel gerät mit Mbappé aneinander

Denn neben Neymar, der sich im Spiel gegen Montpellier ein verbales Scharmützel mit dem Schiedsrichter lieferte, weil der ihm für ein technisches Kabinettstückchen Gelb gezeigt hatte, machte mit Kylian Mbappé auch die zweite PSG-Lichtgestalt Ärger.

Der 21-Jährige lieferte sich mit seinem Coach nach seiner vorzeitigen Auswechslung ein heftiges Wortgefecht. Wie ein trotziges Kind nahm der Weltmeister in der Folge auf der Bank Platz. "Das sind keine guten Bilder", kommentierte Tuchel im Anschluss an die Partie die Szene:

Ich bin nicht sauer, sondern traurig, weil es nicht notwendig ist. Ich habe ihm erklärt, warum wir das getan haben, und das wird auch so bleiben. Wir spielen kein Tennis, wir spielen Fußball und wir müssen das alle respektieren.

Am nächsten Tag soll es laut der französischen Tageszeitung "Le Parisien" gar ein "Krisentreffen" gegeben haben. Mbappé wolle vom Coach dieselbe Anerkennung wie beispielsweise Neymar oder Ángel Di María, die nie ausgewechselt würden. Auch die Abschiedsgerüchte waren nicht weit. Natürlich nicht.

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Tuchel über Mbappé: "Glaube nicht, dass er den Klub verlassen möchte"

Inwiefern diese Bedenken ernst zu nehmen sind, ist schwer einzuschätzen. "Ich glaube nicht, dass die derzeitige Situation für ihn so schlimm ist, dass er den Klub verlassen möchte", meinte Tuchel am Montag.

Auch Maxime Depuis von Eurosport in Paris glaubt nicht, dass das Verhältnis zwischen Spieler und Trainer durch den Zoff ernsthaften Schaden genommen hat. "Mbappé ist unheimlich ehrgeizig und er weiß, dass derzeit über seine Vertragsverlängerung (aktuell bis 2022) verhandelt wird", so der Frankreich-Experte:

Darum macht er solche Dinge. Ich denke nicht, dass er in Paris unglücklich ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der junge Franzose darüber ärgert, frühzeitig zum Duschen geschickt worden zu sein. Im Dezember des vergangenen Jahres gegen Nantes und drei Tage später gegen Montpellier quittierte er seine Auswechslungen ebenfalls mit abfälligen Gesten.

Die aktuellen Ereignisse rund um den Hauptstadt-Klub zeigen einmal mehr: Wer in Paris überleben will, der muss den Zirkus akzeptieren.

Schwieriges Pflaster PSG: "Die Spieler sind manchmal größer als der Klub"

Sportlich kann Tuchel auf seine Stars nämlich nur schwer verzichten. Sowohl Mbappé (22 Tore, 13 Assists in 26 Spielen) als auch Neymar (15 Tore, zehn Assists in 18 Spielen) sind essenziell für den Erfolg des Klubs. Vor allem, wenn in weniger als zwei Wochen das Champions-League-Achtelfinale in der Champions League gegen den BVB ansteht.

Rein objektiv wäre es dem Deutschen nicht zu verdenken, wenn er seine beiden egozentrischen Stars härter bestrafen würde, doch einen Gefallen täte er der Mannschaft und sich selbst damit sicher nicht. Deshalb gilt es für den Übungsleiter auch in emotional aufgeheizten Phasen, einen kühlen Kopf zu bewahren.

"Paris ist schwierig", meint Depuis:

Die Spieler sind manchmal größer als der Klub. Oder zumindest denken sie das.

Für Tuchel ist es der schwerstmögliche Spagat. Er muss den Kader moderieren und seine schwierigen Stars bei Laune halten, ohne dabei seine Autorität zu verlieren. Er muss sich damit abfinden, dass sich die Klub-Verantwortlichen rund um Nasser Al-Khelaifi immer wieder in sportliche Entscheidungen einmischen. Ach und ganz nebenbei sollte er natürlich auch den Henkelpott endlich nach Paris holen.

PSG ist und bleibt ein schwieriges Pflaster für Trainer. Ein Pulverfass, das zu explodieren droht, sobald Tuchel auch nur eine dieser Aufgaben länger vernachlässigt.

Doch immerhin bezahlt der Zirkus gut. Wie die "L'Équipe" in ihrem jährlichen Gehaltsreport veröffentlichte, ist der Deutsche mit 625.000 Euro der mit Abstand bestbezahlte Coach der Ligue 1. Da lässt es sich auch mit Party-Neymar und Ego-Mbappé aushalten...

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