"An dem Tag, an dem das Fußball ist, werde ich meinen Job nicht mehr machen."
Jener Satz, ausgesprochen von Jürgen Klopp über den Wechsel von Paul Pogba zu Manchester United für die damalige Rekordsumme von 105 Millionen Euro, sollte dem Trainer des FC Liverpool schon bald krachend um die Ohren fliegen.
Doch damit nicht genug. "Andere Klubs geben immer mehr Geld für einen Topspieler aus. Ich will einen anderen Weg einschlagen, selbst wenn ich so viel Geld zur Verfügung hätte", sagte Klopp im Sommer 2016 vollmundig und betonte: "Wenn ich Geld ausgebe, dann um eine Mannschaft aufzubauen, ein echtes Team. Denn es geht darum, zusammenzuspielen."
Premier League
Klopp fürchtete schnelle Entlassung beim FC Liverpool
22/04/2020 AM 16:47
Lediglich etwas mehr als zwei Jahre sollte es dauern, ehe der einstige Erfolgstrainer von Borussia Dortmund seine eigens aufgestellten moralischen Grundsätze über Bord warf und seinerseits auf dem Transfermarkt in neue Sphären vordrang.
Dem "Everybody's Darling", oder "The Normal One", wie sich Klopp bei seiner Vorstellung an der Anfield Road einst selbst titulierte, schlugen im Anschluss plötzlich hohe Wellen der Verachtung entgegen.

Jürgen Klopp übte scharfe Kritik an Manchester United und Rekordtransfer Paul Pogba

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Liverpools Schlammschlacht mit Southampton

Doch was war passiert?
Dem FC Liverpool fehlte vor Beginn der Saison 2017/18 trotz eines ausgemachten Taktikfuchses an der Seitenlinie, wie Klopp zweifelsohne einer ist, das gewisse Etwas, um ernsthaft in das Titelrennen der Premier League eingreifen zu können - nämlich ein Abwehrchef von Weltklasseformat.
Schließlich kaschierte der teilweise berauschende Offensivfußball aus der Vorsaison die seit Jahren bestehende Defensivproblematik nur bedingt. Klopp musste nicht lange suchen, um seinen Prototyp zu finden: Innenverteidiger Virgil van Dijk von Ligakonkurrent FC Southampton.
Ausgerechnet der FC Southampton, von dem die Reds seit 2014 mit Nathaniel Clyne, Rickie Lambert, Adam Lallana, Dejan Lovren und Sadio Mané insgesamt fünf Spieler für mehr als 120 Millionen Euro abgeworben hatten. Jene Wechselarie brachte dem LFC in der Vergangenheit bereits jede Menge Kritik ein.
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Ich glaube nicht, dass wir noch mehr Innenverteidiger brauchen.
Die "Saints" widerstanden dieses Mal den Avancen und verzichteten damit gleichzeitig auf jede Menge Geld. Immerhin hatte van Dijk erst kurz zuvor seinen Vertrag in Southampton langfristig verlängert.
Klopp spielte die Gerüchte um einen Transfer des wechselwilligen Niederländers an die Anfield Road geschickt herunter: "Wir haben vier Innenverteidiger. Ich glaube nicht, dass wir noch mehr brauchen."
Doch da war der Schaden bereits angerichtet: Southampton drohte Liverpool mit einer Klage, da die Reds den Spieler ohne das Wissen des Vereins kontaktiert habe sollen, um ihn von einem Wechsel zu überzeugen.
Liverpool entschuldigte sich daraufhin öffentlich und verkündete, dass sie "jegliches Interesse am Spieler zu den Akten gelegt" hätten. Doch nicht für lange Zeit.
Im folgenden Winter-Transferfenster, wohlgemerkt nur sieben Monate später, gingen Klopp und Co. All-in und verpflichteten den Abwehrkoloss nach wochenlanger Schlammschlacht für stolze 84 Millionen Euro. Nie zuvor wurde mehr Geld für einen Defensivspezialisten überwiesen.

Jürgen Klopp (links) begrüßt Neuzugang Virgil van Dijk (rechts)

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Rekordtransfer: Heftige Kritik an Klopp und van Dijk

"Qualität kostet einen bestimmten Preis. Das ist mit Autos genauso wie mit Spielern. Wir bestimmen die Preise nicht, es ist der Markt. Die Liverpool-Fans sollten sich darüber keine Gedanken machen", sagte Klopp nach Verkündigung des Transfers.
Für Klopps Kritiker war jener Rekordtransfer ein gefundenes Fressen, um seine Äußerungen aus dem Jahr 2016 über die exorbitanten Ablösesummen auf dem Transfermarkt auszugraben und ihn damit zu konfrontieren.
Neben der teils heftigen Kritik an seiner Person ("Heuchler"), geriet auch der neue Abwehrboss ins Kreuzfeuer. "Van Dijk ist das Geld nicht wert", polterte die Three-Lions-Sturmlegende Alan Shearer.
Auch United-Legende Gary Neville zeigte sich aufgrund der Höhe der Ablösesumme verwundert: "Das ist sehr viel Geld. Vom Transfer an sich bin ich nicht überrascht. Aber das ist schon eine unglaubliche Summe Geld."

Virgil van Dijk patzte in seinem ersten Spiel gegen Swansea City folgenschwer

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Der 26-Jährige stand somit von der ersten Minute an unter besonderer Beobachtung - und patzte gleich in seinem ersten Einsatz zum 0:1-Endstand gegen Abstiegskandidat Swansea City folgenschwer. Die Kritik an van Dijk wuchs weiter. Einzig Klopp blieb geduldig und vertraute auf die Qualitäten seines Schützlings.
"Wenn man einen solchen Betrag für einen Spieler zahlt, muss man überzeugt sein. Man muss sich zu 100 Prozent sicher sein - und wir waren uns sicher", konstatierte Klopp. Jene Geduld sollte sich schon bald auszahlen.
Unter der Leitung van Dijks, der sich von Spiel zu Spiel stabilisierte, entwickelte sich die Hintermannschaft des LFC in der kommenden Spielzeit 18/19 zu einer regelrechten Festung und schrammte nur denkbar knapp am ersten Meistertitel seit fast drei Jahrzehnten vorbei. Die Klopp-Elf war endgültig wieder in der Beletage Europas angelangt.
Die Reds kassierten dabei über die gesamte Spielzeit hinweg lediglich 22 Gegentore. In der Vorsaison waren es noch 42 gewesen.
Aus der Serie: Die Königstransfers des Fußballs

Van Dijk hievt Liverpool auf Europas Thron

"Er ist ein absoluter Weltklassespieler, der das Tempo hat, das du brauchst, der das hat, was ihn von anderen abhebt: die Körperlichkeit, das Auge für den Zweikampf, die Reaktionsschnelligkeit, die Spielintelligenz. Es gibt im Moment tatsächlich keinen Besseren. Das Gesamtpaket ist außergewöhnlich", schwärmte Klopp von seinem Erfolgsgarant, der sich innerhalb kürzester Zeit an der Anfiel Road zum besten Innenverteidiger der Welt mauserte.
Der vorläufige Höhepunkt folgte im Mai 2019, als sich der FC Liverpool in Madrid zum Champions-League-Sieger krönte. Weniger Monate später setzten sie mit dem Gewinn der FIFA-Klub-WM sogar noch einen drauf, was van Dijk zu einer Lobeshymne auf seinen Übungsleiter veranlasste: "Er ist der perfekte Trainer. Er ist ein fantastischer Teammanager und Spielermananger noch dazu."

Virgil van Dijk streckt die Champions-League-Trophäe in die Luft

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Dabei soll der größte Triumph der Ära Klopp, der lang ersehnte 19. Premier-Legue-Titel der Vereinsgeschichte, erst noch folgen. Liverpool steht nach einer Fabelsaison mit sage und schreibe 25 Zählern Vorsprung auf Dauerrivale ManCity souverän an der Tabellenspitze.
Vollenden konnte sie ihr Meisterstück aufgrund der grassierenden Corona-Pandemie bislang noch nicht. Ähnlich wie die Entwicklungen auf dem Transfermarkt wird es jedoch nur noch eine Frage der Zeit sein, bis van Dijk gemeinsam mit Klopp auch diese Trophäe in die Luft streckt.
Letzten Endes sollte Klopp mit seiner einst forschen Aussage "Wenn ich Geld ausgebe, dann um eine Mannschaft aufzubauen, ein echtes Team" doch noch Recht behalten.
Der Top-Fußball wird von seinen Superstars geprägt. Besonders dann, wenn sie den Verein wechseln, wird der Einfluss der Ausnahmespieler besonders sichtbar. Eurosport.de blickt auf die Transfers, die die Kräfteverhältnisse in den vergangenen 25 Jahren nachhaltig veränderten. Teil 7 der Serie mit dem Transfer von Johan Micoud von Parma zu Werder Bremen 2002 folgt am Sonntag bei Eurosport.de.
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