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Sigi-Heinrich-Blog: Die Leichtathletik lebt auch ohne Usain Bolt

Heinrich-Blog: Die Leichtathletik lebt auch ohne Bolt

10/08/2018 um 18:35Aktualisiert 11/08/2018 um 17:17

Europas beste Leichtathleten messen sich dieser Tage in Berlin. Negativschlagzeilen wie falsche Hymnen bei Siegerehrungen oder instabile Internetverbindungen werden von einer großen Show deutscher Athleten überstrahlt. Die Hauptstadt und die Leichtathletik leben also wieder, findet Eurosport-Blogger Sigi Heinrich - auch ohne Usain Bolt.

Immer wieder diese hartnäckigen Erinnerungen, die sich wie Stacheln der Wehmut in die Seele drängen. Vor neun Jahren mit Usain Bolt, seinen zwei Weltrekorden, der blauen Bahn im Olympiastadion, einem Publikum, das sich ergeben hinreißen ließ von den Ereignissen und dazu einer perfekten Organisation.

Vor neun Jahren. Das, ja das waren noch Zeiten bei der Weltmeisterschaft der Leichtathleten damals. Und jetzt? Ist alles etwas kleiner. Europameisterschaft. Die Pressevertreter lässt man bei Wüstenwetter vor leeren Kühlschränken darben. Wasser? Fehlanzeige. Trinkwasser wohlgemerkt. (Zum Glück war der Wassergraben im Stadion für die Hindernisläufer schon gefüllt. Man stelle sich nur vor…)

Video - Ab in den Wassergraben! Röhler nach Gold völlig losgelöst

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Bei den Weitspringern werden Schatten gemessen, weil die böse Sonne die Technik überlistet. Bei der Siegerehrung werden falsche Hymnen eingespielt, die Internetverbindungen fallen ebenso regelmäßig aus wie das Informationssystem für die Journalisten. So allmählich versteht unsereiner, warum der neue Flughafen in Berlin noch nicht fertig ist.

"Jetzt müssen wir alle für eine gute Show sorgen"

Wir sind in Erklärungsnot. "Hätten wir nicht gedacht von Euch", sagen die auswärtigen Kollegen, die deutsche Gründlichkeit erwartet hatten. Ja, wir, also wir als Gastgeber quasi, sind auch Schuld an den vielen Unzulänglichkeiten.

Wir tragen das mit Fassung. Ist Berlin denn nicht pleite, aber sexy? Hat man mal so formuliert. Sexy ist maximal noch das Publikum geblieben, dass sich seine Begeisterung für die Leichtathletik neun Jahre bewahrt hat, und sexy ist auch "Berlino", das Maskottchen von damals, das aus dem Tiefschlaf in der Asservatenkammer wieder zu neuem Leben erweckt wurde.

Video - "Sigi, erzähl doch mal...": Lückenkemper - Glamour-Girl der deutschen Leichtathletik

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"Berlino" hat zu tun, denn auch ohne Usain Bolt lebt die Leichtathletik. Einer der neuen Stars der Szene, Karsten Warholm aus Norwegen hat das so formuliert: "Jetzt müssen wir halt alle zusammen für eine gute Show sorgen."

Er hat damit schon begonnen.

Lückenkemper, neuer Augenstern der Leichtathletik

Glücklicherweise ziehen auch deutsche Leichtathleten mit. Sir Arthur. Abele. Der Zehnkämpfer, der nach dem Wettkampf den ganzen Abend eine Pappkrone auf dem Kopf hatte und Tränen in den Augen. Er hat den Mythos vom Kämpfer im Sport und im Leben neuen Inhalt gegeben. Ein großer Sieger in Berlin wie auch Thomas Röhler, der den Speerwurf mit seiner scheinbaren Leichtigkeit auf ein neues Niveau bringt.

Jetzt, ja jetzt ist man sogar in der Lage, den Abschied von Robert Harting zu verkraften, ohne in ewigem Selbstmitleid zu zerfließen, weil es ja schließlich auch noch Gina gibt. Gina Lückenkemper. Schnell in allem. Sie sagt ja selbst, "Ich esse schnell, ich rede schnell".

Video - "Jetzt kann mir keiner mehr was": EM-Vodcast mit Gina Lückenkemper

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Zum Glück läuft sie auch schnell. Sehr schnell. Zweimal unter elf Sekunden in Berlin und zur Silbermedaille. Sie ist der neue Augenstern der deutschen Leichtathletik, auch weil ihr öffentliche Auftritte eher eine Freude sind als eine Last.

Die deutsche Leichtathletik ist auf einem guten Weg, auch wenn in so manchen Disziplinen auch mal ein paar Schritte in der Talsohle absolviert werden müssen. Kein deutscher Stabhochspringer im Finale, auch der Titelverteidiger im Dreisprung, Max Hess, in der Qualifikation ebenso gescheitert wie der Diskus-Olympiasieger Christoph Harting.

EM in Berlin wird neuerlichen Schub bringen

Doch die Ausfälle, die unabwendbar sind und jede Nation irgendwo, irgendwie und irgendwann treffen, werden von guten Perspektiven überdeckt. Junge Sprinterinnen greifen an, der Dreisprung der Damen erlebt eine Renaissance, junge Mittelstreckenläuferinnen begeistern, ob mit oder ohne Hindernisse, Speere und Diskusscheiben fliegen gut, und auf vielen Ebenen sind gleich mehrere Anwärter für den nächsten Zukunftspreis vorhanden (Niklaus Kaul schon Vierter im Zehnkampf mit 20 Jahren).

Die Europameisterschaft wird für eine Weile wieder für einen neuerlichen Schub und neuerliche Motivation der nachrückenden Generation sorgen. Und dafür nehmen wir doch gerne in Kauf, dass wir tagelang auf dem Trockenen sitzen mussten und schon überlegt haben, ob Brieftauben nicht doch schneller wären als die elektronischen Wege von Berlin hinaus in die Welt. Wir hätten sie vom fast fertigen Flughafen starten lassen können…

Video - "Marshmallows knallen richtig rein": EM-Vodcast mit Europameister Abele und Kaul

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