Sebastian Coe wird den Bettelbrief aus Moskau sehr genau gelesen haben - doch die Bitte um die nächste Gnadenfrist für Russlands skandalumwitterte Leichtathleten dürfte den Präsidenten des Weltverbandes und seine 25 Council-Kollegen wohl kaum erweichen. Viel, viel zu lang ist die Liste der Verfehlungen der Russen und zuletzt blieb auch noch die Zahlung der verhängten Strafe in Höhe von fünf Millionen US-Dollar (rund 4,25 Millionen Euro) aus.
"Wir sind sehr enttäuscht", sagte Coe deshalb, die Geduld des Briten scheint endgültig aufgebraucht. Und so drohen den Russen um Topstars wie Hochsprung-Weltmeisterin Marija Lassizkene, Hürdensprinter Sergej Schubenkow und Stabhochsprung-Weltmeisterin Anschelika Sidorowa noch drastischere Sanktionen.
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Russland fleht um Vertagung der Entscheidung

Das World-Athletics-Council könnte bei seiner Videokonferenz am Donnerstag beschließen, dass Russland aus dem Weltverband ausgeschlossen wird. Dies würde praktisch ein Olympia-Aus für Tokio im nächsten Jahr bedeuten.

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Und deshalb flehte der russische Verband, bei dem Mitte Juli Jewgeni Jurtschenko nach nur fünf Monaten als Präsident schon wieder zurücktrat, in dem Schreiben an Coe, die anstehende Entscheidung doch bitte zu vertagen. Man konnte die Strafe (Frist 1. Juli) schlicht nicht zahlen, weil der Verband nicht über "ausreichende Mittel" verfüge. Man sei aber bemüht, "externe Finanzmittel" zu beschaffen. Und überhaupt sei man entschlossen, wieder "ein vertrauenswürdiger Verbündeter der Welt-Leichtathletik" zu werden und "sich an die Forderung nach sauberem Sport anzupassen".
Seit der Suspendierung Russlands im November 2015 wegen des Doping- und Betrugsskandals wurden immer wieder viele Versprechungen gemacht, unbelastete Athleten konnten auch den Status eines neutralen Sportlers beantragen - um bei internationalen Wettkämpfen wie Weltmeisterschaften zu starten. Doch diese Privilegien könnten nun endgültig einkassiert werden. Und deshalb geht bei Lassizkene und Co. die Panik um, nach Rio auch die Olympischen Spiele in Tokio zu verpassen.

Rodtschenkow fordert Ausschluss

Lassizkene bat zuletzt sogar Wladimir Putin um Hilfe. Der allmächtige Staatspräsident, der "sehr geehrte Wladimir Wladimirowitsch", möge sich der Sache annehmen und die "katastrophalen Zustände" in der russischen Leichtathletik beenden. Viele Topathleten sind mittlerweile so frustriert, dass sie Russland den Rücken kehren und für andere Länder starten wollen. Oder daran denken, ganz hinzuschmeißen. "Es ist eine Schande. Nach fünf Jahren sind wir immer noch keinen Schritt weitergekommen. Manchmal will ich einfach diesen ganzen Schmutz hinter mir lassen, in dem wir anscheinend für immer feststecken, Richtung Sonnenuntergang laufen und nie mehr etwas mit diesem Sport zu tun haben", schrieb Sidorowa zuletzt in den sozialen Netzwerken.

Stabhochsprung-Weltmeisterin Anschelika Sidorowa

Fotocredit: Getty Images

Egal was Coe und seine Kollegen entscheiden, für Doping-Whistleblower Grigorij Rodtschenkow wird die Strafe nicht weit genug gehen. Der 61-Jährige fordert den Ausschluss aller (!) russischen Sportler von den Sommerspielen in Tokio. "Es sollte ein Pauschalverbot ohne Ausreden und ohne Zulassung für die Athleten geben", sagte der ehemalige Leiter des Moskauer Dopinglabors, der im Zeugenschutzprogramm des FBI in den USA lebt, im "BBC"-Interview.
(SID)
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