Als hätte das Virus nur darauf gewartet, Thomas Bach eins auszuwischen. Nicht ein einziges sportliches Großevent, sagte der oberste Olympier noch vergangene Woche, habe sich "als Virus-Spreader herausgestellt und die Gesundheit der Bevölkerung gefährdet". Mehr als 50 Corona-Fälle bei der Hallen-EM der Leichtathleten im polnischen Torun haben die Worte des IOC-Präsidenten Makulatur werden lassen.
Immer stärker zeigt sich: Um die Olympischen Spiele in Tokio nicht zum "Super-Spreader" werden zu lassen, werden auch beste Test- und Hygienekonzepte nicht ausreichen.
"Olympia ist ein Riesenproblem. Die brasilianische und die britische Corona-Variante sind so ansteckend, man muss Bauchschmerzen haben", sagt der Kölner Sportmediziner Wilhelm Bloch im "SID"-Gespräch.
Olympia Tokio 2020
Russische Leichtathleten dürfen unter neutralem Status bei Olympia starten
18/03/2021 AM 18:05
Deshalb gibt es für den Professor der Deutschen Sporthochschule Köln nur einen Schluss: "Wir können einigermaßen sichere Olympische Spiele kaum durchführen, ohne dass die Athleten geimpft wurden. Impfung ist der Schlüssel zu allem."

IOC ordert chinesischen Impfstoff

Vier Monate vor Beginn der Spiele steigt der Handlungsdruck auf das IOC. Bach ist sich durchaus bewusst, welche Schlüsselrolle Vakzine für Tokio spielen werden. Das IOC hat chinesischen Impfstoff geordert, die Initiative sei "ein Meilenstein für die Sicherheit der Olympischen und Paralympischen Spiele".
Nur: Die Probleme werden dadurch nicht kleiner. Der chinesische Impfstoff ist nicht weltweit zugelassen, für deutsche Sportler zum Beispiel deshalb keine Option, die Verfügbarkeit von Vakzinen generell bereitet Sorgen. "Für eine Impfung wird die Zeit sehr knapp", sagte Fechter Max Hartung der "FAZ".
Der 31-Jährige, nach dem ebenfalls gründlich misslungenen Weltcup am vergangenen Wochenende in Budapest (30 Infektionen unter 400 Sportlern) derzeit als "Erstkontakt" in Quarantäne, will nicht "einem 70-Jährigen, einem Krankenpfleger oder jemandem mit Vorerkrankung eine Impfdosis wegnehmen". Aber: "Ich will, dass man darüber spricht, wann in der Priorisierung Sportler an der Reihe sein können."
Die Diskussion wird nicht zuletzt eine ethische sein. "Ich gehe davon aus, dass Japan nur Geimpfte ins Land lässt", sagte Thomas Weikert, Chef des Tischtennis-Weltverbandes ITTF, dem "SID": "Unsere Gesellschaft muss sich fragen, was ihr ein erfolgreicher Auftritt unserer Sportler bei Olympia wert ist."
Sportmediziner Bloch verweist auf die gesellschaftliche Verantwortung: "Wir haben eine Vorsorgepflicht. Wir schicken Athleten in den gefährdeten Raum, dann müssen wir auch für ihren Gesundheitsschutz sorgen."

Cindy Roleder: "Sichere Spiele sind ein Irrglaube"

Vor allem der Hintergrund der Desaster von Torun und Budapest besorgt ihn: "Das zeigt, dass wir keine hundertprozentige Sicherheit durch Teststrategien und Hygienekonzepte schaffen können." Was bei 700 Teilnehmern aus 47 Nationen in Torun schon böse endete, könnte in Tokio verheerende Ausmaße annehmen: "Da sind Sportler aus 200 Ländern - sie kriegen ein Sammelsurium von Mutationen, das können sie sich nicht vorstellen."
Derartige Aussichten vergrößern die Zahl der Olympia-Skeptiker unter den Athleten. "Es macht mich sehr nachdenklich", schrieb Hürdensprinterin Cindy Roleder bei Facebook: "Ich hinterfrage die Sinnhaftigkeit der Olympischen Spiele zur jetzigen Zeit. Sichere Spiele sind ein Irrglaube." Kugelstoßerin Christina Schwanitz, anders als Roleder in Torun selbst am Start, sagte dem Deutschlandfunk: "Niemand kann die Verantwortung übernehmen zu sagen: Ich riskiere es, dass andere sich anstecken."
Somit bleibt lediglich der Ausweg Impfung, über die Umsetzbarkeit fordern Hartung, Bloch und viele andere Debatten. Nur: 18 Wochen vor der Eröffnungsfeier in Tokio ist dafür kaum noch Zeit.
Das könnte Dich auch interessieren: Nach "Olympig"-Eklat: Tokios Kreativdirektor Sasaki tritt zurück
(SID)

#SotipptderBoss: Leverkusen patzt in Berlin

Olympia Tokio 2020
Hockey-Olympiasieger Fürste baut Corona-Testzentren
18/03/2021 AM 17:42
Olympische Spiele
Japans WM-Heldin Kawasumi verzichtet auf Fackellauf in Tokio
16/03/2021 AM 10:13