Damit war nun wirklich nicht zu rechnen
Der 24-jährige Oleg Salenko war im Kader des russischen Teams bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA einer unter vielen. Er fiel nicht wirklich auf. Fünf Länderspiele hatte der Stürmer bis zum Turnierbeginn gemacht, ohne ein Tor zu erzielen.
Im Verein traf er zwar regelmäßig, für große Schlagzeilen taugte sein Engagement beim spanischen Mittelklasse-Erstligisten CD Logronés aber auch nicht. Weil aber viele etablierte Stars die "Sbornaja" nach dem Zerfall der Sowjetunion boykottierten, war Salenko mit dabei.
Bundesliga
Vergessene Helden des Fußballs: Der Top-Torjäger, der viel zu früh sein Leben ließ
06/05/2020 AM 21:10
Für ihn ging damit ein Lebenstraum in Erfüllung. Allerdings begann dieser eher durchwachsen.
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Denn im ersten Spiel kam es für die Russen gleich knüppeldick. Gegen den späteren Weltmeister Brasilien setzte es eine erwartbare 0:2-Pleite. Salenko schmorte dabei die ersten 70 Minuten auf der Bank, kam dann aber rein.
Und nutzte seine ganz persönliche Chance.
Trainer Pawel Sadyrin stellte ihn im zweiten Vorrundenspiel gegen Schweden in die Startelf. Doch obwohl der Angreifer gegen die Skandinavier den ersten Treffer seiner Nationalmannschaftskarriere erzielte, ging auch dieses Spiel mit 1:3 verloren.
Nach heutiger Turnierlogik wäre die WM für Russland an dieser Stelle vorbei gewesen, das letzte Vorrundenspiel nur noch für die Statistik. Vor 26 Jahren aber, konnte man als einer der vier besten Gruppendritten noch in die nächste Runde einziehen. Die Situation war also prekär, aber nicht aussichtslos.
Es ging gegen Kamerun, das selbst nur einen Punkt auf dem Konto hatte. Ein historisches Spiel, denn Oleg Salenko explodierte.

Oleg Salenko im Spiel gegen Brasilien

Fotocredit: Imago

Salenko gibt alles fürs Weiterkommen

"Wir hatten mit Brasilien und Schweden zwei sehr starke Teams in der Gruppe. Schweden ist ja am Ende auch Dritter geworden", erinnert sich Salenko. Und trotzdem betont er: "Wir wollten unbedingt weiterkommen. Die Chance war ja da."
Es wurde das Spiel seines Lebens.
Als der Schiedsrichter die Teams im Glutofen von Palo Alto an diesem 28. Juni 1994 mit dem Pausenpfiff zurück in die Kabinen schickte, stand für den 24-Jährigen bereits ein Hattrick zu Buche. 3:0 führte Russland.
Das erste Tor sei "besonders wichtig" gewesen, erklärte der Angreifer später. "Danach beginnst du, Spaß zu haben und vieles entwickelt sich zu deinen Gunsten."
Vor dem fünften Tor wußte ich bereits, dass ich treffen würde.
Und wie sich einfach alles an diesem Tag zu seinen Gunsten entwickelte!
Die Mannschaft Kameruns war ganz sicher nicht als "Kanonenfutter" in die USA gereist. Sie galt damals als Stolz Afrikas, hatte vier Jahre zuvor beim Turnier in Italien für Aufsehen gesorgt.
Deshalb rieben sich Fans und Beobachter umso mehr die Augen, als Salenko eine Viertelstunde vor Schluss seinen fünften Treffer erzielte. Fünf Tore in einem WM-Spiel, das hatte vor dem Russen noch kein Spieler geschafft.
Da, so sagt er, sei schon vieles ganz von allein gelaufen:
"Vor dem fünften Tor wusste ich bereits als ich auf Songo'os (Jaques Songo'o, Kameruns Torhüter, Anm. d. Red.) Tor zulief, dass ich den Ball über ihn hinweg heben und treffen würde."

Zwei Rekorde in einem WM-Spiel

Salenko traf und traf. Er dachte nicht nach. Ihm machten die Temperaturen von knapp 42 Grad nichts aus. Er spielte einfach.
In der Nacht vor dem Spiel habe er von vielen Toren geträumt, würde er später hier und da erzählen, wenn man ihn danach fragte. "Manchmal hat man solche Vorahnungen. Psychologie ist im Fußball sehr wichtig."
Ob sein Zimmerkollege im Mannschaftsquartier etwas von diesem Traum mitbekommen hatte? Schwer zu sagen. Und wenn, dann hatte es Dimitri Radchenko nicht negativ in seiner Spielvorbereitung beeinflusst, denn Salenkos Sturmkollege traf gegen Kamerun ebenfalls.
Es war das sechste und letzte russische Tor - und natürlich hatte es Salenko aufgelegt.
Weil der 42-Jährige Roger Milla kurz nach der Pause das Ehrentor für die Afrikaner erzielte, endete die Partie mit 6:1 für Russland. Der legendäre kamerunische Stürmer ist seitdem übrigens der älteste WM-Torschütze der Geschichte.

Oleg Salenko mit Roger Milla

Fotocredit: Imago

Salenko versteht Glückwünsche nicht

Ein Spiel, zwei Stürmer, zwei Rekorde also. Und noch etwas verbindet Salenko und Milla bis heute: Die legendäre Partie in der WM-Vorrunde war jeweils ihr letztes Länderspiel.
Denn sowohl Kamerun als auch Russland schieden nach der Vorrunde aus. Salenkos Wundertag hatte seinem Team nicht gereicht. Das schlug ihm aufs Gemüt und trübte die Sicht auf das für ihn so Besondere.
Schon während des Spiels hatte er kaum einen Gedanken an seine historische Leistung verschwendet, er hatte sie sogar gar nicht bemerkt. Der Stadionsprecher hatte zwar eine offizielle Gratulation über die Lautsprecher geschickt. "Das habe ich aber nicht verstanden, weil er englisch gesprochen hat", lachte Salenko.
Später war er dann mit anderen Dingen beschäftigt.

Dopingprobe mit Radchenko, dann Goldener Schuh mit Stoitschkov

Mit seinem Zimmerkollegen Radchenko saß er völlig entkräftet bei der Dopingprobe. "Die Partie fand um ein Uhr nachmittags statt, bei einer Temperatur von über 40 Grad. Wir waren unglaublich dehydriert und es dauerte anderthalb Stunden, bis wir fertig waren."
In den Medien war der Rekord danach ein großes Thema. "Bei uns aber", sagt Salenko, "kam wenig davon an. Mir wurde eigentlich erst nach der Karriere so richtig bewusst, dass ich einen WM-Rekord hielt."
Und Torschützenkönig war er obendrein. Denn seine sechs Vorrundentreffer reichten, um gemeinsam mit dem Bulgaren Hristo Stoitschkov zum besten Ballermann des Turniers zu werden. Der Weltstar hatte dafür allerdings sieben Spiele benötigt.

Oleg Salenko im Trikot der Glasgow Rangers

Fotocredit: Imago

Salenkos Karriere gerät ins Stocken

Wer aber gedacht hätte, Oleg Salenko würde nun durchstarten, sah sich getäuscht.
Erst wurde er vom neuen russischen Nationaltrainer Oleg Romanzew aussortiert, weil der einen echten Neuanfang wollte. Salenkos sechs WM-Tore blieben also die einzigen, die er je für sein Land erzielte.
Dann begann seine Suche nach dem Vereinsglück, welches er nie fand. Stattdessen tingelte der Russe von Klub zu Klub, ohne irgendwo einen wirklich bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Über den FC Valencia, die Glasgow Rangers, Istanbulspor und den FC Cordoba kam er zu Pogon Stettin, wo er seine Karriere schon im Jahr 2001 - im Alter von nur 31 Jahren - beendete.
Eine Laufbahn, die von historischen Marken nur so durchzogen ist und mehr als verheißungsvoll begann.
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Einziger Spieler, der für Mindestlohn spielte

Als 16-Jähriger war der spätere WM-Torschützenkönig bei Zenit Leningrad zum Profi aufgestiegen. In seinem ersten Einsatz erzielte er gleich das Siegtor.
Als er 1989 dann für umgerechnet etwa 50.000 Euro zu Dynamo Kiew wechselte, war er der erste sowjetische Spieler, für den ganz offiziell eine Ablösesumme bezahlt wurde.
Nach seinem Wechsel nach Spanien ließ der Russe erneut aufhorchen, weil er mit angeblich nur rund 1000 Euro Mindestlohn in Legronés als günstigster Spieler in die Annalen der Primera Division einging.
Gehaltsmäßig musste er sich nach seinem WM-Coup zwar fortan keine Sorgen mehr machen, vor Verletzungen schützte ihn dieser aber nicht.
Und so kehrte Salenko dem "normalen" Fußball nach seinem Karriereende auch schnell den Rücken und wurde Trainer der ukrainischen Beachsoccer-Nationalmannschaft.
Ob sein Rekord gebrochen würde, fragten ihn die Kollegen von "Goal" vor der Weltmeisterschaft 2018. "Vielleicht von Robert Lewandowski", sagte Salenko. "Aber der spielt in einer Mannschaft, die nicht so stark ist. Deshalb wird es wohl schwierig, dieses Kunststück zu vollbringen."
Er sollte Recht behalten.
Es gibt Spieler, die den Fußball über Jahre prägen. Jedes Kind kennt sie. Es sind die Messis, Ronaldos, Zidanes und Müllers, deren Stern aufgeht und über Jahre hell leuchtet. Doch wo viel Licht ist, kann Schatten nicht weit sein. Und so gibt es viele Spieler, denen nicht Talent, aber Konstanz, Gelegenheit oder Glück zur ganz großen Karriere gefehlt hat. Sie standen nur kurz im Mittelpunkt und verschwanden dann von der Bildfläche. Das sind die vergessenen Helden des Fußballs. Wir haben ihre Geschichten aufgeschrieben.
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