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Weltmeister Kaul bald Seriensieger? "Der muss 9000 Punkte machen"

Weltmeister Kaul bald Seriensieger? "Der muss 9000 Punkte machen"

04/10/2019 um 13:49Aktualisiert 11/10/2019 um 10:19

Mit seinem WM-Gold im Zehnkampf hat Niklas Kaul für das große Highlight der Leichtathletik-WM in Doha aus deutscher Sicht gesorgt. Der jüngste Weltmeister der Geschichte beeindruckte bei seinem Sieg nicht nur mit sportlicher Klasse, sondern fast noch mehr mit enormer Nervenstärke. Kaul könnte nun eine ganz Ära in der Königsdisziplin prägen - die Ziele bis 2028 hat er schon im Blick.

Diesmal trug der König keine Krone.

Niklas Kaul stand ruhig und abgeklärt als Weltmeister Rede und Antwort - kein Vergleich zu seinem deutschen Teamkollegen Arthur Abele, der nach dem EM-Gold in Berlin völlig euphorisiert und mit Papp-Kopfschmuck seine Krönung zum "König der Athleten" feierte.

"Keine Ahnung, wie das passiert ist", fasste Kaul weit nach Mitternacht Ortszeit in Doha im "ARD"-Interview seinen Zehnkampf zusammen - und so ging es wohl etlichen Fans auch, die am Morgen in Deutschland von einer für viele eher unerwarteten Goldmedaille geweckt wurden. "Das hätte ich nie erwartet. Es fühlt sich surreal an", gestand Kaul.

Doch der jüngste Zehnkampf-Weltmeister der Geschichte ist kein Überraschungssieger und vor allem kein unbeschriebenes Blatt in der Szene. Bei Abeles Triumph im vergangenen Sommer war Kaul hautnah dabei und schon heimlicher Publikumsliebling im Olympiastadion, als Nachrücker ins EM-Team verpasste er eine Medaille als Vierter nur knapp, 101 Punkte fehlten zu Silber.

Ein Jahr und 8691 Punkte später ordnete Kaul seinen Gold-Coup nicht wie ein 21-Jähriger, sondern wie ein "elder statesman" ein:

"Ich war nicht der beste, sondern der konstanteste Zehnkämpfer."
Niklas Kaul | Zehnkampf-Weltmeister 2019

Niklas Kaul | Zehnkampf-Weltmeister 2019Getty Images

Mit einer ähnlich abgeklärten Leistung hatte sich der Youngster in den letzten beiden Disziplinen noch an allen Konkurrenten vorbei gekämpft: Zuerst mit einem Zehnkampf-Weltrekord im Speerwerfen von 79,05 Metern, den er mit stolz gerecktem Arm, aber ohne Freudensprünge oder Jubelschreie eher zur Kenntnis nahm. Denn Kaul (und seine Kollegen) kennen die Extraklasse des Mainzers mit dem Speer, er hat als Nachwuchsathlet auch schon WM-Medaillen in dieser Spezialdisziplin gewonnen.

Kaul: Nervenstark zu WM-Gold

Sein Meisterstück machte er dann im abschließenden 1500m-Lauf. Scheinbar ungerührt vom Druck, Gold greifbar nah zu haben, stürmte er nicht mit dem Startschuss los, sondern spielte seine Stärke souverän es: Ganz hinten im Feld der müden Muskelmänner reihte er sich ein, bevor er Position um Position in aller Ruhe nach vorne lief, sich nach einer Runde an die Spitze setzte und mit perfekter Krafteinteilung überlegen Lauf und Gesamtwertung gewann.

"So ganz verstanden habe ich es noch nicht", gestand Kaul dann lächelnd, nachdem er sich als letzte Anstrengung von der Laufbahn in der WM-Arena hinauf zum Interview geschleppt hatte, Tipps zum Feiern in Doha werde er sich von Trainer und Physiotherapeuten holen - richtig gefeiert werde aber in der Heimat, zusammen mit allen Trainingskollegen.

Es ehrt Kaul, dass er im Moment des Triumphes den tragischen Helden des WM-Zehnkampfes nicht vergas: Weltrekordler Kevin Mayer, angereist als haushoher Favorit und mit einigen frischen Bestleistungen in einzelnen Disziplinen, konnte verletzt den Wettkampf nicht beenden - "er konnte sich nur selber schlagen", betonte Kaul.

Kevin Mayer, Doha 2019

Kevin Mayer, Doha 2019Getty Images

Busemann traut Kaul 9000 Punkte zu

Ob die 9126 Punkte des Franzosen, aufgestellt vor knapp 13 Monaten in Talence, ein Fernziel für Kaul sein können, ist noch zu früh zu beantworten. Zumindest weitere Verbesserungen sind klar möglich, gerade in den Auftaktdisziplinen ist noch Luft nach oben.

Es gibt noch "Reserven", sagte Kaul, gerade im Sprint und bei den Sprüngen habe er "noch Nachholbedarf". Sein Vorbild, Ex-Weltrekordler Ashton Eaton aus den USA, ist überzeugt:

"Er kann eine Ära prägen."

Frank Busemann, Olympia-Zweiter von Atlanta 1996, dessen Bestleistung Kaul schon fast übertroffen hat, traut seinem Nachfolger sogar zu, als erster Deutscher die 9000 Punkte zu brechen. Dem "SID" gegenüber schwärmte er vom "Riesenkörper" und der Nervenstärke des neuen Weltmeisters: "Der gewinnt mit dem Kopf", sagte er und fasste zusammen:

"Wer mit 21 Jahren fast 8700 Punkte macht, der muss 9000 machen."

Geht der Siegeszug des Seriensiegers, der Goldmedaillen bei Nachwuchswelt- und Europameisterschaften fast im Jahrestakt sammelte, bei Olympia weiter?

Niklas Kaul als U18-Weltmeister 2015

Niklas Kaul als U18-Weltmeister 2015SID

Die Antwort von Kaul war vielsagend: Er wolle nun erst den Moment genießen und sich erst nach dem Urlaub mit Zukunftszielen beschäftigen. Dann aber fügte er nahtlos und ohne zu zögern nicht nur die nächsten Olympische Spiele an, sondern gleich den Dreierpack "Tokio, Paris, Los Angeles".

Die Konkurrenz ist gewarnt, die Fans können sich freuen: Der jüngste Weltmeister aller Zeiten könnte eine ganze Ära prägen.

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