Sohn Til musste diesmal nicht den Wecker stellen, um Ronald Rauhe live im TV zu sehen. Für das Gold-Rennen seines Papas war der Sechsjährige am Tag seiner Einschulung noch um 3 Uhr nachts aufgestanden. Als Rauhe am Sonntag zum Abschluss seiner beeindruckenden Kanu-Karriere die deutsche Fahne ins Olympiastadion trug, hatte Til dagegen frei - und war ausgeschlafen.
Der Einmarsch ins Stadion war für den 39 Jahre alten Rauhe auch das Ende eines märchenhaften Wochenendes. Erst der Sieg als "Boots-Papa" des Kajak-Vierers, dann die besondere Ehre bei der Schlussfeier - Rauhe eilte von einem Höhepunkt zum nächsten. "Die Flagge aus dem Stadion zu tragen - das ist für mich neben der Goldmedaille die Krönung", sagte der Mann mit der markanten Glatze.
DOSB-Präsident Alfons Hörmann sprach von einem "in jeder Hinsicht würdigen" Fahnenträger. Und er hatte recht: In Tokio erlebte Rauhe seine sechsten Olympischen Spiele, seine 16 WM-Titel sind ebenso Rekord wie seine mehr als 60 Goldmedaillen bei deutschen Meisterschaften. "Ganz ehrlich: Ich weiß gar nicht, wie viele es genau sind", sagt Rauhe einmal über seine in einer Kiste verstaute Sammlung.
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Für viele jüngere Kollegen ist der "Oldie" daher Vorbild. Als Rauhe 2004 in Athen im Zweier das erste Mal Gold holte, war Max Lemke sieben Jahre alt. Am Samstag saß jener Lemke mit seinem Vorbild Rauhe in einem Boot und paddelte zu Gold. "Ronny war unser Boots-Papa, der uns zusammengehalten hat", sagte Lemke.

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Von den "Emotionen überrannt"

Dabei hatte Rauhe eigentlich schon 2016 aufhören wollen. Doch Ehefrau Fanny, Olympiasiegerin von 2008 und Nichte von Kanu-Legende Birgit Fischer, motivierte ihn zum Weitermachen. Als dann die Vierer-Distanz für Tokio auf 500 m halbiert wurde, war Sprintspezialist Rauhe endgültig überzeugt und stieg in das für ihn neue Boot.
Tokio war das letzte Ziel - und es gelang. "Als ich vor dem letzten Schlag gesehen habe, dass wir vorne sind, haben mich die Emotionen überrannt. Dafür habe ich eineinhalb Jahre länger gearbeitet. Ich hätte mir nichts anderes erträumen und wünschen können. Das macht es mir heute leicht, meine Karriere zu beenden", sagte Rauhe.
Und Til? Die Einschulung seines Sohnes verpasste Rauhe zwar, doch nach der Schlussfeier eilte der Papa auf dem schnellsten Weg zurück nach Hause. "Ich werde auf den Olympia-Empfang am Montag in Frankfurt verzichten", sagte Rauhe: "Am Dienstag fahre ich Til zur Schule, das ist so abgesprochen. Ich werde mein Versprechen halten."
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(SID)

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