Konsequent wie kaum eine andere Sportart haben die Gewichtheber vor den Sommerspielen in Brasilien in den eigenen Reihen aufgeräumt und chronisch dopingbelastete Nationen hart sanktioniert.
Die Imagekur ist angesichts unzähliger positiver Fälle dringend nötig - und kommt in ihrer Konsequenz selbst für Eingeweihte doch überraschend. "Zeiten wie in den letzten zwölf Monaten haben wir noch nicht sehr oft erlebt. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern", sagte Christian Baumgartner, Präsident des deutschen Verbandes BVDG und Exekutivmitglied des Weltverbandes IWF, im Gespräch mit dem SID.
Das Gewichtheben ist in Verruf geraten. Allein bei den Nachtests der vergangenen beiden Sommerspiele stammten 20 positive Proben von Hebern. Erst langsam scheint ein Umdenken stattzufinden. Baumgartner sagte:
Rio 2016
Nackenschlag für das IOC: Generelles Startverbot für Dopingsünder gekippt
04/08/2016 AM 22:39
Es sind Dinge in Bewegung gekommen, an denen wir schon seit ein paar Jahren arbeiten. Ich denke, dass in der Exekutive alle verstanden haben, worum es geht.
Diversen Verbänden vor allem aus Osteuropa wurden Quotenplätze für Rio gestrichen, die Bulgaren ereilte im November 2015 ein Komplettausschluss, Russland scheiterte erst am Mittwoch mit seinem Einspruch gegen das Olympia-Aus vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS. Sperren gegen die Verbände Kasachstans und Weißrusslands sind ausgesprochen, aber noch nicht in Kraft getreten.
Hinter den Maßnahmen steckt auch die Sorge vor einer künftigen Streichung aus dem Programm der Spiele. Zwar sei die letzte Evaluierung des IOC "sehr positiv gewesen, aber grundsätzlich ist dieser Punkt immer im Hinterkopf. Es drängen viele neue Sportarten ins Programm", sagte Baumgartner.

Der Sepp Blatter des Gewichthebens

Wie stark zu hinterfragen die neuerlichen Bemühungen im Anti-Doping-Kampf dennoch sind, zeigt das Beispiel Tamas Ajan, den ein dichter Nebel aus Korruption und Bestechung umgibt. Der 77-jährige Ungar zieht innerhalb des Verbandes in bester Sepp-Blatter-Manier die Strippen, 1976 wurde er Generalsekretär, 24 Jahre später folgte der Aufstieg zum Verbandspräsidenten. Auf dem Posten klebt der im Weltsport glänzend vernetzte Funktionärs-Dino noch immer.
Vor fünf Jahren begehrte Baumgartner, damals noch deutscher Verbands-Vize und Dopingbeauftragter, an der Seite des damaligen BVDG-Bosses Claus Umbach gegen Ajan auf. Der Aufstand mündete in gegenseitigen Rücktrittsforderungen. Unter Verweis auf "sportweltpolitische Verwicklungen" gab Umbach anschließend überraschend auf, die deutschen Heber reagierten tief enttäuscht.
In Rio wich Baumgartner Nachfragen zu Ajan aus. "Die positive Entwicklung ist ja mit ihm passiert", sagte er. Vermutlich wird sich Ajan die Verdienste im Anti-Doping-Kampf vor der nächsten IWF-Wahl im kommenden Mai auf die Fahne schreiben - und wiedergewählt. Für das Gewichtheben wäre das ein schlechtes Zeichen. Aller Erfolge zum Trotz.
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