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Heinrich-Blog: Was, wenn keiner mehr die Olympischen Winterspiele will?

Heinrich-Blog: Was, wenn keiner mehr die Winterspiele will?

01/11/2018 um 18:00

Hinter der Zukunft der Olympischen Winterspiele steht ein Fragezeichen. Immer weniger Städte und Bürger sind gewillt, das Spektakel zu finanzieren. Die Bewerbung Calgarys um die Spiele 2026 wackelt, und auch Mailand und Stockholm sind als Ausrichterstädte keinesfalls gesichert. Eurosport-Experte Sigi Heinrich betrachtet die Situation kritisch, hat aber auch einen Lösungsansatz.

Das nächste olympische Erdbeben hat noch einen Aufschub erhalten. Obwohl das städtische Olympia-Komitee in Calgary einen Rückzug der Bewerbung für die olympischen Spiele 2026 empfahl, hat der Stadtrat von Calgary erst einmal mit knapper Mehrheit an dem Projekt festgehalten.

Hauptdiskussionspunkt waren die Finanzen. Zwei Milliarden Euro müsste die öffentliche Hand stemmen.

Mit der jüngsten Entscheidung des Stadtrates bleibt die Entscheidung den Bürgern vorbehalten. Sie werden Mitte November in einem Referendum entscheiden, ob sie unter den gegebenen Voraussetzungen Olympische Spiele haben wollen. Denn ist ja ihr Steuergeld, das dafür verwendet werden müsste.

Erinnerung an Montreal

Mancher mag sich dann vielleicht an die Olympischen Sommerspiele in Montreal 1976 erinnern.

Drei Jahrzehnte zahlte man an den Schulden ab, die durch die Spiele entstanden waren. Zudem gelang den Kanadiern als Gastgeber kein Olympiasieg, was es übrigens auch noch nie gegeben hatte.

Würde man einen Anruf in Nagano tätigen und nachfragen, wie man denn in Japan dort 1998 über die olympischen Runden kam, würde sich das gleiche Bild ergeben. Katzenjammer und leere Kassen.

Es gibt Wichtigeres als Sprungschanzen

Über allem steht ein Trend: Niemand kann, niemand will mehr die finanziellen Garantien, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) neben anderen Forderungen an die Ausrichter stellt, übernehmen.

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Es gibt nämlich wirklich Wichtigeres, als im olympischen Zyklus ständig neue Skisprunganlangen, Bobbahnen oder Biathlon-Stadien zu bauen. Oder Bäume in die ewigen Jagdgründe zu schicken, weil wieder eine Schneise für eine Abfahrt in einen bis dahin unberührten Wald geschlagen werden muss.

Neben den finanziellen Risiken sind es die Bürger in möglichen Bewerberstätten leid, dem edlen Zirkel aus Lausanne mit ihren Steuergeldern weiter zur großen Party zu verhelfen.

In München, Sion und Innsbruck, drei wirklich tollen Städten mit perfekter Infrastruktur für Wintersport, haben die Menschen dem IOC einen Korb gegeben. Calgary könnte einen ähnlichen Ausgang erleben.

Alarmglocken in Lausanne

Bei IOC-Präsident Thomas Bach müssten täglich die Alarmglocken klingeln, so laut, dass es kaum noch zu ertragen ist. Denn allmählich wird guter Rat wirklich teuer.

Fällt Calgary aus bleiben noch Stockholm und Mailand. Allerdings wurde jüngst in Schweden gewählt - und die neue Regierung will kein Geld für olympische Spiele bereitstellen.

Damit droht in Schweden das Aus. Auch wenn das dortige Nationale Olympische Komitee noch so tut, als wäre alles gut.

In Italien gibt es derweil in der neuen Regierung ebenfalls keine Befürworter für die fünf Ringe und Geld schon gleich gar nicht.

Gute Bewerber sehen anders aus

Zudem sind die Bewerber Stockholm und Mailand nicht eben gute Bewerber. Viel zu weit sind die Wege.

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Stockholm würde mit Are (Ski alpin) und Östersund (Biathlon) ins Rennen gehen. Eine Flugstunde liegen die Destinationen auseinander.

In Italien scheint es so zu sein, als kenne man das eigene Land nicht. Mailand bewirbt sich nämlich mit Cortina d'Ampezzo. Einfache Fahrzeit zwischen beiden Orten: sechs Stunden. Im Sommer.

An die Mautgebühren will ich gar nicht denken, die bei Olympischen Spielen ja nicht wegfallen, wie ich in Turin seinerzeit feststellen musste.

Erst jetzt, im Nachklang von PjeongChang, wird uns klar, wie toll diese Spiele in Südkorea waren. Zumindest, was die Sportstätten und deren Erreichbarkeit betraf.

Es droht ein Horrorszenario

Das IOC steht dicht vor einem Horrorszenario ohne Bewerber für Winterspiele dazustehen.

Nach Peking, 2022, das auch schon davon profitierte, dass bei der Wahl 2015 nur noch Almaty in Kasachstan als weiterer Bewerber zur Verfügung stand.

Begeisterung für die Winterspiele in China, die weitreichende Eingriffe in die Natur erfordern und riesige Distanzen zwischen den Wettkampfstätten aufweisen, findet sich schon jetzt schwer.

Das IOC muss selbst finanzieren

Dabei ginge es einfacher und viel besser. Ein Beispiel gefällig. Das Nationale Olympische Komitee Italiens (CONI) könnte Spiele in Südtirol und im Trentino - zusammen vielleicht mit Innsbruck – in Erwägung ziehen. Es ist alles da. Alles.

Skispringen im Fleimstal, Ski alpin in Gröden und Cortina d'Ampezzo, Eishallen in Bozen und Meran und eben in Innsbruck.

Biathlon in Antholz, Langlauf in Toblach. Und genug Hotels gibt es auch. Nichts müsste gebaut werden. Nachhaltigkeit hieße das Zauberwort.

Aber politisch wäre natürlich eine solche Bewerbung in Italien nicht durchsetzbar.

In München wären die Sportstätten auch vorhanden gewesen. Und hätte es aus Lausanne Zeichen der Bescheidenheit gegeben, dann hätte es vielleicht geklappt.

Zum Glück steht das IOC finanziell gut genug da, um eventuell, wenn alle Stricke reißen, die Finanzierung selbst zu übernehmen, wenn keiner mehr will oder kann. Man müsste sich quasi einkaufen.

Angeblich wäre Salt Lake City für eine solche Idee zu gewinnen. Aber das funktioniert maximal einmal.

Danach hieße es unweigerlich: Quo vadis, Olympische Winterspiele?

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