Kapitän Uwe Gensheimer war nach der 28:32-Niederlage zum Hauptrundenauftakt gegen Spanien extrem enttäuscht, Torwart Johannes Bitter fand dagegen nicht, dass das DHB-Team "mit einem schlechten Gefühl rausgehen muss".
Doch die Niederlage verschlechtert die Aussichten der deutschen Handball-Nationalmannschaft auf ein Weiterkommen enorm.
In der ersten Halbzeit hatten die Deutschen zu wenige Lösungen gegen die offensive 3:2:1-Deckung der Spanier, in der zweiten Halbzeit war die Spielanlage viel besser – und Deutschland drehte das Spiel zum zwischenzeitlichen 25:22. Doch dann erzielte das Team um Spaniens Kapitän Raúl Entrerríos sechs Tore am Stück und brachte den Sieg in der Schlussphase souverän über die Zeit.
WM
"Gezeigt, wie man sie auseinanderspielt": Bitter überrascht nach WM-Pleite
21/01/2021 AM 22:09
Drei Dinge, die uns in der Analyse der Partie auffielen:

1. Erfahrung schlägt Jugend

Deutschland gegen Spanien, das ist ein Spiel mit viel Tradition. Das Duell am ersten Hauptrundenspieltag war bereits das zehnte Aufeinandertreffen bei Handball-Weltmeisterschaften. Doch die Spanier traten zu diesem Spiel mit einem deutlich größeren Erfahrungsschatz an absolvierten Länderspielen an. Der 39-jährige Kapitän der spanischen Auswahl, Raúl Entrerríos, spielt in Ägypten beispielsweise schon seine achte Weltmeisterschaft. Im Sechzehner-Kader brachten die Iberer durchschnittlich knapp 110 Länderspiele pro Spieler auf die Platte, bei den Deutschen waren es nur gut 63 Partien pro Nationalspieler.
Dieses Erfahrungsplus machte sich auch im für beide Mannschaften so wichtigen Hauptrundenspiel bemerkbar. Spanien dominierte die erste Halbzeit, ging mit einer 16:13-Führung in die Pause – doch Deutschland drehte in den zehn Minuten nach Wiederanpfiff die Partie. Der 20-jährige Juri Knorr, der 2018/2019 eine Saison in der zweiten Mannschaft des FC Barcelona spielte, hatte entscheidenden Anteil an der 25:22-Führung in der 44. Spielminute.
In dieser Phase hätte das Spiel komplett zugunsten der deutschen Mannschaft kippen können. Doch während Knorr im deutschen Angriff mit zwei missglückten Kreisanspielen Ballverluste einleitete, nutzte Entrerríos auf der anderen Seite eine Unachtsamkeit in der deutschen Deckung zum 23:25-Anschlusstreffer. Spanien war zurück im Spiel, Deutschland erzielte neun Minuten lang keinen Treffer mehr.

Spaniens Gedeon Guardiola jubelt gegen Deutschland

Fotocredit: Getty Images

Knorr zeigte vor den Fehlpässen eine gute Leistung, doch Gislason sprach im Interview nach dem Spiel von "zu viel Risiko mit Pässen, die direkt im eigenen Netz landen", und meinte damit diese beiden Situationen. Erfahrenere Mannschaften nutzen einen Drei-Tore-Vorsprung wohl eher, um davonzuziehen.
Auch als Spanien beim Stand von 31:26 in der 57. Minute noch einmal in Unterzahl zwei schnelle Gegentore durch Uwe Gensheimer kassierte, wird das Team nicht unruhig und brachte den Sieg sicher ins Ziel.

2. Deutschland findet zu spät Lösungen gegen Spaniens Abwehr

Dass Spanien offensive Abwehrformationen beherrscht, war vor dem Spiel kein Geheimnis. "Die Spanier spielen eine sehr variable, flexible Abwehr", sagte der deutsche Co-Trainer Erik Wudtke am Tag vor dem Spiel gegen die Iberer in der Medienrunde. "Insbesondere wenn die Spanier 5:1 gedeckt haben, hatten wir in der Vergangenheit gegen sie große Schwierigkeiten." Dass die Mannschaft von Nationaltrainer Jordi Ribera auch gegen Deutschland so verteidigen würde, überraschte ebenfalls nicht. Gislason sagte im "ZDF"-Interview vor dem Spiel, er erwarte Spanien in der Abwehr deutlich offensiver als noch in den Vorrundenspielen.
Und so kam es auch. Die Iberer verteidigten in einer extrem offensiven 3:2:1-Formation, bei der der deutsche Rückraum-Mitte Philipp Weber teilweise bis zur Mittellinie zurückgedrängt wurde. DHB-Trainer Gislason reagierte personell zwar schnell und wechselte Paul Drux, der stark in Eins-gegen-Eins-Duellen ist, für Rückraumshooter Julian Kühn ein. Doch hinsichtlich der Spielanlage blieben die Deutschen ideenlos. Es wurden kaum Auslösehandlungen gespielt, die Außen wurden nicht als Anspielstationen eingebunden – und so versuchten Kai Häfner, Weber und Drux, ihre Gegenspieler über individuelle Einzelaktionen auszuspielen.

Das DHB-Team bei der WM 2021

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Wudtke hatte vorab mit Blick auf die Probleme mit offensiven Abwehrformationen der Spanier in der Vergangenheit allerdings auch gesagt: "Ich bin aber davon überzeugt, dass wir uns in dem Bereich wirklich weiterentwickelt haben." In der zweiten Halbzeit zeigte das DHB-Team das auch. Über Kreuzungen zwischen Rückraumspieler und Kreisläufer, sogenannte Kreisel, oder dem langen Einlaufen der Außenspieler in den Rückraum des deutschen Teams gelang es, mehr Struktur in die Offensive zu bekommen. Nun konnten die Rückraumspieler mit mehr Schwung Richtung Tor ziehen und über Kreisanspiele oder Durchbrüche Tore erzwingen.
Dadurch gelang die Aufholjagd und Deutschland konnte die Partie sogar drehen. Spanien stellte auf eine defensive 6:0-Abwehr um, mit diesem Systemwechsel endete auch die starke Phase des DHB-Teams und die Spanier übernahmen wieder die Spielkontrolle. Die deutsche Mannschaft hatte sich laut Gislason auf die offensive Deckung der Spanier vorbereitet. Hätte sie die Lösungen der Anfangsphase des zweiten Durchgangs schon in der ersten Halbzeit eingesetzt, hätte man womöglich den Pausenrückstand verhindern können. "Nach einigen Problemen vor der Pause haben wir in der zweiten Hälfte fantastisch angefangen", sagte Gislason nach dem Spiel. "Der Angriff war in dieser Phase großartig."

3. Deutschlands Galionsfiguren sind nicht in WM-Form

Ein komplett neuer Innenblock? Fehlende Genialität wegen des verletzungsbedingten Ausfalls von Fabian Wiede? Mag ja sein, aber an zwei Stellen muss man sich scheinbar keine Gedanken machen. Denn wann immer über die Qualität der deutschen Mannschaft gesprochen wird, heißt es, dass man auf zwei Positionen Weltklasse besetzt sei: im Tor und auf Linksaußen. Denn zwischen den Pfosten steht mit Andreas Wolff ein Spieler, der eine gegnerische Mannschaft komplett zur Verzweiflung bringen kann (Spanien, EM-Finale 2016). Und Uwe Gensheimer wird von vielen zurecht als bester Linksaußen der Welt bezeichnet. Gensheimer ist Kapitän der Mannschaft, Wolff meinungsstarker Lautsprecher.
Doch bei der WM in Ägypten haben ausgerechnet die beiden Galionsfiguren noch nicht ihren besten Handball gezeigt. Wolff kam in der Vorrunde gegen Uruguay gar nicht zum Einsatz und wurde gegen Ungarn nach nur zwei Paraden in der ersten Halbzeit für Bitter ausgewechselt. Gensheimer ließ gegen Uruguay einige Chancen liegen und spielte gegen Ungarn nur in der zweiten Hälfte, in der er nur einen Treffer beisteuern konnte.
Gegen Spanien setzte Gislason wieder auf beide Führungsspieler in der Startaufstellung. Doch Wolff konnte wieder nicht überzeugen. In der ersten Halbzeit hielt der 29-Jährige 5 von 18 Würfen auf sein Tor, was einer ausbaufähigen Quote von 22 Prozent entspricht. Kurz vor der Pause wechselte Gislason Bitter ein, der die zweite Halbzeit komplett durchspielte und nicht nur die bessere Leistung zeigte (10 von 27 Würden gehalten), sondern auch sein Team antrieb.
Gensheimer spielte zwar besser als in den beiden Partien zuvor und war fast die gesamte Spielzeit auf dem Feld, doch die von ihm gewohnte Präsenz konnte er wieder nicht zeigen. Der 34-Jährige erzielte drei Tore aus vier Versuchen. Zwei der Treffer warf er aber kurz vor Schluss. In der entscheidenden Phase, als Spanien die Führung zurückerobert hatte, vergab er einen Tempogegenstoß. Im Spielaufbau wird bislang bei diesem Turnier Timo Kastening auf Rechtsaußen mehr ins Spiel eingebunden und häufiger in Abschlusssituationen gebracht als der Kapitän des Teams.
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