"Ich bin sehr zufrieden mit der Einstellung. Es war gut, dass die Mannschaft bis zum Ende durchgezogen hat", sagte Bundestrainer Alfred Gislason nach dem ungefährdeten Erfolg gegen die Außenseiter aus Uruguay.
Durch das 43:14 (16:4) setzte sich das DHB-Team erwartungsgemäß an die Spitze der Vorrundengruppe A. In der ersten Halbzeit vergaben die Deutschen noch einige große Torchancen, in der zweiten Halbzeit baute das DHB-Team dank einer konsequenteren Chancenverwertung den Vorsprung schnell aus.
Timo Kastening war mit neun Treffern der beste Torschütze im deutschen Team - und das, obwohl er nur in der zweiten Halbzeit zum Einsatz kam.
WM
Bitter fordert Absage gegen Kap Verde: "Wünsche mir, dass wir nicht spielen"
15/01/2021 AM 21:34
Drei Dinge, die uns beim deutschen WM-Auftakt auffielen.

1. Bitter und Heinevetter erhöhen Druck auf Wolff

Axel Kromer, der Sportvorstand des Deutschen Handballbunds (DHB), hatte in einer Medienrunde vor dem Start der Weltmeisterschaft in Ägypten keine Zweifel gelassen. Klar, mit Johannes Bitter und Silvio Heinevetter stehen zwei weitere sehr starke Keeper im Kader. Aber: "Andi Wolff ist die unangefochtene Nummer eins", sagte Kromer.
Von daher überraschte es dann schon, dass Gislason Wolff nicht für den 16er-Kader nominierte. Wolff feuerte seine Teamkollegen von der Tribüne aus an, die Entscheidung verändert die Reihenfolge im Torhüter-Trio aber nicht. "Andi Wolff ist ein Weltklassetorhüter, der beim nächsten Spiel auch dabei sein wird", sagte Gislason. "Ich habe Andi vor einer Woche gesagt, dass er sich auf Kap Verde konzentrieren soll."
Darum hatten Bitter, der schon beim WM-Triumph 2007 im eigenen Land dabei war, und Heinevetter die Gelegenheit, für sich zu werben. Rein zahlentechnisch ging das Duell an Bitter, der in der ersten Halbzeit spielte und nur vier Gegentore hinnehmen musste. Heinevetter kassierte dagegen zehn Gegentreffer.
Allerdings überzeugte Heinevetter mit zahlreichen präzisen Tempogegenstoßpässen, die zu einfachen Toren führten. Seinen Teamkollegen von der MT Melsungen, Timo Kastening, bediente er besonders oft. Intensiv gefordert wurden aber beide Torhüter nicht. Die Uruguayer warfen teils sogar Sieben-Meter-Strafwürfe recht harmlos auf das Tor. "Eigentlich war jeder Ball haltbar, auch wenn immer mal einer reingeht", sagte Bitter nach dem Spiel.
Ohnehin ist der DHB bemüht, erst gar keine Diskussion um Spielanteile und Hierarchien auf der Torhüterposition aufkommen zu lassen. "Ich glaube nicht, dass es zu Problemen zwischen ihnen kommt", sagte Gislason vor dem Spiel. "Alle drei wissen, dass sie als Team funktionieren müssen und auch mal nicht spielen werden." Zu diesem Zeitpunkt wusste der Bundestrainer schon, dass es im ersten Spiel Stammtorhüter Wolff erwischen wird.

Johannes Bitter im Spiel gegen Uruguay

Fotocredit: Getty Images

2. Gislason bastelt am Erfolgsrezept

Die Absagenflut vor dem WM-Start hat die Statik des deutschen Teams gehörig durcheinandergewirbelt. Mit Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek, Finn Lemke, Fabian Wiede und Steffen Weinhold verzichteten erfahrene Leistungsträger auf eine WM-Teilnahme. War die Abwehr mit Pekeler, Wiencek oder Lemke im Innenblock in den vergangenen Jahren noch das Prunkstück der Nationalmannschaft, muss Gislason nun taktisch und personell umbauen.
Personell bedeutet das: Johannes Golla und Sebastian Firnhaber bildeten das neue Duo im Innenblock. Im Angriff wird einer von beiden dann für einen Rückraumspieler ausgewechselt. In der ersten Halbzeit spielte Golla bei Ballbesitz als Kreisläufer, in der zweiten Halbzeit übernahm jene Rolle Firnhaber.
Trainer Gislason probierte in jeder Halbzeit also eine Variante aus, Golla hinterließ insgesamt jedoch den besseren Eindruck. In den entscheidenden Spielen wird wohl er im Angriff auf dem Feld bleiben. In der Abwehr überzeugten das Gespann gemeinsam im Innenblock, sie eroberten viele Bälle.
Den recht harten Schnitt zwischen den Halbzeiten vollzog Gislason auch in taktischer Hinsicht. In der ersten Hälfte verteidigte die deutsche Mannschaft durchgängig in einer defensiven 6:0-Abwehr. Auch wenn die spielerisch und körperlich deutlich unterlegenen Uruguayer nicht der Maßstab sind: Das funktionierte sehr gut, vier Gegentore in 30 Minuten lassen auch keinen anderen Schluss zu.
In der zweiten Halbzeit stellte das DHB-Team auf eine 5:1-Deckung um, was bedeutet, dass sich ein Spieler aus dem Abwehrverbund löst und den Spielaufbau der angreifenden Mannschaft stört. Diese Rolle übernahm Fabian Böhm, der in den ersten zehn Minuten gleich zwei Zwei-Minuten-Zeitstrafen kassiert.
Zwar gelangen Deutschland in der zweiten Halbzeit viele Ballgewinne, doch Gislason stellte im Verlauf wieder auf die defensive 6:0-Verteidigung um. Vor dem Turnier hatte der Bundestrainer gesagt, dass die 5:1-Deckung die zweite Abwehrvariante wird und die 3:2:1-Formation aus den vergangenen Turnieren ablöst. Ihm fehlen die passenden Spieler und auch die Zeit, diese Variante einzustudieren.

Handball-WM: Deutschland - Uruguay

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3. Uruguay besticht durch Temperament

Das erste Tor der Südamerikaner gegen die überlegene deutsche Deckung fiel erst in der siebten Minute. Jedoch wurde der Treffer von Federico Rubbo zum 1:3 frenetisch gefeiert. Es war das erste Tor einer Männer-Nationalmannschaft Uruguays bei einer Weltmeisterschaft. Auch danach zeigte der WM-Neuling Leidenschaft. Jede gelungene Aktion wurde vom gesamten Team lautstark bejubelt.
Besonders in der ersten Halbzeit lieferte Uruguays Torhüter Felipe González jede Menge Anlass dazu. González war der beste Spieler seiner Mannschaft, hielt freie Würfe aus bester Position von Golla, Julius Kühn und Uwe Gensheimer und vereitelte Sieben-Meter sowie Tempogegenstöße.
Als er einen Strafwurf von Uwe Gensheimer parierte, klopfte sich González mit freudigem Gesicht energisch auf die Brust. Gensheimer wurde in dem Spiel durch seine drei Treffer übrigens der neue WM-Rekordtorschütze seines an Handballhistorie nicht armen Heimatlandes.
Davon ist Uruguay natürlich Lichtjahre entfernt (wegen der Corona-Pandemie hatte die Mannschaft beispielsweise vor dem WM-Auftakt ein Jahr lang kein Länderspiel bestritten), doch die Spieler genossen den Auftritt gegen Deutschland. Besonders laut bejubelt wurde der Treffer zum 10:33 in der 50. Minute durch Bruno Méndez. Nicht unwahrscheinlich ist, dass sich das Team das Ziel einer zweistelligen Anzahl an Toren gesetzt hatte.
Den sympathischen Auftritt der Uruguayer rundete eine nette Szene nach Abpfiff ab. Torhüter González wurde vom Weltverband IHF zum Spieler des Spiels bestimmt. Trotz 43 Gegentoren, trotz einer deutlichen Niederlage - aufgrund seiner starken Leistung in der ersten Halbzeit aber nicht unbegründet. Seine Mitspieler herzten und beglückwünschten ihn, als hätten sie gerade ein Handballspiel gewonnen.
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