Wir sind gewarnt und extrem vorsichtig. Hände waschen, so oft wie möglich. Türklinken öffnen mit dem Ellenbogen. Oder – viel besser noch - öffnen lassen, wie das die englischen Portiers so wunderbar beherrschen. Die Geländer an den langen Treppen in den englischen Untergrund nicht berühren und vieles mehr. Am besten halt die Öffentlichkeit meiden oder sich in Luft auflösen.
Denn das Norovirus geht um und schlägt erbarmungslos zu in London. Vornehmlich wütet es gerade in der Leichtathletik-Familie, die derzeit ihre Weltmeister ermittelt. Issak Makwala aus Botswana war bislang das prominenteste Opfer. Der schnellste 200m-Läufer dieses Jahres wurde 48 Stunden in Quarantäne gesteckt und verpasste deshalb sein 400-m-Finale, in dem er der große Widersacher von Wayde van Niekerk sein sollte, der dann lässig gewann. Immerhin. Über 200m durfte er sich alleine qualifizieren und überstand nicht nur das Virus sondern auch das Halbfinale.

Schwierige Situation

Leichtathletik-WM
Letzter Trumpf der Familie Harting: Julia hofft auf eine Medaille
10/08/2017 AM 17:01
Es ist – zugegeben – keine leichte Situation momentan, weil alle in sich hinein hören. Jedwede Abweichung vom normalen Ablauf führt unweigerlich zu Unsicherheiten. Wir greifen uns an die Stirn. Stimmt die Temperatur? Ist alles normal? Auch in der Keramikabteilung? Einmal zu oft? Schon Nervosität und so. Bauchgrummeln? Bloß kein Ausfall. Auch bei uns darf nichts passieren. Wir müssen mindestens bis Sonntag gesund bleiben.
Diese allgemeine Verunsicherung steckt nicht jeder gleich weg hier im Augenblick, weshalb der Cheftrainer der deutschen Leichtathleten, Idriss Gonschinska, durchaus zu recht von einer "Krisensituation" spricht. Auch wenn das irgendwie auch anders ausgelegt werden kann, denn die deutsche Mannschaft muss tatsächlich gerade auch eine kleine sportliche Krise überstehen. Ausgerechnet zum Saisonhöhepunkt, der WM, rauschen einige mächtig an ihren Bestleistungen vorbei, weshalb bis jetzt, nach mehr als der Hälfte aller Wettbewerbe, lediglich eine Silbermedaille von Carolin Schäfer im Siebenkampf zu vermelden ist.

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Fehlende Stabilität nach Verletzungen

Nicht einmal die sonst so zuverlässigen Medaillensammler wie Kugelstoßer David Storl oder der Diskusriese Robert Harting vermochten zu glänzen. Konstanze Klosterhalfen, der neue Stern am Himmel der Mittelstrecken, verfehlte gar das Finale. Richard Ringer lief über 5000m im Vorlauf hinterher. Wurde Vorletzter. Raphael Holzdeppe gelang im Stabhochsprungfinale kein gültiger Sprung. Katharina Molitors Speer blieb zu früh im Rasen stecken.
Abgesang also? Keineswegs. Nur eine Momentaufnahme, die genau betrachtet werden muss um sie korrekt zu werten. Storl, Holzdeppe und Harting kamen aus langwierigen Verletzungen zurück. Ihnen fehlte schon die gesamte Saison die erforderliche Stabilität und mithin die Basis für überragende Leistungen, die bei einer WM nun mal notwendig sind, wenn man eine Rolle spielen will. Klosterhalfen hatte sich bei der U23-Europameisterschaft in Bydgoszcz verausgabt. Die Trainingssteuerung war möglicherweise unglücklich. Kann auch mal passieren. Man wird daraus lernen. Dazu kommt auch noch das Pech eines Max Heß. Der Dreispringer verletzte sich in London beim Aufwärmen vor dem Wettkampf. So ergibt sich eine Verkettung unglücklicher Umstände, die Krisenstimmung auslösen kann.

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Noch sind Chancen vorhanden

Und doch bin ich weiterhin optimistisch, denn in der zweiten Halbzeit dieser Titelkämpfe kann die DLV-Mannschaft das Ruder noch herumreißen. Die Speerwerfer Thomas Röhler, Johannes Vetter und Andreas Hofmann sind in ihrer Disziplin das Maß der Dinge in diesem Jahr. Die Zehnkämpfer Rico Freimuth und Kai Kazmirek haben realistische Medaillenchancen und die Frauenstaffel um den neuen Sprintstar Gina Lückenkemper, deren 10,95 Sekunden hier im Vorlauf ein Stück deutsche Leichtathletikgeschichte bedeuten, sind das drittschnellste Quartett 2017 hinter der USA und Jamaika.
Und ein paar Chancen für Finalteilnahmen gibt es auch noch durch Pamela Dutkiewicz (100m Hürden) Rebekka Haase (200m), Homiyu Tesfaye (1500m), Alina Reh (5000m) und die Diskusdamen Nadine Müller, Julia Harting und Anna Rüh. Hoffnungen sind das und diese sterben ja bekanntermaßen zuletzt. Wichtig ist nur, dass alle die eben genannten Athleten jetzt gesund bleiben und dem Norovirus trotzen. So wie wir das auch tun. Vehement und mit aller Kraft und mit allen erlaubten Mitteln. Bislang erfolgreich.
Oder spüre ich da gerade was?
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