Auch noch Stunden nach dem Judo-Wunder von Budapest schwebte Anna-Maria Wagner im rosaroten Grenzbereich zwischen Fassungslosigkeit und Wolke sieben. "Eigentlich sollte das hier nur Vorbereitung auf Olympia sein - und jetzt wird mir langsam klar, dass ich Weltmeisterin bin", sagte die 25-Jährige in Freudentränen aufgelöst. Vor allem, aber nicht nur wegen Wagners Wahnsinns-Wettkampf herrscht sieben Wochen vor Tokio Euphorie im Deutschen Judo-Bund.
"Das ist eine Wahnsinnsgeschichte", sagte Daniel Keller, Präsident des Deutschen Judo-Bundes (DJB), dem "SID": "Judo-Deutschland ist in heller Aufregung, das schlägt ein wie eine Bombe."
Mit Wagner (78 kg) und Theresa Stoll, die am Dienstag WM-Bronze in der Klasse bis 57 kg holte, schickt das deutsche Team nun zwei große Medaillenhoffnungen zu den Sommerspielen.
Olympia - Judo
Anna-Maria Wagner zu Gast bei Big in Japan
03/08/2021 AM 10:11
Wagners Coup am Freitagabend in der Laszlo-Papp-Arena hatte dabei fast schon historische Dimensionen. Als Schwergewicht Johanne Hagn 1993 im kanadischen Hamilton als zuvor letzte deutsche Judoka Weltmeisterin wurde, war Wagner noch nicht einmal geboren. Erst vier DJB-Athletinnen - Barbara Claßen (1982), Alexandra Schreiber (1987), Hagn und nun Wagner - gewannen überhaupt WM-Gold.

Wagner schaltete auf ihrem Weg zu Gold drei Weltmeisterinnen aus

In Budapest war Wagner keineswegs als Außenseiterin angetreten, als Weltranglistendritte gehörte die Ravensburgerin durchaus zum engeren Favoritenkreis. Doch wie sie in einer der umkämpftesten Gewichtsklassen reihenweise die hochkarätigsten Gegnerinnen ausschaltete, beeindruckte immens.
Alleine drei Weltmeisterinnen - die Niederländerin Marhinde Verkerk (2009), die Japanerin Mami Umeki (2015) und schließlich im Finale die französische Titelverteidigerin Madeleine Malonga - bissen sich an Wagner die Zähne aus.
"Sie hat hart an mir gearbeitet", sagte Malonga, in den vergangenen vier Jahren die unumstritten beste Judoka der "bis 78er": "Aber jetzt werde ich bis Olympia hart an ihr arbeiten."
Wagner kann die Kampfansage nach dem größten Erfolg ihrer Karriere gelassen quittieren, hat sie doch nun bewiesen, dass sie nach Jahren in der Weltklasse auch eine Frau für die ganz großen Titel ist.

Wagner im Hinblick auf Olympia selbstbewusst: "Ziel ist die 'Mission Gold'!"

Die Studentin des Hotel- und Tourismusmanagements ("Am liebsten möchte ich wieder zurück in die Heimat und dort in unser Familienhotel einsteigen") war 2017 U23-Europameisterin geworden, holte ein Jahr später EM-Bronze bei den "Großen" - doch der wirkliche Durchbruch kam erst 2021.
Bei drei großen Turnieren trat Wagner an, gewann jedesmal - bei den Grand Slams in Tel Aviv und Kasan sowie nun in Budapest. Das Olympia-Jahr könnte Wagners Jahr werden, der erst zweite Olympiasieg einer Deutschen nach Yvonne Boenisch 2004 ist alles andere als ein unrealistisches Szenario. "Für mich steht in Tokio ganz klar eine Medaille im Fokus", sagte Wagner, und die Wunschfarbe steht auch schon fest: "Mein Ziel ist die 'Mission Gold'!"

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(SID)

Emotionaler Ausbruch: So machte Wagner Gold perfekt

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