"Hilf mir, Anton!" Noël van 't End ist nicht gläubig. Nicht in einem religiösen Sinn. Aber an diesem Tag musste er von der Macht des Geistes und seinen innewohnenden Kräften überzeugt werden. Es war der 29. August 2019. Vom Erwachen um 8 Uhr morgens bis zu seinem letzten Kampf - die Krönung seiner Karriere, die ihn an die Weltspitze hieven würde - fühlte sich der niederländische Judoka von der Anwesenheit seines legendären Vorgängers in Besitz genommen.
Die Budokan Hall in Tokio ist das Mekka des Judo, ein Tempel, der für die Olympischen Spiele in Tokio 1964 errichtet wurde und in dem auch im kommenden Jahr die Judo-Veranstaltungen der verschobenen Sommerspiele 2021 stattfinden werden. Im vergangenen Jahr war der Nippon Budokan - mit seiner sehr auffälligen achteckigen Architektur - Austragungsort der Judo-Weltmeisterschaft. "Als ich den Budokan betrat", erinnert sich van 't End, "gab es überall Plakate von Anton Geesink. Ich konnte seine Anwesenheit spüren wie Vibrationen. Also bat ich ihn vor jedem Kampf, mir zu helfen. Insbesondere vor dem Finale ..."
Als er vor dem Kampf um die WM-Goldmedaille auf die Tatami-Matte trat, trat van 't End auch in die Fußstapfen seines übergroßen Landsmanns Geesink. 35 Jahre später stand auch er einem japanischen Judoka gegenüber - wieder in Tokio, wieder im Budokan, wieder vor einem erwartungsvollen japanischen Heimpublikum. "Ich schloss die Augen und bat Anton ein letztes Mal um Hilfe, um diesen Japaner zu besiegen, genau wie er es damals getan hatte."
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Mit dem Sieg über Shoichiro Mukai gewann Noël van 't End den ersten Weltmeistertitel für die Niederlande seit zehn Jahren. Er ist bis heute davon überzeugt, dass er vom Geist der Legende aus Utrecht getragen wurde. "Anton war den ganzen Tag bei mir", sagte er hinterher.

Die großen Olympia-Geschichten: Geesinks Gold-Coup im Mekka des Judo

Eine Offenbarung im Alter von 14 Jahren

Dieses Mal, als van 't End Gold gewann, vergoss Japan keine Träne. Die führende Nation im Weltjudo hat gelernt, die Beute zu teilen. Mukais Niederlage auf heimischem Boden war eine Enttäuschung, aber kein nationales Drama. Bei den Olympischen Spielen in Tokio vor 55 Jahren war das eine ganz andere Geschichte. Damals gelang es einem Mann - wenn auch einem Mann von Anton Geesinks überragender Statur - ein ganzes Land in die Knie zu zwingen.
An diesem Herbstabend im Jahr 1964 festigte der Riese aus der europäischen Tieflandebene nicht nur seinen Platz im Pantheon des Judo und in den Geschichtsbüchern der Olympischen Spiele, er veränderte für immer das Gesicht seines Sports und erlangte nicht nur in den Niederlanden Kultstatus. Kaum zu glauben ist, dass Geesink trotz der darauf folgenden nationalen Trauer auch in Japan zu einem Halbgott erhoben wurde. Auch sein Tod im Jahr 2010, im Alter von 76 Jahren, löste in beiden Ländern vergleichbare Trauer und Bestürzung aus.
Wer einmal in Utrecht halt macht, darf die imposante Bronzestatue des vielleicht berühmtesten Sohnes der Stadt nicht verpassen. Nach Anton Geesink ist auch eine Straße benannt - dieselbe Straße, in der er 1934 geboren wurde. Als schlaksiger Teenager arbeitete er in seiner Freizeit als Maurer. Aber Sport war früh seine Leidenschaft: Fußball, Schwimmen, Leichtathletik - egal was, Anton versuchte sich in allem. Bis er eine Offenbarung hatte. "Eines Tages", so erzählte er es im französischen Fernsehen, das ihm 1962 eine Reportage widmete, "nahm ich an einem Demonstrationswettbewerb eines französischen Judoka teil. Ich wusste sofort, dass ist es, was ich tun wollte. Ich war 14 Jahre alt."

Anton Geesink bejubelt seinen Sieg im Olympia-Finale 1964 gegen Akio Kaminaga

Fotocredit: Getty Images

Bäume heben im Maurenmassiv

Dies war für ihn der Beginn einer ganz besonderen Bindung zu Frankreich. In Paris, nur vier Jahre nach seinen ersten Schritten auf den Tatami-Matten, gewann er den ersten seiner insgesamt 21 Europameistertitel. Und wieder in der französischen Hauptstadt wurde er fast ein Jahrzehnt später Weltmeister. Geesink prägte die Grundlagen seines Sports wie kein anderer.
Frankreich war für Anton Geesink Synonym für harte Arbeit. Er verbrachte alle seine Sommer in Beauvallon, in der Nähe des berühmten Badeortes Saint-Tropez. Hier im Camp du Golf Blue traf sich die Creme de la Creme des europäischen Judo, hier fand er perfekte Bedingungen für seine harte Trainingsarbeit und die Möglichkeit einer exzellenten Entspannung. In diesem Hotelcamp knüpfte Geesink Kontakte zu zwei großen Persönlichkeiten des französischen Judos, die nicht nur seine härtesten europäischen Rivalen waren, sondern auch zwei enge Freunde wurden: Henri Courtine und Bernard Pariset.
Eric Pariset, Bernards Sohn, hat diesen Berg von Mann immer noch vor Augen, der ihm so breit wie ein Ochse erschien, als sie sich Ende der 1950er Jahre das erste Mal begegneten. "Das vierjährige Kind, das ich war, hatte natürlich keine Ahnung, was professionelles Judo ausmachte", schreibt er in seinem Blog. "Aber im Rückblick beeindruckte mich dieser Riese genauso durch seine Größe wie durch seine Muskeln, sein entschlossenes Gesicht und seine sehr tiefe Stimme. Kurz gesagt, ich fand den Kerl faszinierend."
Für Henri Courtine war es Geesinks einzigartiger Arbeitsethos, der ihn auszeichnete. Courtine hat Geesink genau beobachtet. "Man sagt, Anton Geesink habe wegen seines außergewöhnlich großen und muskulösen Körpers so oft gewonnen, aber seine wahre Stärke lag in seiner Gründlichkeit", sagte er der Zeitschrift "L'Esprit du Judo". "Er hat nie eine Pause gemacht. Im Sommercamp war er immer zuerst im Bett und dann, am nächsten Tag, stand er um 6 Uhr morgens auf, um über die Bucht zu schwimmen! Und den ganzen Morgen über trainierte er vor Ort mit Baumstämmen." Denn der Riese von Utrecht stemmte nie Gewichte: Sein Ding war es, ins Massif des Maures zu gehen und Baumstämme zu heben.
Pariset, den Geesink einst als seinen "härtesten Gegner außerhalb Japans" bezeichnete, und Courtine konnten sich einige Jahre lang mit dem niederländischen Koloss messen. Gegen Ende des Jahrzehnts stellte der Niederländer seine Zeitgenossen immer deutlicher in den Schatten. Courtine erinnert sich: "Bis 1958 war er noch in Reichweite. Aber nach der Europameisterschaft in Barcelona hatten wir alle das Gefühl, dass er uns in Siebenmeilenstiefel enteilt war. Von diesem Zeitpunkt an hatten wir keine Chance mehr. Ich trauere nicht den Preisen hinterher, die ich möglicherweise gewonnen hätte, wenn ich nicht gegen ihn hätte antreten müssen. Tatsächlich wird die schönste Erinnerung an meine Karriere immer die sein, wenn ich es einmal geschafft hatte, ihn aufs Kreuz zu legen."

Anton Geesink bejubelt Gold bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio

Fotocredit: Getty Images

Michigami, die Begegnung seines Lebens

Um bei der Wahrheit zu bleiben, würde es nach 1955 auf europäischer Ebene niemand mehr gelingen, Anton Geesink in einem offiziellen Wettbewerb zu besiegen. Seine Ziele hatten sich nun auf den Rest der Welt fokussiert. Das passierte zum richtigen Zeitpunkt, denn die erste Judo-Weltmeisterschaft fand 1956 natürlich im Mutterland Japan statt und natürlich in der Hauptstadt Tokio. Da es noch keine Einteilung in Gewichtsklassen gab, gab es nur ein Turnier für alle, offen für alle Klassen. Geesink war erst 22 Jahre alt. Er erreichte das Halbfinale, wo er gegen den zukünftigen Champion, den Japaner Shokichi Natsui, verlor, eher er Courtine im Kampf um die Bronzemedaille besiegte. Seine große Stunde war noch nicht gekommen.
Ungefähr zu dieser Zeit begann Geesink eine Zusammenarbeit mit dem Mann, der sein Leben verändern würde. Der Meister Haku Michigami, der jahrelang in Frankreich gelebt hatte und die treibende Kraft hinter der Globalisierung des Judo werden sollte, wurde Mitte der 1950er Jahre zum Sonderberater des niederländischen Judo-Verbandes ernannt. In dem ungeschliffenen Diamanten Geesink sah Michigami eine Gelegenheit, "einen Modelljudoka zu formen", wie er es später einmal dem japanischen Journalisten Kazunori Iwamoto erzählte.
Der junge Anton war noch nicht der imposante Titan, den jeder bald kennen würde. Er wog immer noch nur 82 Kilogramm. "Er hatte einen großen Kopf und einen langen Hals an einem schlanken, länglichen Körper. Für mich sah er aus wie eine Flasche Bier", erinnerte sich Michigami. Aber auch er sollte feststellen, dass sein Schüler ein begnadeter Schieber war.
Noch einmal Michigami: "Was mich an ihm beeindruckt hat, war die Ernsthaftigkeit seines Charakters. Die Holländer sind dafür bekannt, ernsthafte Menschen zu sein, gewissenhaft und fleißig, aber er hat seine Landsleute noch einmal übertroffen. Wenn man ihm gesagt hat, er solle rennen, dann rannte er dreimal weiter als die anderen. Wenn sie ihm nicht gesagt hätten, er solle sein Uchikomi-Training beenden, hätte er die ganze Nacht weitergemacht. Dank seiner eigenen Regeln haben sich sein dünner Hals und sein schlanker Körper bald massiv verändert." In seiner großen Zeit wog Geesink 130 Kilo, perfekt auf 1.98 Meter Größe verteilt.

Anton Geesink (oben) ringt Koji Sone während eines WM-Kampfs 1961 zu Boden

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Judo wird am Boden entschieden

Der erste seismische Ausschlag von Anton Geesink wurde im Frühjahr 1961 während der dritten Judo-Weltmeisterschaft im französischen Coubertin dokumentiert. Geesink hatte seine Gegner, einschließlich der Japaner, komplett im Griff und auch im Finale den Titelverteidiger Koji Sone dominiert. Es war der erste Stein, den Geesink in den japanischen Garten seiner zukünftigen Gastgeber geworfen hatte, gedacht als ein Warnzeichen drei Jahre vor den Spielen in Tokio, bei denen Judo auf Geheiß des Gastgebers zum ersten Mal auf dem olympischen Programm stehen sollte.
Einige Monate nach diesem bahnbrechenden Triumph machte sich der Niederländer seinen eigenen Reim auf die Selbstüberschätzung seiner orientalischen Rivalen, die sich dadurch öffentlich brüskiert fühlten. "Ich denke, dass die Japaner mit ihren aufgeblasenen Egos nach Frankreich gekommen waren. Sie dachten, sie seien sehr, sehr stark, aber nach dem ersten Kampf konnten wir alle sehen, dass die japanischen Judokas keine Athleten waren. Sie arbeiten nur im Judo, nur mit der Technik, wir arbeiten darüber hinaus auch sehr hart außerhalb unseres Sports."
Neben seiner Tirade gegen das japanische Judo scheute sich der neue Weltmeister auch nicht, seine eigenen Grenzen infrage zu stellen. Dieses Selbstbewusstsein war eine weitere seiner großen Stärken. Zum Beispiel stand er seinen Leistungen während der WM in Frankreich - trotz seiner Goldmedaille - sehr kritisch gegenüber. "Nach diesem Sieg", erklärte er, "wurde mir klar, dass mein Judo noch nicht reif genug war, besonders wenn es um meine Bodentechnik ging. Also machte ich mich wieder doppelt so hart an die Arbeit."
Geesink verbrachte drei Monate in Japan an der Tenri-Universität in Nara, wo er ausschließlich an seinen Bodentechniken des Ne-waza arbeitete, die er als das Judo der Zukunft betrachtete. Geesink monierte später in einem seiner elf Bücher, dass die Bodentechnik von vielen japanischen Judoka-Puristen als geringfügig angesehen wurde. "Sie sind meiner Meinung nach zu romantisch, weil sie darauf bestehen, den Wettbewerb durch einen spektakulären Wurf zu entscheiden." In Tenri, in der mythischen Heimat des Judo, hat der Niederländer sein Handwerk mit viel Schweiß und harter Arbeit zusammen mit einigen der besten Judoka der Welt verfeinert.
Als erster nicht-japanischer Athlet, der bei einer Weltmeisterschaft in einer offenen Gewichtsklasse gewonnen hat, hat man Geesink vergeben, dass er selbst ein wenig großspurig daher kam. Immerhin machte ihn der Sieg zu einem Nationalhelden: Er wurde in einem Cabrio durch die Straßen von Utrecht gefahren, und die Stadt bot ihm an, einen Anbau seines Hauses kostenlos zu übernehmen. Um mit dieser Aufmerksamkeit fertig zu werden, brauchte es eine Seele, deren Statur seinem mächtigen Körper entsprach. Und für Haku Michigami war das tatsächlich der Fall: "Die Haltung seiner Entourage, die sich völlig verändert hatte, und die übermäßige Aufmerksamkeit, die ihm von der Öffentlichkeit zu Teil wurde - all das erschreckte ihn. Das gab einen wahrhaftigen Blick frei auf den Typ Mann, der er war."

Anton Geesink (rechts) im Gespräch mit der ehemaligen niederländischen Königin Beatrix.

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Spirituelle Anforderung des Bushidō

Alles, was jetzt noch fehlte, war, dass Geesink den Olymp eroberte. Zumindest wenn es darum ging, den noch fehlenden Titel zu gewinnen. Medaillen aber waren nicht die einzige Essenz von Haku Michigamis Suche nach dem Inbegriff des Judo. "Was mich dazu veranlasste, Judokas im Ausland auszubilden, war sicherlich nicht, sie Titel gewinnen zu lassen. Der Grund, warum ich auf die andere Seite der Welt gezogen bin, war, dass ich von dem Wunsch inspiriert war, die Menschen dazu zu bringen, den Geist des authentischen Bushidō zu erfassen, den japanischen Weg der Krieger aus der Antike."
Geesink hatte seinem Mentor gezeigt, dass er in der Lage war, die sportliche Hierarchie kippen zu können, um - ähnlich einem Samurai - seine eigene Vormachtstellung zu etablieren. Aber konnte er dauerhaft den spirituellen Anforderungen seines Mentors gerecht werden? Das war die doppelte Herausforderung, die sich Geesink in Tokio stellen musste.
1964 war Geesink 30 Jahre alt. Sein erster olympischer Versuch würde zugleich auch sein Letzter sein. Das wusste er. Der baumhohe Star des Oranje-Königreichs hatte schon gehofft, bei den Spielen in Rom 1960 als Teil des niederländischen griechisch-römischen Ringer-Teams antreten zu können, in das er aufgenommen worden war (tatsächlich war Geesink auch dreifacher nationaler Meister im Ringen). Aber das IOC schloss ihn mit Hinweis auf den Profi-Paragraphen aus, Geesink war auch als Judo-Ausbilder und Trainer tätig. Damals waren nur reine Amateure zu Olympia zugelassen. Seine Premiere war zugleich auch sein olympischer Abschied und all das kulminierte an diesem Abend im Budokan.
Geschockt durch die niederländische Machtdemonstration bei der WM im Jahr 1961, hatten die Japaner auf die Einführung von Gewichtsklassen gedrängt und vom IOC auch erhalten. Ziel war es, ihre Chancen auf Medaillengewinne zu erhöhen. Vier Veranstaltungen standen daher auf dem Programm: Das Leichtgewicht (unter 68 kg), Mittelgewicht (unter 80 kg), Schwergewicht (über 80 kg) und die offene Klasse, die sogenannte Openweight Divison. Japan hatte in den ersten drei Klassen souverän Gold gewonnen. Aber es fehlte noch die Entscheidung in der prestigeträchtigsten Judoklasse, die offene Gewichtsklasse, in der die imposante Gestalt von Geesink noch eine große Rolle spielen sollte. Für Japan war Gold fest eingeplant und ein Misserfolg undenkbar.

Anton Geesink bei der Olympia-Siegerehrung 1964

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Selbst der Kaiser schien beeindruckt

Der niederländische Schriftsteller und Journalist Ian Buruma war zum Zeitpunkt des Tokio-Triumphes seines berühmten Landsmanns 13 Jahre alt. Buruma wurde zu einem Kenner Japans, sein Buch The Missionary and The Libertine ist eine Sammlung von Reflexionen und Gedanken, die sich mit der wechselseitigen Sichtweise zwischen Ost und West befassen. Es wurde im Jahr 2000 veröffentlicht und enthält einen Aufsatz, den Buruma neun Jahre zuvor für die New York Times geschrieben hatte. In diesem Artikel erklärte er, wie Judo in den 1960er Jahren im Land der aufgehenden Sonne wahrgenommen wurde: "Judo war nicht nur ein Nationalsport, es symbolisierte den japanischen Weg - spirituell, diszipliniert, unendlich subtil; gegen diesen orientalischen Spirit würde die rohe Muskelkraft aus dem Westen unweigerlich den Kürzeren ziehen. Eine Niederlage in der wichtigsten Kategorie würde als Verstoß gegen ihren way of life angesehen werden."
Ein Hinweis auf die Angst, die Geesink im Land auslöste, war der geplante Besuch von Kaisers Hirohito im Budokan, der sicherheitshalber um einen Tag vorgezogen wurde. Am Donnerstag, den 22. Oktober 1964, erschien der 124. Kaiser Japans in der Halle, die für das Gastgeberland während der vier Wettkampftage im Judo das Epizentrum der Spiele war. Es war der Tag des Schwergewichtsfinales, das von Isao Inokuma pflichtgemäß gewonnen wurde und der Tag vor Geesinks Verabredung mit seinem japanischen Schicksal.
Geesinks Goldfight gegen Akio Kaminaga an jenem Freitag war ein Déjà-vu. Die beiden Judokas hatten sich bereits in der Vorrunde gegenübergestanden, als Geesink das japanische Idol, auf dessen Schultern die Erwartung einer ganzen Nation lastete, nach Belieben dominierte und einen Routinesieg einfuhr. Das Round-Robin-Format des Turniers ermöglichte es, dass man auch mit einer frühen Niederlage noch weiterkommen konnte. Kaminaga, der sich kurz vor Olympia eine Kniebandverletzung zugezogen hatte, hatte immer noch die Möglichkeit, Gold zu holen.
Nach ihrem ersten Zusammentreffen gingen Kaminaga und Geesink im Turnier getrennte Wege. Was sie einte, war ihre Furchtlosigkeit. Kaminaga stellte sogar einen Rekord für den schnellsten Sieg in der Geschichte des Judo auf - in nur vier Sekunden hatte er den Filipino Thomas Chi Hong Ong am Boden. Ein Rekord, der bis 1991 halten sollte. Geesink war nicht weit dahinter: Im Halbfinale brauchte er gerade mal 12 Sekunden, um den Australier Ted Boronovskis abzufertigen.
Trotz seiner vielversprechenden Form bekam es der Niederländer vor seinem letzten Kampf mit der Angst. Geesink beschloss, Michigami anzurufen, der mit einigen französischen Studenten in Japan war. "Anton hatte mich darüber informiert, dass er besorgt war und wollte, dass ich zu seinem Kampf komme", erklärt der japanische Meister. "Also eilte ich in die Halle und konnte auf diese Weise genau beobachten, wie sich alles entwickelte."

Kaminaga so hilflos wie ein kleines Kind

Für das in den Augen des Gastgeberlandes wichtigste Event der Spiele von 1964 war die Budokan-Halle rappelvoll. 15.176 Menschen drängten sich hinein und oszillierten fieberhaft zwischen der Hoffnung auf einen Sieg für Kaminaga, der die Medaillensammlung der japanischen Judokas vervollständigen würde, und der Angst, dass der 130-kg-Herausforderer aus den Niederlanden ihnen einen ebenso historischen, allerdings sehr schmerzhaften Moment aufbürden könnte. Jedes Szenario würde einen emotionalen Tsunami auslösen.
Zu Beginn der neunten Minute war der spannende Kampf auf des Messers Schneide. Geesink spekulierte auf einen Tai-Otoshi-Versuch seines Gegners und warf Kaminaga seinerseits auf die Matte, um ihn mit einem Hon-Kesa-Gatame-Haltegriff festzuschnüren. Um Olympiasieger zu werden, musste er Kaminaga jetzt 30 Sekunden lang am Boden halten. Geesink hatte die Bodentechnik zu seiner Obsession erklärt - und genau jetzt zahlten sich die Monate des Übens und Nachschärfens seines Ne-waza an der Tenri-Universität aus.
Eine halbe Minute erschien ihm wie eine Ewigkeit. Kaminaga war hilflos. Er bemühte sich verzweifelt, sich zu befreien, aber im Griff des niederländischen Riesen war er so gut wie bewegungsunfähig. Er schlug mit seinen Beinen aus, um sich aufzurichten, aber er wurde von dem zwei Meter hohen Koloss aus Utrecht, der mehr als 20 kg schwerer war, niedergehalten. In dieser "tödlichen" Falle hielt Geesink den Blick immer auf seinen zappelnden Gegner gerichtet - als wollte er seine Qual in Kaminagas Augen lesen können. Unter dem massigen Körper von Geesink kämpfte Kaminaga wie ein verzweifeltes Kind - vergeblich.
Die Stille, die sich mit einem Mal im Budokan ausbreitete, hinterließ bei allen Anwesenden einen unauslöschbaren Eindruck. Die Menge erhob sich gemeinsam, um Geesink für einen kurzen Moment zu applaudieren, bevor sie sich wieder hinsetzte. Dann brachen viele in Tränen aus. In den Straßen Tokios und in allen großen Städten Japans, in denen Fernsehbildschirme in Schaufenstern installiert worden waren, standen Zuschauer zu Tränen gerührt auf den Straßen. Die Menschen im Westen hatten Schwierigkeiten, das Gefühl der kollektiven Schande zu verstehen, das die Japaner in diesem Moment empfanden. Ein ganzes Land stand unter Schock.
Wie Ian Buruma in seinem berühmten Artikel schrieb: "Hier in Tokio hatte ein großer blonder Ausländer Japan vor der ganzen Welt gedemütigt. Es war, als ob die Sonnengöttin ihrer Vorfahren von einer Bande außerirdischer Dämonen öffentlich vergewaltigt worden wäre."

Sportliche Sonnenfinsternis in Japan

Die siebzehnjährige Ada Kok saß an diesem Abend auf der Tribüne im Budokan. Die junge niederländische Schwimmerin, Silbermedaillengewinnerin über die 100 Meter-Schmetterling, hatte eine Erfahrung gesammelt, die sie nicht mehr vergessen sollte, wie sie vor ein paar Jahren dem Guardian erzählte: "Für mich war es damals nur ein Judokampf. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass ich eine Art Kulturschock für ganz Japan miterlebt hatte. Der Budokan schwieg. Es war total ruhig. Ich konnte Leute weinen hören. Es war, als hätte eine Sonnenfinsternis plötzlich ganz Japan verdunkelt. Es war ein Gefühl des Untergangs."
Jeder, der diesen Moment erlebte, so wie Ada Kok, war von der Stille beeindruckt, die sich in der Halle breitmachte. Stille und Tränen. Der Moment war umso stärker, als die japanischen Fans zum ersten Mal seit Beginn der Spiele, die sich allmählich ihrem Ende näherten, ihre Gefühle gezeigt hatten. Ein ganzes Volk, das einige bis dato für kalt und emotionslos hielten, ließ den Schleier fallen, um sein wahres Gesicht zu zeigen, ähnlich einer Geisha, die von ihrem Kimono und Make-up befreit war.
Geesink sagte Reportern, dass für ihn der richtige Umgang mit der Reaktion der japanischen Massen nach dem Kampf schwieriger gewesen sei als der Kampf selbst. In der Tat war das Ergebnis aus sportlicher Sicht den Regeln der Logik gefolgt. Jim Bregman, ein Bronzemedaillengewinner im Mittelgewicht des US-amerikanischen Judoteams, erinnert sich daran, dass alle Beamten und japanischen Mitarbeiter in der Umkleidekabine des Budokan geweint haben. Aber er hatte auch das Gefühl, dass die Gastgeber keinen Grund hatten, sich blamiert zu fühlen, und beschrieb Geesink als "ein technisches Genie, einen sehr mächtigen, sehr schnellen Judokämpfer mit vollendeten Fähigkeiten".

Michigamis wahrer Stolz

Anton Geesink nahm seinen Erfolg mit einer ungewöhnlichen Demut auf. Wie bei seinem Weltmeistertitel in Paris im Jahr 1961 versuchte das niederländische Team auf die Tatami zu springen, um ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. Der Sieger hatte Kaminaga kaum aus seinem Klammergriff gelöst, als er mit eindeutiger Geste seinen Landsleuten mit den Händen anzeigte, am Rand zu bleiben. Viel mehr als seine sportliche Leistung war es diese Haltung, die seinen Meister Haku Michigami mit Stolz erfüllte, wie der später erzählte:
"Mit der Geste hielt er die Holländer zurück, die außer sich vor Freude waren und auf die Tatami rennen wollten. Er verbeugte sich tief vor Kaminaga, seinem Gegner, dem japanischen Kronprinzen und der Prinzessin, der Königin von Holland und verließ die Halle mit großer Würde. Was ich gesehen hatte, war nicht weniger als die Manifestation dieses Geistes des Bushidō, für den ich so lange ein unermüdlicher Missionar gewesen war. Und ich denke, dass all diejenigen, die die Chance hatten, diesen Moment zu erleben, erkannten, dass vor ihnen ein stolzer Judoka stand."
Ein paar Tage nach den Spielen berührte der neue Olympiasieger die Herzen der japanischen Öffentlichkeit ein weiteres Mal, als er sich bereit erklärte, an mehreren Judoturnieren "Japan gegen den Rest der Welt" teilzunehmen. Sie fanden in vier verschiedenen Städten statt: Fukuoka, Tenri, Nagoya und Sendai. Geesinks Freund Bruno Carmeni, Judoka im Leichtgewicht, der vor den Olympischen Spielen drei Monate bei Geesink in Japan trainiert hatte, begleitete ihn. Der Italiener schrieb später: "Während die anderen Medaillengewinner wie Nakatani, Okano, Inokuma und Kaminaga absagten, committete sich Geesink zu den Veranstaltungen, obwohl er in Tokio viel Kraft gelassen hatte. Spätestens jetzt galt Geesink auch hier als unantastbar und wurde von allen respektiert."
Durch seine ritterliche Haltung hatte der Krieger Geesink den ewigen Respekt eines ganzen Volkes gewonnen, obwohl er es in so tiefe Verzweiflung gestürzt hatte. Japan würde seine Eleganz und seine Großmut niemals vergessen. In den folgenden Jahren erhielt der Riese aus Utrecht bei jeder seiner zahlreichen Reisen nach Fernost eine Begrüßung, die eines Staatsoberhauptes würdig war. Selbst während seines letzten Aufenthalts in Japan, er war bereits weit in seinen 70ern, erkannten ihn auf der Straße Kinder und Jugendliche, die weit nach den Tokioter Spielen geboren wurden und verneigten sich vor ihm.

Anton Geesink im Olympia-Finale 1964 gegen Akio Kaminaga

Fotocredit: Getty Images

Eine ganze Sportart steht in Geesinks Schuld

Ein Jahr nach Tokio holte sich Geesink in Rio de Janeiro seinen letzten Weltmeistertitel in der neuen Schwergewichtsklasse. Nach seinem allerletzten Kampf verbeugte und verabschiedete sich die lebende Legende von seinem Publikum. Geesink nutzte seine Bekanntheit und wechselte von der Judomatte auf die Leinwand. Er drehte einige unvergessliche Filme und machte viele mittelmäßige niederländische TV-Shows. In den 1970er Jahren ging Geesink als Profiringer nach Japan, bevor er den größten Teil seiner Zeit dem Unterricht und der weltweiten Bekanntmachung seines Judosports widmete. Seinem Meister Michigami, von dem er sich zwischenzeitlich entfernt hatte, hätte das viel besser gefallen als sein Flirt mit dem Fernsehen. Gegen Ende seines Lebens waren Geesink und Michigami wieder so eng wie zu ihren großen gemeinsamen Zeiten.
Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem olympischen Meisterwerk und fast 10 Jahre nach seinem Tod bleibt Anton Geesink eine der bedeutendsten Figuren in der Geschichte seines Sports. Judo schuldet ihm einen Großteil seiner heutigen Popularität. Die in Tokio ausgelegte Tatami war zunächst eine einmalige Angelegenheit. Bereits 1968 in Mexiko-Stadt war Judo nicht mehr Teil des olympischen Programms. Mittelfristig zeigte sich aber auch das IOC von der Sternstunde des Weltsports beeindruckt, die sich 1964 an einem frühen Herbstabend in Tokio zutrug und eng mit dem Namen Anton Gessink verbunden ist. Seit München 1972 ist Judo wieder fester Bestandteil des olympischen Wettkampfkalenders.
1997 wurde Anton Geesink als erster nicht-japanischer Judoka der 10. Dan verliehen, eine besondere Ehre für einen ausländischen Athleten im Mutterland dieses Sports. Geesink betonte, dass sein Sieg bei den Olympischen Spielen nicht nur ihm alleine gehöre. "Ich glaube", sagte er, "dass die Japaner meinen Sieg erst dann akzeptierten, als sie verstanden haben, dass Judo niemals olympischer Sport hätte werden können, wenn alle vier Goldmedaillen von Tokio von ihren Landsleuten gewonnen worden wären."
Dass Judo von der olympische Weltkarte des Sports heute nicht mehr wegzudenken ist, das ist wahrscheinlich Anton Geesinks größter Triumph.

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